Wir Dichter

Heute sind alle aufgeschreckt von den vielen Wohnungseinbrüchen. Darum habe ich in unserer Straße geschaut, bei wem ich einbrechen würde. Bei uns zuletzt.

Kommen jetzt zu uns Ganoven oder arme Schlucker?

Ich denke, arme Schlucker.

Anscheinend geht es hierzulande um Arm gegen Reich, links gegen rechts, Ideologie gegen Ideologie, Mensch gegen Natur.

Um uns herum wird geputscht und gefoltert. Ich frage mich, ob der 3. Weltkrieg schon begonnen hat.

Peter Aures

Sauerkraut und Hirschgeweih

Manch einer der Liegestuhlreservierer mit weißen Socken und Trekkingsandalen verspeist zuverlässig Sauerkraut und Wurst, bevor er seinen Patriotismus mit einem Deutschlandfähnchen an seinen Volkswagen steckt.

Angela Merkel-Wähler müssen nicht unbedingt etwas von Goethes Werken verstehen, doch pünktlich zur Sommerzeit stellen sie ihre Gartenzwerge neben dem Grill im Schrebergarten auf.

Der Rhein fließt nicht an Neuschwanstein vorbei, auch wenn Brüder Grimm-Leser dies nach ein paar Bieren beim Skatspielen gerne behaupten.

Selbst Dichter und Denker schwärmen beim Mallorca-Pauschalurlaub von den Zeiten, als der olle Vereinsmeier Beckenbauer noch in der Nationalelf kickte.

Wenn Spießer Knödel formen, nennt man das nicht zwingend Wertarbeit. Ohne „Made in Germany“ kann die Kuckucksuhr bloß aus China stammen.

Schnitzel und Currywurst auf zwei verschiedenen Tellern serviert, hat nichts mit Mülltrennung zu tun.

Schleicht Winnetou beim Kaffeekränzchen ums Hirschgeweih ist er noch lange kein Schnäppchenjäger. Gretchen Müller putzt fleißig die Fenster, da kann Fritz schuhplatteln solange er will.

Martina Tischlinger

Der Käsekuchen – urdeutsch und brandaktuell

Geht es Ihnen auch manchmal so? Sie schauen auf etwas, begreifen es nicht, schauen nochmal hin und begreifen noch weniger als beim ersten Mal. Und beim dritten Mal denken Sie: Ja, was ist denn das?

Genau so ging es mir kürzlich. Ich gehe über den Hauptmarkt, aus der offenen Tür vom Wurzelsepp strömen massenhaft Kräuteraromen heraus, und daneben steht ein Aufsteller mit Flaschen. Kräuterbitter, Wurzeltrunk? Nein! Auch auf die Gefahr hin, dass Sie denken, jetzt spinnt er, der Graser – es steht wirklich so da: Käsekuchen. Nun ist ja gegen kräutergestützten Käsekuchen nichts zu sagen, aber darum geht es gar nicht. L.s. Käsekuchen ist durch und durch flüssig. Ein alkoholhaltiges (enthält formfester Käsekuchen eigentlich auch Alkohol? Bierschinken ja schon) Getränk mit Haselnussextrakt (warum denn das?). Und hat seit 2014 Tradition. Aber einfach sich ein Glas Käsekuchen einschenken, so leicht geht’s nicht. Da muss man schon der aufgedruckten Gebrauchsanweisung folgen. Die Wurzelsepp-Chefin taucht ein Stück Zitrone in eine Schale mit braunem Zucker. Nachdem ich dies im Mund habe, reicht sie mir ein Schnapsglas mit – Käsekuchen.

Ich kaue, ich schmecke. Naja, so allmählich stellt sich der Geschmack von Zitronen … – äh – Käsekuchen ein. Warum man Kuchen in flüssiger Form essen bzw. trinken solle, kann mir die Wurzelsepp-Chefin nicht beantworten.

Ich bleib lieber bei meiner Gewohnheit, wie bisher den Käsekuchen – in Sonderedition „royal“ – beim „Beck“ in der Gostenhofer Hauptstraße zu kaufen, den mir Christian immer so sorgfältig einpackt.

Waldemar Graser

Neu erfunden

Die berühmt erwarteten, oder auch gefürchteten Neuanfänge im Leben.

Kindergarten, Schule, Ausbildung, Jobwechsel, Partner, Ehe, Scheidung.

Wie oft schon habe ich neu begonnen. Einiges bewusst gewählt, anderes notgedrungen, manchmal auch gezwungenermaßen.

Nicht immer hat mir das Leben eine Schultüte an die Hand gegeben, als Hilfestellung oder Unterstützung. Wobei – auch die Schultüte ist nie nur mit Belohnung gefüllt. Da verirren sich viel zu leicht gesunde, oder auch praktische Dinge hinein. Die Fantasie wird selten bedient, immer schwingt ein wenig Enttäuschung in der Luft.

Ja, oft schon hab ich mich neu erfunden, hat man mir bestätigt. Aber kann man sich neu erfinden? Ist nicht alles Potential bereits in mir? Und ich entscheide Tag für Tag, was ich lebe? Entscheide wie gut – wie schlecht es mir geht? Wäre ich unabhängig vom Außen, dann könnte ich das, aber an diesem Reifegrad arbeite ich noch. Tag für Tag -Oooohhhhmmmm!

Siglinde Reck

Nächster Versuch

Wie oft habe ich versucht in einer Wohnung zu leben, aber es hat nie geklappt. Immer wieder habe ich nach zwei Wochen meine Wohnung wieder verlassen, den Schlüssel einfach in den Briefkasten geschmissen. Es war egal, in welcher Stadt ich war. Ob in Wiesbaden, München oder Hamburg, immer waren es nur ein paar Wochen. So vergingen 23 Jahre auf der Straße. Seit zwei Jahren habe ich eine Wohnung in Nürnberg, aber es ist schwer. Immer plagt mich der Zweifel, ist es richtig zu bleiben oder soll ich wandern?

Aber meine Gesundheit lässt es nicht zu, wieder auf Reisen zu gehen. So bleibt mir nichts übrig als ab und zu im Schlafsack auf meinem Balkon zu schlafen.

Andreas Schütze