KREUZERVERHÖR: Dr. Julia Lehner x Steve Zeuner

KREUZERVERHÖR
Dr. Julia Lehner x Steve Zeuner

Zum 25. Jubiläum des Straßenkreuzer e. V. bringen wir Menschen zusammen, die einiges gemeinsam haben – und doch ein Leben trennt. Denn sowohl unsere Verkäuferinnen und Verkäufer als auch prominente Personen der Region stehen tagtäglich in der Öffentlichkeit. Nur die Gründe könnten unter- schiedlicher nicht sein. Für unser Magazin lernen sich im Jubiläumsjahr immer zwei von ihnen kennen, stellen sich einmal im Monat gemeinsam in die Öffentlichkeit – und erst im Heft einander und später nur zu gerne Ihren Fragen. Wann und wo Sie unsere in jeder Hinsicht prominenten Verkäufer besuchen können, finden Sie immer am Ende des Interviews. Jetzt aber erstmal: Ton ab im Bürgermeisteramt!
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Prof Dr. Julia Lehner: Ich kaufe den Straßenkreuzer immer, oft sogar mehrere Exemplare, die ich dann weiterverschenke. Trotzdem komme ich mir irgendwie dabei schlecht vor, an einem Verkäufer vorbeizulaufen, ohne noch einen zu kaufen. Dann entschuldige ich mich dafür mit „Dieses Mal nicht, das nächste Mal wieder.“ Es ist doch bestimmt manchmal frustrierend, wenn man merkt, dass es nicht so geht wie man meint. Wie gehen Sie damit um?

Steve Zeuner: Ganz locker. Schauen Sie, das ist ja das Gleiche wie wenn ich in ein Geschäft gehe und zu Hause schon drei Flaschen Wasser habe. Dann kaufe ich mir ja auch nicht noch eine vierte Flasche dazu.

Prof Dr. Julia Lehner: Lesen Sie den Straßenkreuzer selbst auch?

Steve Zeuner: Ja natürlich. Man muss ja wissen, was man verkauft. Ich blättere ihn mindestens einmal in Ruhe durch.

Prof Dr. Julia Lehner: Ich komme durch meinen Beruf ein bisschen herum, bin zum Beispiel oft in München oder in anderen deutschen Städten. Da gibt es ja auch Sozialmagazine. Wenn ich an einem Verkäufer vorbeilaufe, bin ich immer ein wenig stolz auf unseren Straßenkreuzer.

Steve Zeuner: Ja, da sind wir sehr gut aufgestellt. Jetzt möchte ich Sie auch was fragen: Gehört der Straßenkreuzer für Sie auch zur Kultur der Stadt Nürnberg?

Prof Dr. Julia Lehner: Unbedingt. Die Kultur ist ein breites Feld. Kommunikation gehört auch zur Kultur. Der Straßenkreuzer ist ein Teil der Kommunikation. Auf der einen Seite erfährt man im Straßenkreuzer mehr über die Gesellschaft und Teile der Gesellschaft. Auf der anderen Seite kommt man in den Austausch mit den Verkäufern – auch dieser Dialog ist ein Teil unserer Kultur, und ich halte ihn sogar für einen sehr wichtigen. Es ist einerseits ein ehrenamtliches, andererseits ein soziales Engagement, weil man die Menschen näher zueinander bringt. Das ist Kultur aus reinstem Herzen.

Steve Zeuner: Wie ordnen Sie die Möglichkeiten zur kulturellen Teilhabe in Nürnberg ein und wie könnte man sie für arme Menschen noch verbessern?

Prof Dr. Julia Lehner: Mir geht es prinzipiell darum, dass man in Nürnberg allen Menschen das Gefühl gibt, willkommen in der Kultur zu sein. Dafür gibt es unsere Großveranstaltungen wie das Barden- treffen, das Klassik Open Air oder die Blaue Nacht. Die kann man auch ohne Karte besuchen, selbstbestimmt flanieren und sich die Dinge anschauen. Diese Veranstaltungen sollen aber auch „Appetitanreger“ sein, die Menschen dazu bringen, in ein Konzert zu gehen. Dafür gibt es wiederum Vergünstigungen wie zum Beispiel durch den „Nürnberg-Pass“, der bei einer Vielzahl von Anbietern und Einrichtungen einen stark vergünstigten Eintritt garantiert. Darüber hinaus gibt es das „KulturTicket Nürnberg“, das kostenfreie Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen vermittelt. Hierzu muss man sich lediglich in der Kulturinformation in der Königsstraße 93 unter Vorlage des Nürnberg-Passes registrieren lassen. Nach telefonischem Rückruf können Sie, Ihrem Interessensgebiet entsprechend, Karten für eine Veranstaltung erhalten. Sofern möglich, und das ist eine zusätzliche Leistung, können Sie kostenfrei eine Begleitperson mitbringen. Ich wünsche mir, dass sich dieses Angebot, von dem ich glaube, dass es viele noch gar nicht kennen, besser herumspricht.

Steve Zeuner: Stellen Sie sich vor, Sie haben nur noch fünf Euro in der Tasche, wollen etwas essen, etwas trinken und irgendetwas Kulturelles erleben. Wie sieht Ihr Tag aus?

Prof Dr. Julia Lehner: Wenn ich mit fünf Euro unterwegs bin, werde ich zuallererst daran denken, dass ich essen und trinken muss. Kultur ist ja ganz breit zu sehen und Plätze in der Stadt, öffentliche Plätze, sind ja frei zugänglich. Ich würde einen dieser Plätze, zum Beispiel meinen Lieblingsplatz an der Burgfreiung aufsuchen und die Atmosphäre genießen. Ich würde mir die Kunstschätze in einer der Kirchen oder eine Ausstellung in einem unserer Kulturläden ansehen. Was machen Sie in Ihrer Freizeit gerne?

Steve Zeuner: Ich verreise sehr gerne. Letztes Wochenende war ich in Frankfurt, bin erst gestern wiedergekommen. Ich bin generell gerne viel unterwegs, gehe, wenn es das Geld erlaubt, gerne in Museen oder ins Theater. Neulich war ich am Plärrer im Theater Salz & Pfeffer, im Puppentheater. Das war sehr schön.

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Seit 15 Jahren ist Prof Dr. Julia Lehner die Kulturreferentin ihrer Geburtsstadt Nürnberg. „Zugleich weitläufig und überschaubar lässt sich die Geschichte dieser Stadt, von der Renaissance bis zur Auseinandersetzung mit unserer Erinnerungskultur atmen.“ Ihr Lieblingsplatz ist seit ihrer frühen Jugend die Burg: Da liegt einem mehr oder weniger die gesamte Perspektive zu Füßen und man kann nach allen Himmelsrichtungen sehen.

Der gebürtige Saalfelder Steve Zeuner reiste 1997 nach einem Besuch bei der Berliner Love Parade spontan nach Nürnberg, um sich ein neues Leben aufbauen. Das hat er geschafft. Neben seiner Tätigkeit als Verkäufer des Sozialmagazins engagiert sich Steve als Verkäufer- Sprecher und übernimmt dabei viel Verantwortung. Außerdem macht er für den Straßenkreuzer Führungen durch soziale Einrichtungen wie die Wärmestube und die Heilsarmee. Seine Lieblingsplätze in der Stadt sind die Burg, der Stadtpark und das Doku-Zentrum.

☞29.3.

Wie der Straßenkreuzer-Verkauf am Monatsende läuft, wird Prof. Dr. Julia Lehner am Freitag, 29. März selbst herausfinden: Von 11-12 Uhr begleitet die Kulturreferentin Steve Zeuner beim Verkauf am Koberger Platz.

Interview: David Lodhi | freier Journalist
Foto: Claudia Holzinger | claudia-holzinger.de