Brückenschlag nimmt auf der Bühne Gestalt an

Kooperation der Straßenkreuzer Uni mit dem Stadttheater Fürth. Artikel aus den Fürther Nachrichten vom 12.9.2011

12/09/2011

Mit Dosenwurst fing alles an

Am Donnerstag kocht OB Ulrich Maly für die Heilsarmee. Die NZ sprach mit ihm über sein Hobby am Kochtopf und seine Liebe zu selbst erfundenen Rezepten.

NZ: Wie kamen Sie an den Kochtopf?

Maly: In unserer Familie haben schon immer alle gekocht, auch die Männer, mein Vater oft am Wochenende. Bei mir fing es so mit zwölf, dreizehn Jahren an: Wenn die Eltern am Wochenende weg waren, haben wir uns aus heutiger Sicht schreckliche Dinge zubereitet, versucht, Dosenwurst zu braten und Ähnliches, ich weiß gar nicht mehr alles… So ist das langsam gewachsen. Einen Kochkurs habe ich nie gemacht.

NZ: Wo nehmen Sie Ihre Inspiration am Herd her?

Maly: Ich sammele Kochbücher, bin jahrelang Abonnent vom Gourmet-Journal gewesen, das es leider nicht mehr gibt. Aber ich bin keiner, der nach Kochbuch kocht. Ich lese, wenn ich ein Stück Fisch zu Hause habe, vielleicht sieben oder acht Rezepte und mache dann mein eigenes daraus. Für mich ist Kochen immer ein kreativer Akt. In letzter Zeit gab es auch keine schlimmeren Geschmacksunfälle mehr, ich kann mir gut abstrakt vorstellen, was zusammenpasst und was nicht. Ich freu’ mich dann immer, wenn ich es woanders lese. Zum Beispiel habe ich für uns ein Rezept kreiert aus roh gebratenem Spargel mit Estragon und Orangensaft. Neulich las ich vom Alexander Herrmann, wie schön Estragon zu Spargel passt, da freu’ ich mich dann!

NZ: Was geht in Ihrer Küche schon mal schief?

Maly: Gelegentlich zu viel Salz und manchmal kommt es vor, dass ein empfindlicher Fisch oder ein Stück Fleisch nicht ganz auf den Punkt gegart ist. Insbesondere, wenn man für zehn oder zwölf Leute kocht. Aber das bekomme ich langsam in den Griff.

NZ: Ihr Lieblingsrezept?

Maly: Klassische fränkische Küche geht immer, auch die klassische französische Küche. Eine Sahnesoße mit Steinpilzgeschmack, die mit Butter aufgerührt wird. Das ist Handwerkszeug, das ich nicht mal probieren muss, um zu wissen, wie es schmeckt. Ich koche gern thailändisch, weil es schnell geht, wenn ich spät heimkomme, im Wok oder Nudelgerichte.

NZ: Wie sieht die Küche aus, wenn Sie mit dem Kochen fertig sind?

Maly: Ich bin keiner, der alle Zutaten in einem Schüsselchen separat hat, sondern ich habe ein sehr großes Brett und ein scharfes Messer und die Zahl der Töpfe, die ich brauche. In der Regel hinterlasse ich, glaube ich, die Küche ganz ordentlich, aber da müssen Sie meine Frau fragen.

NZ: Was kochen Sie denn heute Abend?

Maly: Die Aufgabe war, Glücksgerichte zu kochen, die auch nicht teuer sind. Wir machen zwei Nudelgerichte. Die machen immer glücklich, da sind die Kinder dieser Welt ein Beweis, egal ob bei Reisnudeln in China oder Weizennudeln in Italien – und das gilt auch für Erwachsene. Es gibt einmal Spaghetti mit einer Thunfischsauce, die die Geschmacksrichtungen süß, salzig und scharf verbindet. Der Thunfisch wird abgetropft und angebraten, da löst er sich auf, dann kommen Wein und was von der Abtropfflüssigkeit drauf. Dann dazu Knoblauch, Peperoncino, Rosinen und Fenchelsamen geben, vielleicht noch etwas Tomatenmark. Das ist einem klassischen sizilianischen Rezept nachempfunden, die Rosinen haben sie von den Arabern. Es gibt noch Tagliatelle mit Perlhuhnbrust, grünem Spargel und Parmaschinken. Gewürzt mit Frühlingszwiebeln, kurz zusammen angebraten und mit etwas Sahne unter die Nudeln gezogen.

NZ: Was passiert beim Kochen?

Maly: Es entspannt mich, ich koche vielleicht ein- oder zweimal die Woche, wenn ich dazu komme. Meine Frau als Hausfrau sagt: Ich muss kochen. Ich bin der klassische Mann, der sagt: Juhu, ich darf kochen! Wenn ich für Gäste koche, dann achte ich inzwischen darauf, dass ich die Zeit mit ihnen verbringe und nicht in der Küche stehe. Und für meine Gäste kann ich auch mal was Neues ausprobieren. Neulich hab ich ein Tiroler Gröstl erfunden, statt mit Stadtwurst mit Oktopus, dazu mediterranes Gemüse und eine selber gerührte Aioli. Danach sind mir die Gäste zu Füßen gelegen.

Nürnberger Zeitung, 8.6.11

08/06/2011

Maly will an Straßenkreuzer Uni dozieren

Selbstbewusst tritt Hörervertreter Roland Schuler im Südstadtforum ans Mikrofon. Nur wer ganz genau hinschaut, sieht, dass seine Hände leicht zittern. Wen wundert’s? Schließlich spricht der Mann nicht jeden Tag vor großem Publikum. Beim Abschlussfest des Wintersemesters 2010/2011 der Straßenkreuzer Uni drängen sich 100 Gäste – und Schuler ist der Hauptredner.

Er fasst die Eindrücke und Erfahrungen anschaulich zusammen, die die Hörerinnen und Hörer an der bundesweit einmaligen Uni gesammelt haben. Um sich hier einschreiben zu können, braucht es weder Hochschulreife noch Geld. An der Straßenkreuzer Uni gibt es Bildung für alle, die sich kommerzielle Bildung finanziell nicht leisten können, Menschen auf der Schattenseite der Gesellschaft, oft krank, ohne Arbeit und ein Zuhause.

Hier trifft der Universitätsprofessor auf den Obdachlosen und der Hartz-IV-Empfänger auf den Politiker. Im vergangenen Semester hatten sich 435 Hörerinnen und Hörer eingeschrieben. Sie konnten bei sieben Vorträgen, vier Lehrfahrten und drei Arbeitsgruppen neues Wissen sammeln. Im Rahmen der Abschlussfeier erhält jeder, der alle Veranstaltungen eines Themen-Blockes besucht hat, eine Urkunde. Es sind so viele, dass die Verleihung flott gehen muss wie beim Brezelbacken.

Nicht wenige bekommen gleich mehrere Urkunden. Als „Nummernboy für die Zeugnisse“, wie er selbst sagt, überreicht OB Maly die Auszeichnungen. Und er verspricht „öffentlich“, dass er im Sommersemester „auch mal kommen will“, mit einem Thema, das die Hörer selbst auswählen könnten. Damit wäre er in guter Gesellschaft, denn an der Straßenkreuzer Uni finden sich als Dozenten ausschließlich hochkarätige Professoren und Experten. Nach den Veranstaltungen vertiefen viele Teilnehmer das erlangte Wissen in eigener Regie weiter, weiß Schuler.

Die Vortragenden hätten es geschafft, auch schwierige Themen, wie Geld und Börse oder Sozialrecht in einer Stunde für den Laien transparent zu machen. „Dafür bräuchte man anderswo Stunden oder Tage.“ Kerstin Wieland hatte sich für die Reihe „Medien für Anfänger – Mach dir ein Bild“ entschieden.

Jetzt steht sie mit ihrer Urkunde in der Hand vor ihren Fotografien und ist mächtig stolz auf ihren Erfolg. Anfangs habe sie nur mit der automatischen Kamera umgehen können, mittlerweile aber beherrsche sie das Einmaleins des Fotografierens aus dem Effeff, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht. Unter einer der im Südstadtforum ausgestellten Fotografien steht: „Zertrümmertes Lächeln“. Davon kann bei der Frau, die sich diesen Titel ausgedacht hat, nicht die Rede sein.

Sigrid Fichtl ist glücklich über ihr gelungenes Bild. Drinnen im Saal werden die Urkunden sorgsam in Klarsichthüllen gesteckt. Zu Hause bekommen sie einen Rahmen und einen Ehrenplatz.

Nürnberger Zeitung, 16.2.2011

16/02/2011

Wieder was gelernt – Richter erklärt Straßenkreuzer-Studenten das Gericht

Der lange Weg einer Klage ist für Laien oft nur schwer nachvollziehbar. Wie es am Sozialgericht abläuft, erklärte ein Richter direkt vor Ort. Veranstaltet wurde das Ganze von der Straßenkreuzer-Uni.

Am Sozialgericht werden Fälle entschieden, die das ganze Leben verändern können: Es geht um Elterngeld, Hartz IV, Rente und Pflegeansprüche. Die Schadenssummen fallen dabei ganz unterschiedlich aus. Die Palette reicht von Cent-Beträgen bis zu Millionensummen. So klagte ein Arbeits- loser, weil er 55 Cent Porto für sein Bewerbungsschreiben erstattet haben wollte. Bei Urteilen im Bereich der Pflegeversicherung kann es schnell um Millionenbeträge gehen.

Dass die Vorgänge, die im Sozialgericht ablaufen, nicht immer einfach zu durchschauen sind, weiß Günter Merkel, Richter am Sozialgericht, wohl am besten. Was passiert mit meiner Klage? Und wer entscheidet über meinen Fall? Das sind nur einige der Fragen, die Merkel beantwortete.

Das Interesse ist groß: Statt der erwarteten 20 Teilnehmer sind mehr als doppelt so viele erschienen. Die Veranstaltung ist Programmpunkt der Straßenkreuzer-Uni. Sie will Bildung für alle ermöglichen und eher bildungsfernen Männern und Frauen wissenschaftliche Inhalte vermitteln.

Nach Beendigung eines Lernblocks erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat, das sie beispielsweise Bewerbungen beilegen können. Viele hängen es sich außerdem an die Wand. Sie seien stolz auf ihre Leistung. Ihre neue Selbstsicherheit zähle dabei mehr als jedes Stück Papier, sagt Barbara Kressmann, Koordinatorin des Straßenkreuzers.

Heute steht Sozialrecht auf dem Stundenplan. Die Schülerschaft ist bunt gemischt, viele haben selbst schon mit dem Sozialgericht zu tun gehabt: Eine 63-Jährige ist hier, weil sie sich weitere Informationen zu ihren Rechten erhofft Sie hat wegen einer Rentenkürzung beim Sozialgericht geklagt. Einige andere wollen gegen die Regelungen von Arbeitslosengeld II vorgehen.

Um die Vorgänge bei Gericht nachzuvollziehen, verfolgen die Teilnehmer gemeinsam den Weg einer Klage. Erste Station ist der Briefkasten. Täglich werden durchschnittlich 25 Klagen eingeworfen. Der Postkasten ist mit einer Uhr ausgestattet: Um Mitternacht klappt der Boden nach unten, die Briefe fallen in das darunter liegende Fach. So kann niemand fälschlicherweise behaupten, sein Schreiben fristgerecht eingereicht zu haben.

Danach kommt die Klage zur Registratur, wo sie einen Eingangsstempel und ein Aktenzeichen erhält. Die Geschäftsstelle holt schließlich Gutachten ein, recherchiert und bereitet alles für den Richter vor. Der hält nun zum ersten Mal die Klage in der Hand und spricht nach Einsicht aller Informationen das Urteil.

„Heute habe ich viel gelernt. Es war wirklich interessant und hat Spaß gemacht. Nächstes Mal werde ich auch wieder dabei sein“, freut sich eine Teilnehmerin, während sie den Feedback-Bogen ausfüllt.

Nürnberger Nachrichten, 28.01.2011

28/01/2011

Obdachlose lernen an Straßenkreuzer-Uni

Hochschule Bildung in Deutschland kann teuer sein. Die Straßenkreuzer-Uni in Nürnberg bietet Obdachlosen und Armen kostenlose Seminare mit renommierten Gastdozenten an – und bringt so Menschen zusammen, die im Alltag kaum miteinander in Berührung kommen.

Walter S. ist skeptisch. “Der Vortrag heute wundert mich – mit meinen hundert Euro im Monat kann ich mir doch sowieso keine Aktien leisten”, sagt der 43-Jährige. Seit sechs Jahren wohnt S. in einem Obdachlosenheim, Aktien hat der gelernte Handelsfachpacker noch nie besessen. Gespannt ist er allerdings schon, was der prominente Gastdozent an diesem Abend über Banken und Börsen erzählen wird. “Das Thema interessiert mich”, sagt er.

Etwa 60 Männer und Frauen sind in das Sozialwerk der Nürnberger Heilsarmee gekommen, um den Börsenvortrag des TV-Finanzexperten Wolfgang Gerke zu hören. Organisiert hat die Veranstaltung die Nürnberger Straßenkreuzer-Uni, ein Bildungsprojekt des Vereins “Straßenkreuzer”, der das gleichnamige Sozialmagazin herausgibt. Die Bildungsinitiative bietet Menschen in sozialer Not kostenlose Seminare an. Zu den Teilnehmern gehören Obdachlose, Arme, Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge.

“Die Uni setzt auf Menschen, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt sind und sich die kommerziellen Bildungsangebote nicht leisten können”, sagt die Organisatorin der Straßenkreuzer-Uni, Ilse Weiß. Bildung für alle, das sei das Ziel. Das bayerische Sozialministerium und die Auerbach Stiftung finanzieren die Initiative. “Wer Freude an Bildung hat, der soll dabei sein – so einfach ist es”, sagt Weiß.

Damit ist die Straßenkreuzer-Uni eine Art Pilotprojekt in Deutschland. “Die Einrichtung in Nürnberg ist bundesweit die einzige Uni für Obdachlose”, betont Weiß. Erst im April war die Initiative ins Leben gerufen worden. Im ersten Sommersemester besuchten rund 430 Menschen die einstündigen Vorlesungen. “Die Resonanz war bombastisch”, sagt Weiß. Wer die Seminare regelmäßig besucht, erhält am Ende des Semesters eine Urkunde, überreicht von Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD).

Der Vortrag an diesem Abend findet im zweiten Semester statt. Es gibt Kaffee und Cola, neben dem Podium flackern rote Adventskerzen. Gerke erklärt, wozu die Börse gut ist und warum sie für die Wirtschaft wichtig ist. “Wir drehen ein wahnsinniges Rad”, sagt Gerke, während er auf und ab läuft und mit den Armen gestikuliert. “Draußen ist es so saukalt und die Börse läuft heiß.” Der Universitätsprofessor spricht zum ersten Mal vor Obdachlosen. “Es ist nicht mein traditionelles Publikum und ich weiß nicht, wie die auf mich reagieren”, sagt Gerke vor der Veranstaltung.
“Beide Seiten sollen sich näher kommen”, betont Weiß. Viele der Hörer hätten noch nie einen Professor oder Politiker getroffen. Vor Wochen hielt etwa der Bundestagsabgeordnete Michael Frieser (CSU) einen Vortrag über Hartz IV. “Die Straßenkreuzer-Uni will lebensnahe Themen verständlich und spannend vermitteln”, sagt Weiß.
Gerke scheint das zu gelingen. Im Anschluss an seinen Vortrag melden sich zahlreiche Teilnehmer mit komplizierten Fragen zu Wort. Sie wollen von Gerke wissen, was “Leerverkäufe” und “Aktienwetten” sind. Gerke antwortet geduldig und nimmt sich auch nach der Veranstaltung noch Zeit. Dann muss er los, zurück in seine Welt. Am nächsten Tag will er in Österreich Ski laufen.

Augsburger Allgemeine, 29.12.2010, Arne Meyer, dpa (ebenso veröffentlicht auf mainpost.de, mittelbayerische.de, oberpfalznetz.de, www.infranken.de)

29/12/2010