Das tragende Dach

Die Gruppe sah sich um. Stolz zeigte der Architekt nach oben: „Sehen Sie hier, meine Damen und Herren! Ich darf Ihnen das erste vollständig selbsttragende Dach der Welt zeigen!Jahrelange Berechnungen haben mich zu dieser einzigartigen Konstruktion gebracht.“ Die Blicke der Reisenden wanderten nach oben. Elegante, silbrig glänzende Stahlstreben hingen über ihren Köpfen in der Luft und durchschnitten die Decke in genau aufgeteilte Bezirke, die wiederum in kleinere Flächen unterteilt wurden.

„Und fällt Ihnen etwas auf?“ fragte er weiter. „Es kommt ohne einen einzigen Stützpfeiler aus!“ Staunend suchten die Augen der Anwesenden nach Pfosten, die die Träger im Untergrund verankert hätten, aber es gab wirklich keinerlei Verbindung zur Erde. Dafür dehnte sich das Dach in alle Himmelsrichtungen bis zum Horizont aus.

„Es ist wie eine Hülle“, fuhr der Architekt fort, „es umschließt uns als Kreis, und um unsere Erde gelegt stabilisiert es sich aus sich selbst heraus!“ Sehr zufrieden blickte er in die Runde. „Das Dach bietet Schutz vor jedem Gewitter und allen Stürmen.“

„Aber wo bleibt dann die Sonne?“ fragte ein kleines Mädchen schüchtern. Etwas verwirrt sah der Architekt auf sie herab.

„Gibt es auch Fenster?“ fragte ein Mann mit Brille. Ratlos blickte der Architekt in ihre Gesichter und fragte sich, was an seiner Konstruktion falsch sein sollte.

Ein großer Mann sagte: „Mir ist die Decke zu niedrig!“ und streckte sich, um mit der Hand einen der Stahlträger zu berühren. „Nicht!“ rief der Architekt besorgt, aber da war es schon zu spät: die Hand des Mannes fuhr durch den Balken wie durch Butter. „Aber das ist ja gar kein Stahl!“ rief er erstaunt aus. „Das ist ja Nebel!“

Da nahm eine Frau ihr Kopftuch ab und wedelte damit in der Luft herum. Der entstandene Wind verformte die Balken zu Schlieren, und als adere anfingen zu pusten und ebenfalls mit den Armen zu rudern, riss plötzlich die Hülle auf.

Durch die Lücke aber funkelten Sterne von einem endlos weiten Himmel.

Elisabeth Heyn

Mein Traum vom Wohnen

Mit- und Nebenmenschen

Wie wohnen? Da, wo ich mich wohl fühle. Das hängt mit den Mit- und Nebenmenschen zusammen, also den Mit- und Gelegenheitsbegegnungen. Und mit energetischer Ausgeglichenheit. So lustig ein fahrbares Baumhaus in einem Alpensee am Meer ist, so praktisch ist Ortswechsel nach anderswohin. In Nürnberg gibt’s Nahrung, Kleidung, Wasser im Überfluss. Sogar Wohnung und Atmung sind günstig. Die Versorgung mit Internet ist ungünstig wegen Rechtslage und Angstkultur. Selbst beim SK gibt’s kein WLAN!

Jörg Knapp

Irrungen

Die Einnahmen der Herbst-Gartenarbeit waren nicht besonders hoch. Ich konnte voraussehen, mein gesamtes Barvermögen würde den Winter über für Miete draufgehen. Bei der Arge wollte ich mich nicht melden. So habe ich mein Zimmer gekündigt. Zuerst bin ich bei einem Kollegen untergekommen, aber bald im Garten meiner Eltern in der Fränkischen Schweiz gelandet. Hier hatte ich vor allem erstmal Ruhe. Viel Ruhe. Aber auch Aktion. Zum Beispiel bin ich die 40 Kilometer gefahren, um an der Schreibwerkstatt beim Straßenkreuzer teilzunehmen.

Einmal hab ich die zwei Hunde des Nachbarn über den niedrigen Zaun gehievt. Sie sollten auch mal einen Ausflug haben.

Nach einem Jahr fühlte ich mich so fit, dass ich als Kellner für Großveranstaltungen anheuerte. Ich habe mich dann so durchgewurschtelt. Am besten war ich am CSU-Parteitag. Ich stand an der Essensausgabe. Da lenkte mich die Kamera ab, die genau auf mich zukam. Ich hatte zwei Teller in der linken Hand, von Anfang an zittrig. Als ich bei der Kundschaft ankam, rutschte mir ein Teller ab. Ich erwischte ihn noch mit rechts. Heute, als Rentner, lebe ich wieder wie damals im Garten. Viel Ruhe, aber auch Aktion.

Peter Aures

Wo ich leben möchte

Mein Traum vom Wohnen bedeutet für mich vor allem an einem Ort zu leben, wo ich ein Gefühl von Heimat habe: ein Ort und eine Umgebung, wo ich „hingehöre“, mich wohl fühle, mich auskenne. Ein Ort, an dem ich die kleinen Geschäfte kenne und die Menschen, die darin arbeiten. Wo ich abends in Flip-Flops mit meinem Nachbarn auf einen Schnitt in den Biergarten nebenan gehen kann, oder auf eine Brotzeit in den indischen Tante-Emma-Laden um die Ecke. Und das alles geborgen innerhalb historischer Altstadtmauern, die Geschichte und Geschichten dieser Stadt förmlich riechbar. So ist es in meinem Viertel, im Kreuzgassenviertel.

Jochen