Straßenkreuzer “in echt”

Wenn Sie unsere aktuelle Ausgabe wie gewohnt in Händen halten möchten – es geht, dank solidarischer Unternehmer.
Die Buchhandlung Jakob am Hefnersplatz 8 liefert weiterhin Bücher und auf Bestellung auch den Straßenkreuzer im Stadtgebiet aus. Kontakt: 0911 22 47 18
Die Bodega El Gato an der Moltkestr. 2 verkauft Essen zum Mitnehmen – und über den Tresen unser Magazin. 
Kontakt: 0911 253 485 46

Buchhandlung Jakob
Hefnersplatz 8
90402 Nürnberg
Tel: 0911 22 47 18

Bodega El Gato
Moltkestr. 2
90429 Nürnberg
Tel: 0911 253 485 46

Buchhandlung Jakob
bodega el gato

Unsere Verkäufer*innen vermissen Sie

Unsere Verkäufer*innen vermissen Sie

Das Herz merkt man dann am schnellsten, wenn es schmerzt. Und das Herz des Straßenkreuzer pulsiert besonders stark an der Stelle, wo sich Verkäufer*innen und Leser*innen begegnen. Da, wo vielleicht auch Sie noch vor kurzem bei Ihrem Lieblingsverkäufer das neue Magazin gekauft haben.
Viele Verkäufer*innen haben keinen Internet-Zugang. Wir von der Redaktion bleiben aber zumindest mit einigen von ihnen in Kontakt, meist per Telefon. Und wir notieren uns ihre Geschichten, wie es ihnen gerade geht, wie ihr Alltag aussieht, welche Gedanken ihnen gerade durch den Kopf gehen – und veröffentlichen sie auf Instagram und Facebook (Links siehe oben). Damit der Kontakt zwischen Ihnen und unseren Verkäufer*innen zumindest ein wenig gehalten wird. Vielleicht schreiben Sie – über die sozialen Medien, per Mail oder Post. Wir schicken Ihre Antworten an die jeweiligen Verkäufer*innen. Das tut ihnen gut. Uns auch.

KREUZERVERHÖT: Ute x Dr. Markus Beckmann

KREUZERVERHÖR
Ute x Dr. Markus Beckmann

Zum 25. Jubiläum des Straßenkreuzer e. V. bringen wir Menschen zusammen, die einiges gemeinsam haben – und doch ein Leben trennt. Denn sowohl unsere Verkäuferinnen und Verkäufer als auch prominente Personen der Region stehen tagtäglich in der Öffentlichkeit. Nur die Gründe könnten unterschiedlicher nicht sein. Für unser Magazin lernen sich im Jubiläumsjahr immer zwei von ihnen kennen, stellen sich einmal im Monat gemeinsam in die Öffentlichkeit – und erst im Heft einander und später nur zu gerne Ihren Fragen. Wann und wo Sie unsere in jeder Hinsicht prominenten Verkäufer besuchen können, finden Sie immer am Ende des Interviews. Jetzt aber erstmal: Ton ab in der Stadtbibliothek!
bildung-5

Die „Stadtbibliothek Zentrum“ ist relativ neu. 2012 wurde sie eröffnet. Hier dürfen Medien nicht nur konsumiert, sondern auch mit ihnen experimentiert werden. In der Lounge beim Eingangsbereich finden sich einige rote Kunstleder-couches. Auf einer davon lassen sich Ute und Markus Beckmann nieder.

Ute: Für mich ist die Straßenkreuzer Uni weniger Bildung als Information. Wenn man arbeitslos ist wie ich, ist man froh über so ein Angebot. Man kann auch Fragen stellen, was ich vor allem bei aktuellen Themen gut finde. Zum Beispiel neulich, da ging es um Altersarmut. Außerdem finde ich es interessant, an Orte zu kommen, die uns normalerweise verwehrt bleiben, wie die Bibliothek vom Gericht.

Markus Beckmann: Was hat ihnen denn bisher am besten ge-fallen?

Ute: Es gab mal einen Kurs zum Thema Steinzeichnen. Das durften wir auch praktisch ausprobieren, was ich toll fand.

Markus Beckmann: Was sind für Sie abseits von der Straßenkreuzer Uni weitere Bildungsquellen?

Ute: Der Fernseher und die Zeitung sind natürlich wichtig. Flyer mit dem Hinweis auf Veranstaltungen finde ich auch gut. Wie ist das bei Ihnen? Wo suchen Sie ihren Zugang?

Markus Beckmann: Es gibt so viele Zugänge zur Bildung, dass ich mich manchmal fast ein wenig erschlagen fühle und gucke, wie ich damit umgehe. Zum Beispiel: „Diese Bibliothek ist voll. Aber welches Buch lese ich jetzt?“ Schön ist, dass ich durch meine Arbeit automatisch lerne und mich bilde. Die Studierenden haben gute Fragen, da muss auch ich mich teils erstmal einarbeiten. Ich habe allerdings auch das Gefühl, dass ich, je mehr ich lerne, umso mehr weiß, was ich nicht weiß. Komisch, oder?

Ute: Inwiefern würden Sie unterscheiden, was Bildung ist und was Information?

Markus Beckmann: Das ist eine interessante Frage. Es ist schwierig zu sagen, wann etwas wirklich Bildung ist und wann man sich etwas einfach nur gemerkt hat. Ist es Bildung, die Hauptstadt eines Landes zu kennen? Den Kurs mit dem Steinzeichner, von dem Sie vorhin erzählt haben, das ist im Vergleich schon mehr. Da hat man danach was geschaffen, was nicht nur eine Information ist, die man aufgesaugt hat.

Ute: Stimmt.

Markus Beckmann: Wenn man danach einen anderen Horizont hat als vorher, vielleicht ein kleines bisschen eine andere Person ist, dann hat man sich mehr gebildet als wenn man einen reinen Fakt erlernt oder wiederholt.

Ute: Ich finde da verwischen sich die Grenzen. Bildung beginnt ja mit dem Interesse für eine Sache. Bildung ist auch Wissen. Nach jedem Vortrag weiß ich was anderes, neues, das sich weitläufig auf mein Leben auswirkt.

Markus Beckmann: Das ist ein guter Punkt. Ich bin ja offiziell im Bildungsgeschäft. Manchmal fällt es wirklich schwer, zu unter-scheiden, was die Leute wirklich fürs Leben gelernt haben oder was nur für die nächste Prüfung von Bedeutung ist. Was wären denn Sachen fürs Leben, die für die Bildung wichtig sind? Ich frag mich oft, ob wir an der Uni nur Bildung im Sinne von Ausbildung machen, oder ob die Sachen, die wir den Studenten beibringen auch einen echten Wert haben, außerhalb des Hörsaales oder der Klausur.

Ute: Es geht ja vielleicht nach einer erfolgreich absolvierten Klausur einfach darum, zufrieden zu sein mit dem Erlangten. Ob das dann im Sinne der Bildung korrekt ist, weiß ich nicht.

Markus Beckmann: Ich glaube das ist ganz wichtig, aber auch ganz schwer, weil es Teil des Bildungssystems ist, zu sagen, „du könntest noch zwei Punkte mehr in der Klausur haben“.

Die größte für Ute im Alltag fehlende Quelle für Bildung und Infor­mation, erzählt sie etwas später noch, sei der fehlende Internet­anschluss zu Hause, den sie sich nicht leisten könne. Die beiden haben übrigens noch ausgemacht, sich alsbald bei der Straßen­kreuzer Uni wieder zu treffen.

Ute möchte nicht, dass wir ihren Nachnamen, Beruf oder ihr Alter veröffentlichen. Das respektieren wir selbstverständlich. Wir dürfen schreiben, dass sie über 50 Jahre alt ist und im kaufmännischen Bereich gelernt und gearbeitet hat. Momentan ist die gebürtige Nürnbergerin, die ihr Zuhause in der südlichen Südstadt hat, arbeitslos. Das möchte sie gerne ändern. Ute besucht regelmäßig die Straßenkreuzer Uni, die Menschen mit Freude an Bildung zusammenbringt.

Professor Dr. Markus Beckmann lebt ebenfalls in der Nürnberger Südstadt, bei St. Peter. Er lehrt an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Alexander-Uni-versität (WISO) Nachhaltigkeitsmanagement und beschäftigt sich und seine Studenten damit, wie Unternehmen neben dem wirtschaftlichen Erfolg beim Umgang mit Mensch, der Natur oder anderen Ressourcen punkten können. Der gebürtige Hesse mit längerer beruflicher Zwischenstation in Berlin Kreuzberg lebt und arbeitet inzwischen im achten Jahr in Franken, ist aber weiterhin noch häufig in Berlin anzutreffen – auch aufgrund privater Bindung.

Interviewführung: David Lodhi | freier JournalistFotos: David Häuser | davidhaeuser.de

KREUZERVERHÖR: Bernhard Chapligin x Frank Scheidemann

KREUZERVERHÖR
Bernhard Chapligin x Frank Scheidemann

Zum 25. Jubiläum des Straßenkreuzer e. V. bringen wir Menschen zusammen, die einiges gemeinsam haben – und doch ein Leben trennt. Denn sowohl unsere Verkäuferinnen und Verkäufer als auch prominente Personen der Region stehen tagtäglich in der Öffentlichkeit. Nur die Gründe könnten unterschiedlicher nicht sein. Für unser Magazin lernen sich im Jubiläumsjahr immer zwei von ihnen kennen, stellen sich einmal im Monat gemeinsam in die Öffentlichkeit – und erst im Heft einander und später nur zu gerne Ihren Fragen. Wann und wo Sie unsere in jeder Hinsicht prominenten Verkäufer besuchen können, finden Sie immer am Ende des Interviews.
sk_kaelte-10

Die Wärmestube in der Köhnstraße hinter dem Hauptbahnhof wirkt im Winter trist. Sehr trist. Es fehlt der Hoffnungsschimmer der Frühlingsblüte. Der sich direkt anschließende, gruselig graue Gebäudekomplex der SÖR macht das Bild nicht besser. An das östliche Eck dieses Komplexes schließt sich zwischen Gehweg und der hügeligen Erhebung zu den Zuggeleisen ein kleines Rasendreieck an. Hier übernachten wohnungslose Menschen.

Burnd: Was ist für dich Kälte?

Frank: Kälte ist für mich relativ. Damit muss ich leben. Generell hat, wer draußen übernachtet, kein Wunschdenken, sondern muss mit dem leben, was er hat.

Burnd: Bedeutet das, du hast dich mit der Zeit an die Kälte ge-wöhnt?

Frank: Ich habe im Rahmen meiner Ausbildung vor vielen Jahrzehnten immer wieder Zeit in Russland verbracht. Das war ja in der ehemaligen DDR häufig so. Da war es nicht bloß kalt, da war es saukalt.

Burnd: Ich habe grundsätzlich auch eher kein stark ausgeprägtes Kälteempfinden. Meine Frau friert deutlich früher als ich. Auf Expedition bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad kommt es halt ganz klar auf die richtige Bekleidung an, sonst hat man da verloren.

Frank: Ich hab gelernt, dass man sich aus den Mitteln, die einem im Wald zur Verfügung stehen, eine kleine Hütte bauen kann. Mit einem kleinen Teelicht kriegt man die immer auf null Grad. Und einen guten Schlafsack braucht man.

Burnd: Da legst du dich dann mit Klamotten rein, wenn es kalt ist?

Frank: Nein, nackt. Sonst schwitzt man und das ist kontraproduktiv.

Burnd: Sucht man sich, wenn das Wetter schlecht ist, auch mal eine Brücke, unter die man sich legt?

Frank: Das versuchen wir zu vermeiden, weil es umso kälter ist, je näher man am Wasser liegt. Wir versuchen eher, möglichst weit weg vom Wasser zu sein. Auf der anderen Seite sollte es fußläufig erreichbar sein, damit wir uns waschen können.

Burnd: Ich war vor allem in Kanada und Russland auf Expedition. In Kanada sind wir in eisige Seen gesprungen, um uns zu waschen. In Russland war das anders, da waren alle Saunafans und deshalb wurde das auch so gut wie immer ermöglicht. Da wurde auch mal ein Container auf Kufen mitgenommen. Zweimal pro Woche ging es dann zum Saunieren und Waschen rein, und dann direkt wieder raus bei minus 30 Grad.

Klaus: Wie habt ihr euch in der Arktis für einen Tag draußen vorbereitet?

Burnd: Man bekommt seine Ausrüstung und eine detaillierte Packliste vom Institut. Meistens stand auf der Liste ein Doppeldaunenschlafsack drauf. Den kannst du über null Grad vergessen, weil du dich totschwitzt. Woraus besteht denn deine Grundausstattung?

Frank: Schlafsack, Isomatte und ein Rucksack mit meinem Hab und Gut. Viele machen den Fehler, dass sie zu viel trinken, bevor sie mit ihren Sachen einen Schlafplatz suchen. Das ist auf der Straße ganz gefährlich, weil man das Empfinden verliert, wenn man getrunken hat. Da kann man aufwachen und ein Bein ist halb abgefroren. Nix gegen ein Bierchen oder einen Schnaps, damit man innerlich aufwärmt. Aber dann ist Schluss.

Burnd: Wenn ich in Russland war, hat der Wodka ja nicht als Alkohol, sondern als Grundnahrungsmittel fungiert. Es gab aber auch die sogenannten „Dry Camps“, da wurde nicht getrunken. Sehnt man sich eigentlich nicht nach einem festen Zuhause, einem Zimmer, einem überdachten Schlafplatz, wenn man auf der Straße lebt?

Klaus: Man müsste sich dafür bei der Stadt anmelden. Und kann dann nicht selbst bestimmen, wo man hinkommt. Es gibt Notschlafstellen, Pensionen und Wohnheime. Einige davon sind gut geführt, andere nicht, da lebt man meines Erachtens nach menschenunwürdig. Da ist die Straße für uns sauberer und sicherer.

Frank: Wir sagen das immer wieder, aber uns hört keiner zu. Einerseits möchten die Behörden, dass niemand auf der Straße lebt. Aber dann sollte man für ein menschenwürdiges Umfeld sorgen. In manchen Wohnheimen sind die Matratzen so versifft, dass man es wirklich nicht ertragen kann.

Klaus: Viele, die auf der Straße leben, sind schon selbst an ihren Lebensumständen schuld, das muss man klar sagen. Aber wenn man da rauskommen möchte, sind die Möglichkeiten und Chancen schon sehr begrenzt.

Die Nähe einer Tagesaufenthaltsstätte wie der Wärmestube ist vielen obdachlosen Frauen und Männern wichtig. Da hat man es frühmorgens, wenn um 9:30 Uhr die Türe aufgeht, nicht weit.

Burnd: Was bedeutet für euch Wärme?Frank: Warm ist es für mich dann, wenn ich alles schön offen habe, frische Luft kriege, es vielleicht zwölf Grad hat. Gute Ge-spräche können auch etwas Wärme geben, aber ich bin eigentlich lieber alleine als in Gesellschaft.

Klaus: Also ich brauche so zwischen 15 und 22 Grad. Da fühle ich mich am wohlsten. Menschliche Wärme in Form von Unter-haltungen, die brauche ich aber auch als Wärmefaktor. Oder man nimmt sich einfach mal in den Arm

Interviewführung:David Lodhi | freier JournalistFotos: David Häuser | davidhaeuser.de

Der gebürtige Bamberger Bernhard „Burnd“ Chapligin (40) hat viele Jahre in der Polarforschung gearbeitet, bevor er 2014 nahe Nürnberg sesshaft wurde. Der Doktor der Geo-Chemie war im vergangenen Jahr zum vorerst letzten Mal auf Expedition, hauptberuflich bucht er inzwischen Künstler und entwickelt Festivalformate für das Concert büro Franken (CBF).

Frank Scheidemann lebt seit acht Jahren ohne Ob-dach. Das wird noch zwei weitere Jahre so bleiben, dann will der 63-jährige Thüringer und laut eigener Aussage ehemalige DDR-Meister im Ringen in seine Heimat zurückkehren. Er habe da eine Hütte mitten im thüringischen Wald, sagt er, wohin er sich zurückziehen und, umgeben von Tieren, seinen Lebensabend genießen will. Frank Schei-demann hilft ehrenamtlich in der Wärmestube.

Klaus Billmeyer (58) hat nach einem Jahrzehnt auf der Straße nun wieder eine Wohnung und ist beim Straßen-kreuzer als Pfandbeauftragter und Stadtführer angestellt. Er ist eigent-lich als Kontaktperson mit dabei, beginnt aber nun, sich am Gespräch zu beteiligen.

Interviewführung: David Lodhi | freier JournalistFotos: David Häuser | davidhaeuser.de

KREUZERVERHÖR: Sylke Otto x Lidia und Natanael Csapai

KREUZERVERHÖR
Sylke Otto x Lidia und Natanael Csapai

Zum 25. Jubiläum des Straßenkreuzer e. V. bringen wir Menschen zusammen, die einiges gemeinsam haben – und doch ein Leben trennt. Denn sowohl unsere Verkäuferinnen und Verkäufer als auch prominente Personen der Region stehen tagtäglich in der Öffentlichkeit. Nur die Gründe könnten unterschiedlicher nicht sein. Für unser Magazin lernen sich im Jubiläumsjahr immer zwei von ihnen kennen, stellen sich einmal im Monat gemeinsam in die Öffentlichkeit – und erst im Heft einander und später nur zu gerne Ihren Fragen. Wann und wo Sie unsere in jeder Hinsicht prominenten Verkäufer besuchen können, finden Sie immer am Ende des Interviews.
Kreuzerverhör_Sylke Otto X Lidia und Nathanael_18.11.19-5

Sylke: Mein Mann hat in Nürnberg gewohnt, als ich ihn kennen gelernt habe. Deswegen bin ich damals, 1992, hier gelandet und 1994 mit ihm nach Zirndorf gezogen. Anfangs waren die Franken etwas schwierig zu knacken, fand ich, aber wenn man sie geknackt hatte, hatte man gute Freunde.

Natanael: Mir ist es damals schwer gefallen, aus München nach Nürnberg zu kommen. Aber die Liebe zu Lidia war groß. Inzwi-schen lebt auch Lidias Mutter hier und passt gerade auf die bei-den Kinder auf, während wir hier sind.

Auf einem großen runden Tisch im Wohnzimmer stehen eine Kan­ne mit dampfendem Kaffee und ein Teller mit belegten Brötchen, die Sylke Otto besorgt hat. Die rumänisch­stämmige Straßenkreu­zer ­Beirätin Dagmar Jöhl übersetzt bei Bedarf – und ermutigt: Natanael versteht zwar gut Deutsch, traut sich aber zu selten, die neue Sprache auch zu benutzen.

Sylke: Könnt ihr mit Sport was anfangen?

Natanael: Ich hab früher in Rumänien Fußball gespielt und damit sogar etwas Geld verdient. Aber die Beschaffenheit der Fußballplätze war nicht gut und ich hab den vielen Staub nicht vertragen, ich hatte schon immer Probleme mit Asthma. Meine Mutter hat mir das Fußballspielen dann verboten. Heute habe ich keine Zeit mehr für Sport. Arbeiten gehen und für die Kinder sorgen ist sehr ausfüllend und herausfordernd, da fehlt einem auch einfach die Kraft. Mit Kindern ist das Leben sehr schön, aber auch manchmal sehr schwer.

Sylke: Ich mache heute auch keinen Sport mehr. Mein Leben hat sich komplett geändert, seit ich damals bei meiner ersten Schwangerschaft aufgehört habe. Im Sommer interessiert mich Sport auch weniger, da bin ich viel lieber draußen im Grünen. Aber im Winter schauen wir sehr viel Sport: Wintersport.

Lidia: War es damals nicht möglich, gleichzeitig Sport zu machen und einen normalen Beruf auszuüben?

Sylke: Nein, sonst kommt man nicht auf das Niveau, das man benötigt, um beim Wettkampf vorne mit dabei zu sein.

Lidia: Ist Rennrodeln gefährlich?

Sylke: Eigentlich nicht, finde ich. Ich bin zum Glück während meiner Karriere von schweren Verletzungen verschont geblieben. Abgesehen davon: Welcher Sport ist nicht gefährlich? Man kann sich ja sogar beim Schach den Kopf zerbrechen …

Natanael: In Rumänien sind wir als Kinder mit alten Holzschlitten gefahren. Die hatten Metallkufen unten, die wir mit Speck ein-geschmiert haben – damit sie nicht rosten und wir schneller sind!

Auf einem Schrank stehen unter anderem die beiden olympischen Goldmedaillen, die Sylke Otto 2002 und 2006 im Rennrodeln gewonnen hat. Lidia und Natanael mustern und berühren sie neugierig, staunend. Damit die beiden sich Sylke Otto als aktive Sportlerin besser vorstellen können, zeigt sie ihnen Fotos von sich – und ein Video von ihrer Tochter beim Tanzen.

Lidia: Machen Ihre Kinder auch Sport?

Sylke: Meine Kleine ja, die tanzt Hip-Hop. Meine Große ist mehr der Pferdenarr. Rodeln tut keine von beiden.

Lidia: Das Tanzen kenne ich von den rumänischen Volkstänzen. Das ist aber lange her.

Sylke: Fühlt ihr euch in Nürnberg denn zu Hause und angekommen oder vermisst ihr Rumänien und wollt irgendwann dahin zurückgehen?

Lidia & Natanael: Wir fahren immer wieder nach Rumänen und besuchen Freunde und Verwandte. Aber unsere Heimat ist hier, wir fühlen uns wohl und möchten bleiben. Unser Leben hier ist bescheiden, sehr bescheiden. Wir können uns zum Beispiel keine Kinderkrippe leisten, obwohl das gut für die Kinder wäre. Aber wir möchten es nicht eintauschen.

Die zweifache Rennrodel-Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin Sylke Otto (50) stammt aus Karl-Marx-Stadt. Seit 1992 lebt sie gemeinsam mit ihrem Partner in Zirndorf bei Fürth, 2007 beendete sie ihre Karriere wegen einer Schwan-gerschaft. Heute ist die inzwischen ebenfalls zweifache Mutter selbstständig und Inhaberin eines Geschäftes für Kindersa-chen. Als Sportlerin ist sie nicht mehr aktiv, dafür politisch: Seit 2008 sitzt sie für die SPD im Zirndorfer Stadtrat.

Lidia Maria (33) und Natanael Csapai (32) stammen aus Alba Iulia in Rumäniens. Als Kinder besuchten sie die gleiche Schule, verloren sich aber danach aus den Augen. Viele Jahre später – inzwischen waren Lidia und Natanael unabhängig voneinander in Süddeutschland gelandet – lernten sie sich erneut kennen, heirateten und leben mit zwei Kindern in bescheidenen Verhältnissen in Nürnberg. Natanael arbeitet bei einer Reinigungsfirma, Lidia verkauft seit sieben Jahren den Straßenkreuzer.

Interview: David Lodhi | Freier JournalistFoto: Claudia Holzinger | claudia-holzinger.de