25 Jahre – 6 Gänge – (k)ein Skandal!

25 Jahre – 6 Gänge – (k)ein Skandal!

Verkäuferinnen und Verkäufer, ehemals und aktiv ehrenamtlich Engagierte, Vereinsmitglieder und Unterstützer, hauptamtliche Mitarbeiter und neben vielen Kommunal- und Bundespolitikern auch die drei Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly (Nürnberg), Dr. Florian Janik (Erlangen) & Dr. Thomas Jung (Fürth) – 150 illustre Gäste waren am 10. Oktober unserer Einladung ins Karl-Bröger-Zentrum gefolgt, um den 25. Geburtstag des Straßenkreuzer e. V. zu feiern.  

Entgegen unseres Mottos weitestgehend skandalfrei durften alle ein im wahrsten Sinne spitzen(koch)mäßiges 6-Gänge-Menü genießen, die musikalischen Darbietungen der Harfenistin Maja Taube und dem im Eilverfahren von Chorleiter Matthias Stubenvoll zur Höchstform trainierten Straßenkreuzer-Werkschor. Neben den bühnenpräsenten Highlights blieben die echten Stars des Abends gut versteckt: Dem kulinarischen Ruf von Marcus Pregler waren die Sterneköche Andree Köthe (Essigbrätlein), Felix Schneider (Sosein), Stefan Meier (Zweisinn), Valentin Rottner (Waidwerk) und Rene Stein (Schwarzer Adler) sowie Olga Kosma (Männer am Herd) gerne nachgekommen, um im Keller des KBZs die tollsten Gerichte zu zaubern.  

Wir bedanken uns bei allen, die dabei waren – und wenn’s auch nur im Herzen war! 

[Text: Katharina Wasmeier; Foto: Maria Bayer] 

Straßenkreuzer Jingle

KREUZERVERHÖR: Peter Harasim x Bertram Sachs

KREUZERVERHÖR
Peter Harasim x Bertram Sachs

Zum 25. Jubiläum des Straßenkreuzer e.V. bringen wir Menschen zusammen, die einiges gemeinsam haben – und doch ein Leben trennt. Denn sowohl unsere Verkäufer/innen und Stadtführer als auch prominente Personen der Region stehen tagtäglich in der Öffentlichkeit. Nur die Gründe könnten unterschiedlicher nicht sein. Für unser Magazin lernen sich im Jubiläumsjahr immer zwei von ihnen kennen, stellen sich einmal im Monat gemeinsam in die Öffentlichkeit – und erst im Heft einander und später Ihren Fragen. Jetzt aber erstmal: Ton ab im Serenadenhof.
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Bertram: Eines deiner ersten Konzerte war im Komm [heutiges Künstlerhaus im KKQ, Anm.d.Red.] das vom Konstantin Wecker. Wie bist du damals an den geraten?

Peter: Ich war damals als freier Journalist bei der Abendzeitung und durfte von Wecker-Konzert in Weißenohe berichten. Es waren nur 70 Leute da, im Laufe des Abends habe ich ihm versprochen, ein Konzert mit ihm im Komm zu organisieren, wo ich damals engagiert war. Das war ein halbes Jahr später. Konstantin Wecker ist genau in dieser Zeit unheimlich populär geworden. Das Konzert war ausverkauft und ich habe 800 Mark verdient. Im Prinzip wurde ich danach Konzertveranstalter. Was verbindet dich mit Konstantin Wecker, Bertram?

Bertram: Ich verfolge seinen Werdegang seit Jahren aufmerksam, er ist ein Künstler der mich interessiert und bewegt hat, lange bevor ich angefangen habe, den Straßenkreuzer zu verkaufen. Seitdem ich beruflich so viel auf Konzerten unterwegs bin, hat sich meine Beziehung zur Musik allerdings auf einer sehr emotionalen Ebene vertieft. Das habe ich auch bei den Konstantin Wecker Konzerten erlebt, die ich seitdem besucht habe.

Peter: Was gefällt dir denn besonders daran, den Straßenkreuzer vor Konzerthallen zu verkaufen?

Bertram: Ich habe einen großen Pool von netten Menschen um mich herum, die nichts mit dem Straßenkreuzer zu tun haben. Ich höre Musik. Das ist für mich sehr inspirierend und ich empfinde es als Traum, diesen Beruf ausüben zu dürfen.

Peter: Hast du eigentlich auch mal Künstler kennen gelernt, die du verehrst?

Bertram: Verehren ist ein verkehrtes Wort, finde ich. „Schätzen“ finde ich besser. Ich schätze den Kabarettisten Ingo Börchers, mit dem bin ich inzwischen sogar befreundet. So was ergab und ergibt sich immer wieder mal. Helmut Hattler von Kraan ist auch so jemand, den ich schon oft live erlebt und auch schon kennen gelernt habe und ihn sehr schätze. Wen schätzt du?

Peter: Da muss ich wohl The Pretty Things als erstes nennen. Das war übrigens die Band, der ich meinen Job bei der Abendzeitung zu verdanken habe. Ich habe damals einen Leserbrief an die geschrieben, weil ich nicht mit einer Konzertkritik über The Pretty Things einverstanden war.

Bertram: Was treibt dich eigentlich nach alle den Jahren und nach all dem, was du erlebt hast, noch an, dir diesen Job mit den vielen Konzerten noch jeden Tag zu geben?

Peter: Ganz einfach: Das nächste Konzert auf das ich mich freue, das nächste Festival, die nächste Tournee. Ich kann mich wie ein Kind über Erfolge freuen.

Bertram: Und was gleicht dich aus wenn du mal gar keinen Bock auf Musik hast?

Peter: Das gibt es nicht. Ich bin ein relativ lebenslustiger Mensch, der überhaupt nicht zu Depressionen oder Ähnlichem neigt. Ich versuche auch immer wieder wenn ich kann, Leute die nicht gut drauf sind, mitzunehmen, sie aufzumuntern. Musik ist doch so was Schönes. Ich brauche keinen Ausgleich von Musik.

Bertram: Ich sehe das genauso. Bei mir trifft das, was du über die Musik sagst, über das Straßenkreuzer-Verkaufen bei Musikveranstaltungen zu. Daran will ich die Lust nie verlieren. Manchmal nehme ich auch Kollegen mit zum Verkaufen in der Kultur, damit die mal eine andere Sichtweise bekommen.

Peter Harasim ist als Teil des Concertbüro Franken seit fast 40 Jahren Mitbetreiber des Hirsch und Mitveranstalter von unzähligen Konzerten in anderen Spielorten. Im Sommer kommen Open Air Festivals wie „Lieder am See“, das „Hopfenpflücker Festival“ oder „Burning Beach“ dazu. Bertram verkauft auch vor den Eingangstüren seiner Veranstaltungen. Manches Mal nimmt Peter ihn aber auch mit rein, damit er sich eine Band anschauen kann.

Der gebürtige Würzburger Bertram Sachs lebt seit 1982 in Nürnberg und verkauft seit 16 Jahren den Straßenkreuzer. Er hat keinen festen Verkaufsstandort, sondern pendelt seit dem ersten Tag zwischen den verschiedenen Kultur-Spielorten. Einen Lieblingsplatz hat der gelernte Konditor nicht. Bertram, der mit Rockmusik etwa von Kraan, Birth Control und Embryo aufgewachsen ist, gefällt es da am besten, wo er gerade ist.

☞17. & 27.10.

Vor Ort bei „ihren“ Konzerten sind Peter Harasim und Bertram Sachs ohnehin immer – jetzt machen sie erstmals gemeinsame Sache. Die beiden treffen sich zum Hefteverkauf jeweils vor dem Konzert von „Ton Steine Scherben & Gymmick“ (17.10.) und „The New Model Army“ (27.10.) im Hirsch. Peter Harasim führt zudem am 24.10. im Rahmen der Straßenkreuzer Uni hinter die Kulissen des Hirsch

Interview: David Lodhi | freier Journalist
Foto: Claudia Holzinger | claudia-holzinger.de

Ausstellung CD-Cover

Ziemlich echte Originale 

Tolle Eröffnung unserer CD-Cover-Ausstellung im Kater Murr. Mit einer sehr hintergründigen Einführung durch Kunsthistorikerin Natalie de Ligt, mit Gulaschsuppe, gekocht von Straßenkreuzer-Verkäufer Bertram Sachs, natürlich mit allen CD-Machern von Artur Engler über Bianca Scholz bis Stefan Gnad und Fotograf Michael Mateijka – und mit 18 starken Covern. Die Ausstellung ist Teil des Festival-Rahmenprogrammes von Nürnberg Pop Festival 2019 und ist bis 13.10. zu sehen. Das 18. Mixtape wird am 15. November im MUZclub präsentiert!
 

Alle Fotos: Anja Hinterberger, anjahinterberger.de 

Tür auf! Für alle Fragen zur Obdachlosigkeit

Tür auf!  Für alle Fragen zur Obdachlosigkeit

Der Straßenkreuzer macht auch dieses Jahr wieder mit beim Türöffnertag der „Sendung mit der Maus“ am 3. Oktober. Klaus Billmeyer hat über acht Jahre auf der Straße gelebt. Er freut sich auf viele Kinder (mit Erwachsenen) und deren Fragen zum Leben auf der Straße. Im vergangenen Jahr hat er zum Beispiel erzählt, wie oft er sich die Zähne putzt, was er macht wenn’s regnet und wo er Essen bekommt. Außerdem hat er mit den Kindern eine „Platte“ aufgebaut, einen Übernachtungsplatz.  

Öffnungszeiten: 3. Oktober, 10 Uhr, 12 Uhr und 14 Uhr (Dauer ca. 1 Stunde) 

Für jeweils circa 30 TeilnehmerInnen ab vier Jahren (maximal vier Kinder pro erwachsene Begleitperson). Die Teilnahme ist kostenlos. 

Anmeldung unter ofni.1576480561rezue1576480561rknes1576480561sarts1576480561@suam1576480561, 0911 217 593-10 

Ort: Straßenkreuzer e. V., Maxplatz 7, 90403 Nürnberg 

Die Organisation übernimmt Trudi Götz von der Stiftung Sozialidee 

 Weitere Infos unter: wdrmaus.de

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Foto: David Häuser

KREUZERVERHÖR: Tessa Ganserer x Richie Steeger

KREUZERVERHÖR
Tessa Ganserer x Richie Steeger

Zum 25. Jubiläum des Straßenkreuzer e.V. bringen wir Menschen zusammen, die einiges gemeinsam haben – und doch ein Leben trennt. Denn sowohl unsere Verkäufer/innen und Stadtführer als auch prominente Personen der Region stehen tagtäglich in der Öffentlichkeit. Nur die Gründe könnten unterschiedlicher nicht sein. Für unser Magazin lernen sich im Jubiläumsjahr immer zwei von ihnen kennen, stellen sich einmal im Monat gemeinsam in die Öffentlichkeit – und erst im Heft einander und später Ihren Fragen. Jetzt aber erstmal: Ton ab im Burggarten.
Tessa Ganserer X Richie_12.07.19 (4 von 12)

Richie Steeger: Wann hast du gemerkt dass du im falschen Körper bist?

Tessa Ganserer: Vor zwölf Jahren hatte ich mein richtiges Schlüsselerlebnis. Danach war mir das vollkommen klar. Es gab aber auch schon in meiner Kindheit und Jugend ein paar Anzeichen.

Richie Steeger: Bist du schon ganz fertig oder noch in Behandlung?

Tessa Ganserer: Ich hatte mein Coming Out ja erst letzten November nach der Landtagswahl und lebe jetzt seit Ende des letzten Jahres die Frau offen aus, die ich schon immer war. Ich bin also erst am Anfang meiner Transition und habe noch einen langen, steinigen Weg vor mir. Wann hast du dich gezeigt?

Richie Steeger: Mein Outing war an Neujahr. Die meisten Menschen in meinem Umfeld wissen auch Bescheid inzwischen. Nur meiner Oma mit ihren 90 Jahren traue ich mich noch nicht so richtig, es zu sagen.

Tessa Ganserer: Ich war mir bereits vor dem ersten Termin beim Psychologen schon darüber im Klaren, wer und was ich bin, hab aber bis dahin nicht gewusst, dass man als Transmensch offenbar so krank ist, dass man wirklich von einem Arzt zum nächsten rennen darf. Seit Januar bin ich jetzt in der Psychotherapie. Es dauert ewig, bis man da einen Termin bekommt. Wie lange wartest du schon?

Richie Steeger: Ich warte nun auch schon seit sechs Monaten. Das ist nicht einfach für mich, aber ich weiß was ich will und wer ich bin und werde das schaffen. Wie ging es bei dir weiter?

Tessa Ganserer: Der Psychologe hat mir dann zwar die Erstdiagnose ausgestellt, macht aber keine begleitende Psychotherapie. Für alle weiteren Maßnahmen ist die aber zwingend vorgeschrieben. Also gibt es einen neuen Termin und man muss wieder warten

Richie Steeger: Diese Zeit des Wartens und der gleichzeitig stattfindenden schrittweisen Offenbarung gegenüber Familie und Freunden ist für mich jetzt aber auch nicht schlecht, weil alle Seiten mit der neuen Situation umzugehen lernen. Man kannte mich ja als jemand anders, als Frau. Jetzt binde ich mir die Brust ab jeden Tag. Bei der Hitze der letzten Wochen bin ich da auch schonmal umgekippt.

Tessa Ganserer: Ich leide unter solchen immer noch deutlichen männlichen Erscheinungsformen an mir auch. Zum Beispiel Bartwuchs. Die Krankenkasse hat mir gesagt, dass ich, damit sie den Antrag auf Kostenübernahme einer Bartepilation weiterbearbeiten kann, zu einem Urologen oder einem Gynäkologen gehen muss, um eine Genitaluntersuchung machen zu lassen. Das geht einfach zu weit. Ich habe nicht vor, meinen Schambereich epilieren zu lassen. Das geht die einfach überhaupt nichts an …  Am Ende von diesem Jahr Alltagstest schadet mir die verschriebene Psychotherapie wahrscheinlich auch nicht.

Der 46-jährige gebürtige Nürnberger Richie Steeger ist gelernter Koch und Konditor. Der Ex-Drogensüchtige ist seit mittlerweile 18 Jahren clean, kann seinen gelernten Beruf aber aufgrund von Lebensmittelallergien nicht mehr ausüben. Beim Straßenkreuzer ist er Teil des Schicht-Wechsel-Teams, das seit 2008 Stadtrundgänge anbietet. Richie gewährt bei diesen Rundgängen teils tiefe Einblicke in seine ehemalige Drogenabhängigkeit. Zum letzten Jahreswechsel outete er sich als transident.

Tessa Ganserer (42) stammt gebürtig aus Zwiesel im Bayerischen Wald und sitzt seit 2013 für Die Grünen im bayerischen Landtag. Die studierte Försterin ist seit 19 Jahren mit der ebenfalls politisch aktiven Ines Eichmüller zusammen, seit sechs Jahren mit ihr verheiratet. Sie haben zwei Söhne. 2018 outete sich Tessa Ganserer als erstes deutsches Parlamentsmitglied als transident. Die ärztlich bestätigte Diagnose Transsexualität war für sie wie eine neue, richtige Geburtsurkunde.

☞29.9.

Richie Steeger führt im Schicht-Wechsel durch Nürnberg – dass die Route künftig den Magnus-Hirschfeld-Platz besucht, den ersten Gedenkplatz für die queeren Opfer des Nationalsozialismus, ist zum einen der Stadt zu verdanken, zum anderen aber Tessa Ganserer, die uns auf diese Station aufmerksam gemacht hat. Um so mehr freuen wir uns, dass die queerpolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag Richie Steeger beim offenen Sonntagsspaziergang am 29.9. begleiten und die Sonderführung „Die Situation der Frauen“ (Start 14 Uhr, Handwerkerhof, 6 / 10 Euro, für Nürnberg.Pass kostenlos) bereichern wird!

Interview: David Lodhi | freier Journalist
Foto: Claudia Holzinger | claudia-holzinger.de