Editorial zur Ausgabe Juni 2021

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der sechste Armuts- und Reichtumsbericht ist veröffentlicht. Überraschend ist er nicht. Einige Stichpunkte: Haushalte in der oberen Hälfte der Verteilung besitzen 99,5 Prozent des Gesamtvermögens. Wer einmal arm ist, bleibt arm. Sozialer Aufstieg durch Beschäftigung oder Bildung war mal. Niedriglöhne und Minijobs verfestigen die sozial ungleiche Lage. Die Armutsrisikoschwelle liegt bei 1.074 Euro im Monat, also bei weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens – sie betrifft inzwischen 15,9 Prozent der Bevölkerung. Dank der Hartz IV-Reformen gilt fast jede Arbeit als zumutbar, hohe Mietpreise machen immer mehr Menschen zu schaffen, wer wenig verdient, zahlt in manchen Städten bis zu 40 Prozent seines Lohns für ein Zuhause. 

Die Liste ließe sich verlängern, und die Folgen der Corona-Pandemie sind noch gar nicht abschließend zu beurteilen. Wohlfahrtsverbände, Wissenschaftlerinnen und Gewerkschaften sprechen von einer gefährlichen Spaltung und von ungerechter Verteilung. So ähnlich klingt die Kritik an unserem Gesundheitssystem, das in dieser Ausgabe im Mittelpunkt steht. Es passt zum oben genannten Bericht: Wer einmal draußen ist, kommt schwer wieder rein. Wer wenig hat, wird am besten nicht ernsthaft krank. Wer am Sinn von über 100 Kassen zweifelt, hat eben das System nicht begriffen. 

Die Diagnose lautet: Bitte alle Bereiche dringend reformieren. Zum Beispiel mit höherem Mindestlohn, einer Neuberechnung der Regelsätze bei Arbeitslosigkeit, einer solidarischen Krankenkasse für alle mit bezahlbaren Beiträgen, einer Steuerreform, die den Reichen endlich die Chance (und die Pflicht) gibt, mehr gesellschaftliche Verantwortung zu zeigen. Das wäre eine schöne Überraschung! Immerhin, vor 20 Jahren gab es noch über 400 gesetzliche Krankenkassen in Deutschland, jetzt sind es 103. Den Abbau von mehr als 300 Kassen hat dieses Land locker verschmerzt.

Viel Freude beim Lesen dieser Ausgabe wünschen

Ilse Weiß und das Straßenkreuzer-Team