Mein Wort-Schatz

Die Sprache, die wir zuerst lernen, gehört zu uns, schafft Identität. Ihre Wörter und Redewendungen, ihre wohl klingenden und abstoßenden Vokabeln haben wir dabei. Mag sein, dass die Muttersprache nie wirklich gut gelernt wurde, dass eine andere dazukommt. Mag sein, dass wir an Orten leben, die uns oder unseren Dialekt nicht verstehen – jede und jeder redet oder gebärdet. Wir brauchen Worte, um andere zu verstehen und verstanden zu werden. Unsere Sprache ist uns vertraut. Um sie wird gestritten, etwa beim geschlechter-bewussten Gebrauch, mit ihr wird Politik gemacht – als Amtssprache, zur Unterdrückung und als Ausdruck des Stolzes – dann aber aufs Vaterland. Wir fragen Menschen, die hier in der Region leben, was sie in ihrer Muttersprache besonders erinnern, bewahren. Ein Gedicht, eine Redewendung, einen Halbsatz. Wort-Schätze eben, die wir alle haben.


06 modebadze

Die Zeiten regieren, nicht die Könige

Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht an diese georgische Weisheit denke. Wir meinen, alles kontrollieren und planen zu können, doch die Zeit hat das Sagen. Nichts können wir erzwingen, wenn die Zeit dafür noch nicht reif ist, genauso wie wir nichts hinauszögern können, wenn etwas soweit ist.

Ich bin in Georgien geboren und habe dort gelebt bis ich 18 war. Ich nehme Georgien als meine leibliche Mutter wahr, die mich schweren Herzens loslassen musste, da sie mir nicht alle Perspektiven bieten konnte, die ich mir gewünscht hatte. Sie hat mich zu meiner Adoptivmutter – Deutschland – geschickt, die mich sehr gut angenommen hat. Aber die leibliche Mutter bleibt eben immer DIE Mutter. Ich freue mich immer, wenn die Menschen sich für Georgien interessieren. Es ist so, als würde man sich für meine Person interessieren. Als ich ein Kind war, waren wir sehr arm und perspektivlos. Die Kunst hat mir geholfen, mich an meinen Träumen festzuhalten. Ob kalte Klassenzimmer, verlassene Gebäude oder der Innenhof unseres Plattenbaus: Ich habe mit meinen Freunden überall „Konzerte“ gemacht. Unsere Zuschauer haben das genossen. Es war ihre einzige Verbindung zu Kunst. Kunst ist kein Luxus, sondern überlebenswichtig, gerade in den Krisenzeiten. Das ist meine Lehre. 

Veriko Modebadze (37) ist Schauspielerin und Regisseurin. Sie engagiert sich im georgischen Verein INKO e.V in Nürnberg, ist Leiterin der Kindertheatergruppe „Tolia“, betreibt eine Pop-up-Galerie mit fünf anderen Künstlern aus dem Raum Nürnberg. veriko-modebadze.de
Foto: Christian Mitschke

 
 

05 bayraktar

Bezahlen auf Deutsch

Das ist eine Redewendung, die sich in der Türkei eingebürgert hat. Es bedeutet, dass jeder nach dem Essen getrennt für sich bezahlt. Der Spruch verbindet beide Länder und zeigt, wie sich Grundzüge einer Kultur in einer anderen niederschlagen. Und natürlich ist es eine Zuschreibung, die nicht hundertprozentig stimmt. Ich bin hier als Kind sogenannter Gastarbeiter aufgewachsen. Sogenannt, weil man Gäste ja eigentlich nicht arbeiten lässt. Wir türkischen Kinder sind damals alle in die Holzgartenschule gekommen, wir hatten den gesamten Unterricht auf Türkisch, bis auf Heimat- und Sachkunde und Deutsch. Weil man davon ausging, dass die Türken ja alle wieder gehen. Es gab im Alltag wenige Kontakte zwischen Türken und Deutschen. Das war auf beiden Seiten so gewollt. Hans und Ali haben gemeinsam in der Fabrik gearbeitet, den Feierabend hat jeder in seiner Kultur verbracht. Zum Glück ist da in den letzten 60 Jahren viel Gutes passiert. Inzwischen haben wir türkischstämmige Politiker auf allen Ebenen, sogar einen Minister. Persönlichkeiten, die für alle Politik machen, eben mit einem ungewöhnlichen Namen. Es muss vorangehen und ich bin optimistisch! Ich liebe Nürnberg und ich mag die Menschen hier, bin natürlich Clubfan. Ich engagiere mich als Vorsitzender der tgmn, der „Türkischen Gemeinde für die Metropolregion Nürnberg“ für demokratische Werte. Aufgrund der NSU-Morde hat sich der Verein 2007 als Verband von Vereinen gegründet, um eine starke, gemeinsame Stimme zu haben. Wir sind strikt gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus, egal aus welcher Richtung. Man macht sich mit dieser Haltung nicht überall Freunde. 

Bülent Bayraktar (48) ist in Anatolien geboren und kam mit fünf Monaten nach Deutschland. Er ist Diplom-Kommunikationswirt und arbeitet im Marketing. Außerdem ist er Vorsitzender der „Türkischen Gemeinde in der Metropolregion Nürnberg e.V.“ 
tgmn.de
Foto: privat

 
 

04 adah

Alles vergeht, es wird vorübergehen. 

Meine Mutter hat diese Inschrift im Ring von König Salomon gerne verwendet, wenn schwierige Zeiten waren. Ich habe mich immer daran erinnert, und jetzt sind ja auch schwierige Zeiten. In der Ukraine ist ein Krieg ausgebrochen, immer mehr Kriegsflüchtlinge kommen in Deutschland an. In jedem Schlechten gibt es auch was Gutes, das sehen wir jetzt, wo sich so viele Leute engagieren und versuchen zu helfen. Ich arbeite in der Fachstelle für Flüchtlinge, wir sind für die Unterbringung der Flüchtlinge zuständig. 2015 hatten wir mehr als 200 Unterkünfte, heute sind weniger als 20 geblieben. Das ist eine Herausforderung. Russisch ist meine Muttersprache. Wir kommen zwar aus Usbekistan, meine Vorfahren waren aber polnischer Abstammung. Nach der Revolution wurden sie vertrieben. Viele Menschen haben damals ihre Herkunft verschwiegen, sich auch andere, russische Namen gegeben, das war unter Stalin sicherer. Mein Mann kommt aus der Ukraine, mein Schwiegervater lebt in Lemberg, ich habe eine Freundin aus Kiew eine Woche in unserer Wohnung aufgenommen. Viele Leute sind traumatisiert. Ich hoffe, dass Salomon Recht hat, auch diesmal.

Natalya Adah (49) ist in Taschkent geboren. Sie kam 2001 nach Nürnberg und arbeitet in der Fachstelle für Flüchtlinge. 
Foto: Giorgos Agelakis

 
 

03 kovalchuk

Meine schwierige Lebenssituation ist für mich kein Grund, hässlich auszusehen. 

Meine Oma hatte wirklich eine schwierige Situation. Nachdem ihr Mann gestorben war, musste sie viele Behördengänge machen. Sie waren nicht verheiratet, da musste sie einiges nachweisen und nachreichen. Ich wollte sie begleiten und in der Früh bereiteten wir uns vor. Sie macht den Schrank auf, holt die schönste Bluse raus, den besten Schmuck, zieht ihre Lippen nach, macht sich eine hübsche Frisur… Ich sage: Oma, wir gehen doch nicht auf ein Fest! Und sie hat diesen Satz gesagt. Er begleitet mich seitdem mein Leben lang. Und tatsächlich, später, als ich nach Deutschland gekommen war und teilweise echt schwierige Situationen hatte, habe ich gemerkt: Wenn du dich von außen hübsch gemacht hast, geht es dir innen auch gut. Das ist wie ein Zauber, das wirkt auf alles andere, obwohl du dich am liebsten unter die Decke verkriechen und heulen wolltest. Für mich war meine Oma ein Vorbild, diese Stärke. Im März 2000 bin ich nach Deutschland gekommen, da war ich 23 Jahre alt. Ich habe meine Oma regelmäßig besucht, aber sie ist 2019 leider verstorben. An den Spruch hat sie sich tatsächlich bis zuletzt gehalten. 

Iryna Kovalchuk (44) kam mit 23 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland. Seit 2007 wohnt sie in Fürth und arbeitet als Sach­bearbeiterin. Ihre Muttersprache ist Ukrainisch.
Foto: Alisa Müller

 

02 marzell

Das beste Ziel ist eine Nacht der Rast,
wenn Feuer brennt und Brot man bricht in Hast.

Dort wo man schläft ein einziges Mal, und lang,
ist gut der Schlaf, der Traum erfüllt von Klang …

Die schwedische Dichterin Karin Boye war immer widerständig in ihrer Schreibweise, das gefällt mir. Ich habe ein Jahr lang, bis August 2021, in Schweden Literatur und Medien studiert. Gedichte waren für mich am Anfang einfacher zu lesen als gleich ein Buch. Jetzt arbeite ich als Journalistin und unterrichte Deutsch als Fremdsprache. Wenn’s gar nicht anders geht, erkläre ich Vokabeln auf Englisch oder mit Händen und Füßen. Ich würde ohne diese Aufgabe nie mit so vielen unterschiedlichen Menschen in Berührung kommen. Über die Sprache kommen wir ganz schnell zu Kultur, Politik, das Leben vorher und jetzt. So unterschiedlich die Menschen sind, viele sind von der Hektik hier irritiert, dass immer alles schnell gehen muss. 

Sabrina Marzell (31) arbeitet als Journalistin unter anderem für die Medienwerkstatt und auch für den Straßenkreuzer. Die Rubrik „Mein Wort-Schatz“ wird sie künftig mit betreuen.
Foto: Ilse Weiß


Den Spruch hab ich vor ungefähr 20 Jahren in meinen Terminkalender geschrieben, später in den Computer getippt, ausgedruckt und an meinen Bücherschrank gegenüber vom Schreibtisch geheftet. Da hängen noch mehr Sprüche. Vom Friedensreich Hundertwasser, von Horaz, auch vom Jaroslav Hašek, den ich sehr schätze: „Der Fortschritt ist eine zweischneidige Waffe wie das Bier. Die Leute machen sich dran und wissen nicht wann sie aufhören sollen. Und darum Vorsicht mit dem Fortschritt.“ Die Sprüche hab ich alle immer vor mir. Und wenn mir schwermütig wird, dann schau ich drauf, les sie und gut is..

Klaus Schamberger (80) ist Kolumnist und Autor. Soeben erschien seine Autobiografie „Wie ich einmal nicht der Morlock geworden bin“ (s. S. 34).
Foto: Timm Schamberger