Editorial zur Ausgabe April 2021

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

was wäre ein Leben ohne Alkohol? Definitiv nüchterner. Für viele von uns auch weniger gesellig, fröhlich und entspannend. Ein Abend in der Kneipe, ein Besuch in einem fränkischen Gasthaus mit eigener Brauerei oder ein Fest sind natürlich auch ohne Promille möglich, dennoch gehören Bier und Wein dazu. Kulturell, traditionell, gewohnheitsmäßig, für über 90 Prozent der Bevölkerung.
Als der ZDF-Straßenfeger „Der Kommissar“ 1976 nach 97 Folgen eingestellt wurde, hatte allein Hauptdarsteller Erik Ode seinem Millionenpublikum nicht nur unfassbar viele Zigaretten vorgequalmt, sondern auch 125 alkoholhaltige Getränke zur besten Sendezeit gekippt. Darunter 43 Rotweine, 33 Biere, 22 Whisky, 14 Schnäpse und zehn Gläser Cognac (genau protokolliert von einem Kölner Fan).
Das regte damals niemanden auf und wäre heute undenkbar. Rauchen ist an vielen Orten längst verboten, doch Alkohol ist geblieben – mit allen Folgen einer Droge, die gesellschaftlich dazugehört, deren Erwerb einzig durch eine gestaffelte Alterskontrolle geregelt ist.
Wie gestört unser Verhältnis zu Alkohol ist, zeigt eine Erfahrung, die Straßenkreuzer-Stadtführer und Pfandbeauftragter Klaus Billmeyer während seiner fast zehn Jahre als Obdachloser immer wieder machte: „Wir saßen im Sommer gern auf der Wöhrder Wiese, mit Billigdosenbier vom Discounter. Viele Leute gingen vorbei und haben uns abschätzig gemustert. Da spürst du die Verachtung. Und dann sind sie in den Biergarten und haben sich eine Halbe und gern mehr genehmigt. Und fanden sich alle ganz normal.“
Normal ist in dieser Ausgabe viel Erschütterndes: behinderte Kinder, die im Mutterbauch mit Alkohol vergiftet wurden, Ehefrauen, die an ihren trunksüchtigen Männern verzweifeln, Suchtberatungen, die dank Corona mehr Nachfrage erleben, Männer und Frauen, die auch gegen die Einsamkeit antrinken. Am anderen Ende steht Michael Thiem: längst trocken, heute selbst Leiter einer Therapieeinrichtung. Dazwischen agiert die Mehrheit zwischen Promille und Verzicht.

Viel Freude beim Lesen dieser Ausgabe wünschen

Ilse Weiß und das Straßenkreuzer-Team