Straßenkreuzer

Das Sozialmagazin

Uni Pressespiegel

Straßenkreuzer-Uni war voller Erfolg

430 Hörer bei elf Lehrveranstaltungen - Im Wintersemester geht es weiter


NÜRNBERG - Die Straßenkreuzer-Uni hat das Ende des ersten Semesters mit einer launigen Feier im Haus Großweidenmühle abgeschlossen. Die Organisatorinnen des ehrgeizigen Bildungs-Projekts für Obdachlose - Ilse Weiß, Gabi Pfeiffer und Barbara Kressmann - zeigten sich begeistert vom großen Zuspruch der angebotenen Vorträge, Seminare und Workshops.
Rund 430 Studenten besuchten die insgesamt elf Lehrveranstaltungen zu den Themen Recht und Gesetz, Ernährung und Neue Medien. 285 von ihnen kamen aus Einrichtungen der Obdachlosenhilfe. »Der Rest war ein bunter Querschnitt durch die Gesellschaft«, erzählt Gabi Pfeiffer. Rentner, Migranten, sozial Schwache oder einfach nur Menschen, die neugierig sind und dazulernen wollen. 42 Hörerinnen und Hörer bekamen im Rahmen der Abschlussfeier eine Urkunde verliehen. Dazu musste eine gesamte Vorlesungsreihe, bestehend aus drei Lehrveranstaltungen, absolviert werden.
Für Menschen, die häufig nur kurzzeitig oder vor sehr langer Zeit die Schulbank gedrückt haben, eine beachtliche Leistung. Das fand auch Sozialreferent Reiner Prölß, der die besten Wünsche des OBs übermittelte: »Es ist einfach lobenswert, wenn man denjenigen den Zutritt zur Bildung erleichtert, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens gewandert sind.« Voll des Lobes war Prölß auch für den Straßenkreuzer selbst. Vergleichbare Magazine in anderen Städten könnten mit dem hohen journalistischen Niveau der hiesigen Zeitschrift nicht mithalten. Seine Worte gingen im kräftigen Applaus des Publikums unter.
Und was sagen die Studenten der Straßenkreuzer-Uni? »Das war wirklich toll, im Wintersemester bin ich wieder mit dabei«, schwärmt Claudia Grun (43). Sie hat alle drei Teile des Themenblocks Recht und Gesetz absolviert und ist stolz auf ihre Urkunde. Am meisten fasziniert hat Grun die Geschichte des Henkerhauses.
Ingrid Priborsky (44), die chronisch krank und erwerbslos ist, hat sich mit dem Thema Ernährung auseinandergesetzt. Vor allem das Seminar von Ernährungsberater Karl-Heinz Krumwiede habe ihr die Augen geöffnet, erzählt sie. »Es ist erschreckend, welche Zusatzstoffe sich in Fertigprodukten befinden, da vergeht einem der Appetit!« Dass die Kalbsleberwurst überwiegend aus Schweineleber mit ein wenig Kalbsfleisch bestehe, sei da noch das Harmloseste.
Renter Lorenz Weidenfeld lobte das Projekt öffentlich am Mikrofon während der Feierlichkeiten. »Ich kann jedem nur empfehlen hinzugehen, denn man erfährt nicht nur eine Menge, sondern lernt auch noch andere Menschen kennen.«
Die Themenschwerpunkte des Wintersemesters, das am 20. Oktober beginnt, sind Geld, Sozialrecht und Weihnachten.

Michaela Zimmermann, Nürnberger Nachrichten, 16.7.2010


Sportdozent hält Fußball-Vorlesung für Obdachlose

Regeln fürs Leben

 Was hat Fußball mit dem richtigen Leben zu tun? Viel, behauptet Trainer und Sportdozent Frank Kramer. Daher hat ihn die Straßenkreuzer-Uni zu einer „Vorlesung“ im Rahmen ihres Sommersemesterprogramms eingeladen.
Fußball ist wie das Leben. Vortrefflich lassen sich daher Regeln, die Rollen der Spieler und des Trainers auf den Alltag übertragen. Dass der beim Publikum der Heilsarmee aber gar nicht so rosig aussieht, verspricht Spannung. Denn Sportwissenschaftler und Fußballtrainer Frank Kramer hat seinen Vortrag vor Obdachlosen gehalten, seine „Studenten“ aktiv mit inbezogen und die Gedanken bei einigen besonders angeregt. Kramer: „Überall, wo Sieger sind, muss es notgedrungen auch Unterlegene geben.“ Beispiel: Gelbe Karte. Kramer fragt, wann es im richtigen Leben Situationen gibt, die einer Gelben Karte ähneln? „Bei einer Bewährungsstrafe“, sagt einer. Ein anderer ruft: „Das ist wie mit den Punkten in Flensburg.“ Wann kann ein Mensch im Abseits stehen? Antwort: Wenn ihn andere mobben, die Ehe zerrüttet ist oder der Chef den Mitarbeiter vor die Türe setzt. Während es für Verlierer beim Fußballmatch eine Fortsetzung gibt, gestaltet sich der Verlauf nach einer Lebensniederlage schwierig: „Der Mensch muss sich nach so einem Tiefschlag erst wieder ordnen und die Konsequenzen bewältigen“, sagt der 38-jährige Dozent. Weiteres Beispiel: der Trainer. Übungsleiter motivieren Spieler, treffen auch mal unpopuläre Entscheidungen, müssen die Mannschaft zusammenhalten und bei großem Druck von außen die Ruhe bewahren. In der Realität stehen Eltern und Lehrer stellvertretend für den Trainer, so Kramer. „Jeder Mensch, von dem man etwas lernt, ist irgendwie ein Trainer“, sagt ein Obdachloser.
Bernd Stiegler ist wohnungslos. Fast jeden Vortrag der Straßenkreuzer- Uni hat er besucht. Doch dieser hat ihn besonders berührt: „Mir gefällt die bildliche Darstellung und dass Kramer auf jede Frage eingeht“, so der 49-Jährige. Aus dieser Perspektive habe er vorher die „Dinge des Lebens“ noch nie betrachtet. Stiegler sagt, ihm dränge sich nun die Frage auf, wie er sein Leben in Zukunft führen möchte. Denn das verlief bisher alles andere als glücklich: Der Nürnberger verlor Familie und Beruf, lebt derzeit in einer Obdachlosenpension der Caritas. Was der fünffache Vater verändern will? „Ich möchte in Zukunft mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen und meine Interessen intensiver wahrnehmen“, sagt er. Mitorganisatorin Barbara Kressmann freut sich über die rege Beteiligung der Obdachlosen an der Straßenkreuzer- Uni. „Wir haben mit der heutigen Veranstaltung insgesamt mehr als 300 Besucher gezählt“, sagt sie. Pro Vorlesung seien es im Durchschnitt 50 Teilnehmer. Kressmann: „Wir haben maximal mit 20 pro Vortrag gerechnet.“

Alexander Brock, Nürnberger Nachrichten, 23.6.2010


Nürnberger Sozialmagazin bietet Vorträge und Lehrfahrten speziell für
soziale Randgruppen an

Bildung für alle mit der Straßenkreuzer-Uni

Jeder hat das Recht auf Bildung“ heißt es in Artikel 26 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Dabei ist Bildung der Schlüssel für Teilhabe, für persönliche Entwicklung und soziale Integration. Doch gerade Menschen am Rande wie Wohnungslose besitzen häufig ein sehr niedriges Bildungsniveau.
Sie will die Straßenkreuzer-Uni besonders einladen. Der Saal im „Christine-Kreller- Haus“ der Stadtmission war voll besetzt. Nach der erfolgreichen Auftaktveranstaltung der „Straßenkreuzer- Uni“ – ein Vortrag von Professor Hans Kudlich, Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg zum Thema „Wozu brauchen wir eigentlich Gesetze“ – zeigte sich nun Referent Ewald Behrschmidt, Vizepräsident des Nürnberger Oberlandesgerichts, überrascht und erfreut über die zahlreich erschienenen Interessenten an seinem Vortrag „Mit einem Bein im Gefängnis“. Er sei gespannt gewesen, so der Richter, denn „So einen Zuhörerkreis hat man nicht jeden Tag.“ Begeisterte Dozenten
Vielleicht hatte IlseWeiß, Chefredakteurin des Sozialmagazins, deshalb keine Schwierigkeiten gehabt, qualifizierte Dozenten für diese Uni zu finden.Alle seien sehr aufgeschlossen gewesen und begeistert von der Idee, ihr Wissen einmal ganz anders zu erproben, erzählt sie. An diesem Nachmittag versteht es Behrschmidt, die Zuhörer in Bann zu ziehen. Er fragt zunächst ab, was Menschen mit einem Richter verbinden und stellt fest, dass die meisten bei Rechtsstreitigkeiten zuerst an Straftaten denken. Dabei seien diese, und erst recht Kapitaldelikte wie Raub oder Mord, nur zu einem relativ kleinen Teil Themen von Gerichtsverfahren. In der Regel gehe es um zivilrechtliche Fragen, erklärt der Experte und zeigt praktische Beispiele auf: der Streit um Miete, Handwerkerrechnungen, Verkehrsunfälle und Erbschaftsangelegenheiten. Die Teilnehmer hören aufmerksam zu, stellen Fragen. Behrschmidt erläutert anhand verständlicher Fälle die Zuständigkeitsbereiche von Arbeitsgericht und Verwaltungsgericht, Sozialgericht und Finanzgericht im Justizpalast Nürnberg. Er spricht über die Arbeit des Staatsanwalts und setzt die echte Tätigkeit den weit verbreiteten Klischee-Vorstellungen aus einschlägigen amerikanischen Fernsehproduktionen gegenüber; zeigt auf, wie ein Richter urteilt, welche Rolle Zeugen spielen – und spricht über Probleme bei der Finanzierung eines Rechtsstreits. Ein Teilnehmer hat Fragen zur Kronzeugenregelung; einige nutzen die Gelegenheit, von dem Fachmann Rat in persönlichen Angelegenheiten zu bekommen.
Plattform für Bildungswillige
An diesem Nachmittag ist der Teilnehmerkreis bunt, Obdachlose undMitarbeiter von sozialen Diensten, interessierte Menschen aus vielerlei Bereichen. „Ich will einfach etwas dazu lernen,“ sagt eine Frauenhaus-Bewohnerin und drückt damit die Motivation vieler aus. „Schön, dass die das machen“, strahlt eine andere Zuhörerin. Eine Bestätigung für die Initiatoren. Inspirieren ließen sie sich von einem ähnlichen Projekt in Österreich; die Macher der „Megaphon-Uni“, Graz halfen dem Straßenkreuzer bei der Umsetzung ihrer Idee in Deutschland. Nach den ersten Veranstaltungen ist klar: der Bedarf besteht. Veranstalter, Akteure und Nutznießer sind gleichermaßen zufrieden und glücklich.
Drei Themenbereiche
Das erste Semester der „Straßenkreuzer- Uni“ begann Ende April und endet im Juli. Es beinhaltet je drei Veranstaltungen zu den Themenbereichen „Recht und Gesetz“, „NeueMedien“ und „Ernährung“ – jeweils gibt es zwei Vorträge, die vorzugsweise in Einrichtungen der Obdachlosenhilfe stattfinden, wie in der Heilsarmee, in der Stadtmission und der Notschlafstelle. Ergänzend dazu werden Lehrfahrten am Ende eines Themenblocks angeboten, die das theoretische Wissen praktisch abrunden sollen. Am 24. Juni wird der ehemalige Rechtsdirektor Nürnbergs Interessenten zum Haus des berühmtesten Henkers der Stadt führen. Anwesenheitspflicht gibt es nicht bei der Staßenkreuzer-Uni, Prüfungen ebenfalls nicht.Am Ende dieses Semesters, am 14. Juli werden Lehrende und Hörende gemeinsam feiern. Wer eine Vorlesungsreihe komplett besucht hat, erhält dann eine Urkunde als Anerkennung. Fortsetzung folgt
Die Straßenkreuzer-Uni soll weitergehen. Voraussichtlich beginnt das neue Semester im Oktober. Mögliche Themenblöcke könnten sein: Geld, Tod und Religion und sicher wieder Recht und Gesetz, da besteht besonders viel Interesse. Das laufende Programm der Straßenkreuzer-Uni im Sommersemester und weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.strassenkreuzer.info

Ulrike Pilz-Dertwinkel, Blickpunkt Kirche, 6.6.2010


Straßenkreuzer Uni eröffnet Semester

Der Schlafsaal wird zum Hörsaal

Baldur sitzt in der ersten Reihe. Vor ihm liegen Bücher, Zeitungsartikel und wissenschaftliche Fachliteratur. Ein wenig sieht der inzwischen 70-Jährige aus wie in den 90er Jahren, als er fast täglich im Lesesaal der Erlanger Uni-Bibliothek anzutreffen war. Damals war er, der studierte Mathematiker, noch Akademischer Rat, erzählt er. Das aber ist lange her, über 15 Jahre. Für Baldur eine Ewigkeit. Zwischen damals und heute liegen Welten: mit Entmündigung, Zwangsräumung, sozialem Abstieg. Heute lebt er in einer Verfügungswohnung der Stadt Erlangen; für die warmen Mahlzeiten sucht er die Tagesstätte in der Heuwaagstraße auf. Sein Wissensdurst aber ist ungebrochen – und wird nun endlich wieder gestillt.
Denn der Verein Straßenkreuzer, der das gleichnamige Sozialmagazin veröffentlicht, gibt mit seiner neuen Initiative allen Menschen die Chance auf Bildung. „Niemand darf von Wissen ausgegrenzt werden“, sagt Straßenkreuzer-Chefredakteurin Ilse Weiß. Da wohnungslose und bedürftige Menschen nie oder nur ungern in herkömmliche Bildungseinrichtungen oder Unis gehen, kommen die Professoren zu ihnen. In die Notschlafstelle Domus Misericordiae, das Haus Großweidenmühle oder, wie an diesem Nachmittag, zur Heilsarmee in die Gostenhofer Hauptstraße.
Schon der Auftakt der ungewöhnlichen Vorlesungsreihe zeigt, wie überfällig das Projekt ist. Die Stühle des großen Saales im Haus Rothstein sind schnell besetzt; Papier und Kugelschreiber sind griffbereit. Die Aufregung ist groß unter den Teilnehmern. Immerhin haben die Frauen und Männer zum Teil vor Jahrzehnten die Schulbank gedrückt. Eine halbe Stunde Vortrag kann für Menschen, die psychisch krank sind oder am Abgrund stehen, ganz schön lang sein. Ist sie aber nicht – wenn der Referent Hans Kudlich heißt.
Der Lehrstuhlinhaber für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie an der Erlanger Uni hat das Publikum sofort auf seiner Seite. So locker und launig können wohl nur wenige über die trockene Materie sprechen. „Wozu brauchen wir eigentlich Gesetze“, fragt er eingangs rhetorisch. Für die Beantwortung hat sich der Jurist ganz schön viel einfallen lassen. Nicht ein halbstündiger Monolog zeigt die Notwendigkeit von Recht und Gesetzen auf, sondern eine nette kleine Geschichte mit vielen Schaubildern. Sehr anschaulich und verständlich macht Kudlich deutlich, welches Dilemma entstehen kann, wenn von drei Brüdern einer stirbt, aber niemand weiß, wie mit dessen Erbe – im konkreten Fall 132 Schafen – zu verfahren ist. Noch vertrackter wird es, wenn die 132 Tiere aus ehemaligen Geschenken, also Schafen, der beiden Brüder entstanden sind. Wie nun soll der Dorfälteste (Richter gibt es in diesem Gemeinwesen nicht) entscheiden? Nach dem Prinzip der brüderlichen Teilung oder auf Grundlage des Opferquotenvergleichs – wie es in der Fachsprache heißt?
Schon während des Vortrags diskutieren die Anwesenden – die Kudlich freundschaftlich „Kollegen“ nennt – eifrig mit, bringen in die Debatte raffinierte Ideen und Überlegungen ein, die selbst den ausgewiesenen Exper-
ten erstaunen. „Recht ist nicht gleichbedeutend mit Gerechtigkeit“, erläutert der Jurist. Was eine Gesellschaft unter Recht und Gerechtigkeit verstehe, sei abhängig von Zeit, Ort und den dort jeweils gültigen Wertvorstellungen. „Das Gesetz muss Regeln schaffen, die für möglichst viele Fälle gelten“, so Kudlich, „es kann nicht jedes Einzelschicksal berücksichtigen.“
Beim Wort Einzelschicksal dürfte Baldur hellhörig werden. Schon vor Jahren hat er seinen persönlichen Rachefeldzug gestartet – gegen die seiner Meinung nach unwissenden und ungerechten Richter und Juristen. Von Hans Kudlich aber ist er angetan. „Der Vortrag hat mir sehr gut gefallen“, sagt er. Der Wissenschaftler habe sich auf das Referat gut vorbereitet, stellt er anerkennend fest. Das Thema Jura interessiert den Erlanger seit langem. Aber auch andere Vorlesungen will er besuchen. „Ich bin schon eingeschrieben“, sagt er fachmännisch. Die Straßenkreuzer Uni sei für ihn mittlerweile die einzige Möglichkeit, sich weiterzubilden. Ein bisschen habe er nostalgische Gefühle: „Die akademische Lehre fehlt mir schon“, sagt er und macht sich auf den Weg – heim in die Universitätsstadt Erlangen.
Astrid bleibt noch eine Weile. Die 40-Jährige hat Zuflucht gefunden im Haus für Frauen an der Großweidenmühlstraße, einer städtischen Einrichtung für wohnungslose Frauen. Die Vorlesung hat ihr gut getan: „Man kann nie genug lernen im Leben“, sagt sie. In der Welt der Akademiker war sie, die als Kind geschlagen und als Erwachsene ausgebeutet wurde, bisher nicht unterwegs. „Ich muss mich natürlich erst an Seminare gewöhnen.“ Dafür ist sie auf dem besten Weg; wichtige Punkte hat sie sich notiert. „Ich konnte dem Vortrag gut folgen“, betont sie, „ der Referent war sehr freundlich“. So freundlich, dass er Astrid am Ende sogar sein Skript überlässt.
Wiederkommen will auch der Professor. Vielleicht zur Abschlussfeier, sagt er. Das ungewohnte Umfeld hat ihn neugierig gemacht: „Ich weiß nichts von den Schicksalen der Menschen“, betont er. Noch nie ist er bei der Heilsarmee gewesen, erzählt er. Deshalb sei er froh über diesen Kontakt. Eines freut Kudlich ganz besonders: „Die Männer und Frauen haben so intensiv am Gespräch teilgenommen, mehr als meine Studenten.“ Die in der richtigen Uni.

Sharon Chaffin, Nürnberger Zeitung, 13.5.2010


Sozial-Experiment: Professor trifft Obdachlose

Ein heikles Projekt, das war den Veranstaltern von Anfang an klar. Obdachlose und Uni? Da passt was nicht ins gesellschaftliche Bild. Warum aber sollten Obdachlose nicht ein Recht auf anspruchsvolle Bildung haben? Das fragte sich der Straßenkreuzer Verein und rief Deutschlands erste Obdachlosen-Uni ins Leben. Jetzt startete das erste Semester der „Straßenkreuzer-Uni“ mit einer Vorlesung zum Thema „Wozu brauchen wir Gesetze?“
Soziale Randgruppen treffen hier mit Menschen zusammen, die ihnen im Alltag eher selten begegnen: Obdachlose mit Professoren, Akademikern und Ärzten, die ihnen wissenschaftliche Stoffe lebensnah vermitteln sollen. Für die Dozenten nicht die einzige Herausforderung. Denn die Vorlesungen finden auf ungewohntem Terrain statt – in städtischen Obdachlosenheimen. „Wann kommt ein Uni-Professor schon mal in eine Notschlafunterkunft?“, freut sich Straßenkreuzer-Redakteurin Ilse Weiß.
Für die drei Vorlesungsreihen – „Neue Medien“, „Recht und Gesetz“ und „Ernährung“ – stellten sich trotzdem ohne Wenn und Aber acht Dozenten zur Verfügung. Darunter auch bekannte Nürnberger wie Hartmut Frommer, der ehemalige Rechtsreferent der Stadt. Wie viele der rund 1400 Nürnberger Obdachlosen die Uni besuchen werden, bleibt abzuwarten. Frank Hummert von der Heilsarmee: „Die Leute machen oft einschüchternde Erfahrungen, wenn sie um Hilfe bitten.“ Weiß betont: „Deshalb wollen wir die Hemmschwelle so gering wie möglich halten.“ Für die „Studenten“ gibt es keine Noten, Prüfungen oder Abschlussarbeiten. Die Teilnahme ist freiwillig und kostenlos.
Ein buntes Publikum fand sich nun im Heilsarmee-Sozialwerk in Gostenhof ein. Viele der 70 Hörer waren so begeistert, dass sie auf jeden Fall wieder kommen.

Unter den Wohnungslosen finden sich alle Bildungsschichten, vom Maurer bis zum Zahnarzt. Ilse Weiß: „Man sollte diese Leute nicht abschreiben.“ Das ist auch Botschaft dieser „Uni“. 

mp, Nürnberger Abendzeitung, 29.4.10


Auch die Obdachlosen haben ein Recht auf Bildung

Der Verein Straßenkreuzer veranstaltet Uni-Vorlesungen

NÜRNBERG - Jeder hat das Recht auf Bildung. Daran erinnern die Macher der Obdachlosenzeitschrift Straßenkreuzer. Und sie wagen ein in Deutschland einzigartiges Projekt: die Straßenkreuzer-Uni. Die erste Vorlesung findet am Mittwoch statt - bei der Heilsarmee.
Schon die Worte im Programm sind anders. Verständlicher. Die Vorlesung heißt Vortrag. Die Exkursion heißt Lehrfahrt. Beim ersten Durchblättern fällt das gar nicht auf. Doch denen, die hier ermutigt werden sollen, sich auf ungewohntes Gebiet zu wagen, hilft es ungemein.
Bildung für alle - das will der Verein Straßenkreuzer mit seinem neuesten Projekt ermöglichen: mit der Straßenkreuzer-Uni. Bis Juli gibt es zu den drei Themengebieten »Recht und Gesetz«, »Neue Medien« und »Ernährung« je drei Veranstaltungen. Abgesehen von den Lehrfahrten finden alle dort statt, wo sich die Menschen aufhalten, denen Bildung oft verwehrt bleibt: bei der Heilsarmee, bei der Stadtmission, in der Notschlafstelle . . .
Willkommen ist jeder. Straßenkreuzer-Chefredakteurin Ilse Weiß hofft darauf, dass die Lust auf Bildung Menschen zusammenbringt, die sich sonst nicht treffen. Sie war es auch, die die Idee für die Uni von einer Fortbildungsveranstaltung mitgebracht hat. Ein Sozialmagazin aus dem österreichischen Graz hatte dort seine Uni vorgestellt. Bisher war das ein einzigartiges Projekt. Der Straßenkreuzer hat es nun nach Deutschland geholt.
Bei der Suche nach Referenten hat Weiß »offene Türen eingetreten. Alle waren sehr aufgeschlossen und begeistert von der Idee, ihr Wissen mal ganz anders zu erproben.« So wird also Ewald Behrschmidt, Vizepräsident des Oberlandesgerichts Nürnberg, bei der Stadtmission darüber sprechen, ob der Staatsanwalt immer der Böse ist. Manfred Hofmann, Siemens-Fachberater für Neue Medien, wird im Haus Großweidenmühle darüber aufklären, warum wir bald kein Buch mehr lesen. Bertold Renner vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Uni Erlangen-Nürnberg wird bei der Stadtmission erklären, warum die Nase schmeckt.
Nur eine halbe Stunde darf der Vortrag dauern, das ist die Vorgabe der Organisatoren. Danach bleibt eine weitere halbe Stunde Zeit zum Diskutieren. Den Auftakt darf am 28. April Professor Hans Kudlich übernehmen. Er leitet den Lehrstuhl für Strafrecht an der FAU Erlangen-Nürnberg. Vorträge zu halten ist zwar der Beruf des 39-Jährigen. Doch sonst sind seine Zuhörer Richter, Anwälte oder Studenten. Fachsprachen-gewohnte Menschen also. Für die Straßenkreuzer-Uni muss Kudlich daher ganz neue Worte suchen. »Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gemacht«, gibt er zu, »daher bin ich sehr gespannt.«
Im Vortrag will er erklären, welche Bedeutung Recht überhaupt hat. Warum wir Spielregeln brauchen, um Interessenkonflikte zu lösen. Und warum jeder Mensch eine andere Vorstellung von Gerechtigkeit hat. Sogar der Vortragsraum ist Neuland für den Professor: »Ich war noch nie in einem Wohnheim für Obdachlose.«
Eine Anwesenheitspflicht gibt es bei der Straßenkreuzer-Uni nicht, Prüfungen auch nicht, eine Belohnung für Fleiß aber schon: Wer an allen drei Veranstaltungen zu einem Thema teilgenommen hat, bekommt beim Abschlussfest eine Urkunde. Dass auf Anwesenheitszwang verzichtet wird, findet der Rechtsprofessor prima. »Dadurch kommen nur Leute, die sich wirklich interessieren. Das sind doch beste Voraussetzungen.«

Gudrun Bayer, Nürnberger Nachrichten, 27.4.2010



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