Straßenkreuzer

Das Sozialmagazin

„Trinkst du noch, oder säufst du schon?"

pdf-Download des Artikels aus den Nürnberger Nachrichten vom 01.05.2013


Vorlesungen für Jedermann

pdf-Download des Artikels aus den Nürnberger Nachrichten vom 22.04.2013


Wieso Alkohol abhängig macht

pdf-Download des Artikels aus den Nürnberger Nachrichten vom 19.04.2013


Die Ministerin und das Gefängnis

pdf-Download des Artikels aus der Mittelbayerischen Zeitung vom 12.02.2013

Der Artikel von Elke Richter (dpa) ist online auch hier erschienen:
www.liberale.de und www.evangelisch.de


Wenn der "Rosenheim-Cop" ins Casablanca kommt

Ansicht des Artikels aus den Neumarkter Nachrichten vom 28.7.2012


Straßenkreuzer Uni in Geldnöten

pdf-Download des Artikels aus den Nürnberger Nachrichten vom 12.10.2011


Künftiger Bischof liest an der Straßenkreuzer Uni

pdf-Download des Artikels aus dem Evangelischen Sonntagsblatt vom 25.9.2011


Straßenkreuzer Uni braucht Sponsoren

pdf-Download des Artikels aus der Nürnberger Zeitung vom 22.9.2011


Brückenschlag nimmt auf der Bühne Gestalt an

Kooperation der Straßenkreuzer Uni mit dem Stadttheater Fürth

pdf-Download des Artikels aus den Fürther Nachrichten, 12.9.2011


Mit Dosenwurst fing alles an

Am Donnerstag kocht OB Ulrich Maly für die Heilsarmee. Die NZ sprach mit ihm über sein Hobby am Kochtopf und seine Liebe zu selbst erfundenen Rezepten.

NZ: Wie kamen Sie an den Kochtopf???

Maly: In unserer Familie haben schon immer alle gekocht, auch die Männer, mein Vater oft am Wochenende. Bei mir fing es so mit zwölf, dreizehn Jahren an: Wenn die Eltern am Wochenende weg waren, haben wir uns aus heutiger Sicht schreckliche Dinge zubereitet, versucht, Dosenwurst zu braten und Ähnliches, ich weiß gar nicht mehr alles... So ist das langsam gewachsen. Einen Kochkurs habe ich nie gemacht.??

NZ: Wo nehmen Sie Ihre Inspiration am Herd her?

??Maly: Ich sammele Kochbücher, bin jahrelang Abonnent vom Gourmet-Journal gewesen, das es leider nicht mehr gibt. Aber ich bin keiner, der nach Kochbuch kocht. Ich lese, wenn ich ein Stück Fisch zu Hause habe, vielleicht sieben oder acht Rezepte und mache dann mein eigenes daraus. Für mich ist Kochen immer ein kreativer Akt. In letzter Zeit gab es auch keine schlimmeren Geschmacksunfälle mehr, ich kann mir gut abstrakt vorstellen, was zusammenpasst und was nicht. Ich freu’ mich dann immer, wenn ich es woanders lese. Zum Beispiel habe ich für uns ein Rezept kreiert aus roh gebratenem Spargel mit Estragon und Orangensaft. Neulich las ich vom Alexander Herrmann, wie schön Estragon zu Spargel passt, da freu’ ich mich dann! ??NZ: Was geht in Ihrer Küche schon mal schief???Maly: Gelegentlich zu viel Salz und manchmal kommt es vor, dass ein empfindlicher Fisch oder ein Stück Fleisch nicht ganz auf den Punkt gegart ist. Insbesondere, wenn man für zehn oder zwölf Leute kocht. Aber das bekomme ich langsam in den Griff.?
NZ: Ihr Lieblingsrezept???

Maly: Klassische fränkische Küche geht immer, auch die klassische französische Küche. Eine Sahnesoße mit Steinpilzgeschmack, die mit Butter aufgerührt wird. Das ist Handwerkszeug, das ich nicht mal probieren muss, um zu wissen, wie es schmeckt. Ich koche gern thailändisch, weil es schnell geht, wenn ich spät heimkomme, im Wok oder Nudelgerichte.??

NZ: Wie sieht die Küche aus, wenn Sie mit dem Kochen fertig sind?

??Maly: Ich bin keiner, der alle Zutaten in einem Schüsselchen separat hat, sondern ich habe ein sehr großes Brett und ein scharfes Messer und die Zahl der Töpfe, die ich brauche. In der Regel hinterlasse ich, glaube ich, die Küche ganz ordentlich, aber da müssen Sie meine Frau fragen.

??NZ: Was kochen Sie denn heute Abend???

Maly: Die Aufgabe war, Glücksgerichte zu kochen, die auch nicht teuer sind. Wir machen zwei Nudelgerichte. Die machen immer glücklich, da sind die Kinder dieser Welt ein Beweis, egal ob bei Reisnudeln in China oder Weizennudeln in Italien – und das gilt auch für Erwachsene. Es gibt einmal Spaghetti mit einer Thunfischsauce, die die Geschmacksrichtungen süß, salzig und scharf verbindet. Der Thunfisch wird abgetropft und angebraten, da löst er sich auf, dann kommen Wein und was von der Abtropfflüssigkeit drauf. Dann dazu Knoblauch, Peperoncino, Rosinen und Fenchelsamen geben, vielleicht noch etwas Tomatenmark. Das ist einem klassischen sizilianischen Rezept nachempfunden, die Rosinen haben sie von den Arabern. Es gibt noch Tagliatelle mit Perlhuhnbrust, grünem Spargel und Parmaschinken. Gewürzt mit Frühlingszwiebeln, kurz zusammen angebraten und mit etwas Sahne unter die Nudeln gezogen. ??

NZ: Was passiert beim Kochen???

Maly: Es entspannt mich, ich koche vielleicht ein- oder zweimal die Woche, wenn ich dazu komme. Meine Frau als Hausfrau sagt: Ich muss kochen. Ich bin der klassische Mann, der sagt: Juhu, ich darf kochen! Wenn ich für Gäste koche, dann achte ich inzwischen darauf, dass ich die Zeit mit ihnen verbringe und nicht in der Küche stehe. Und für meine Gäste kann ich auch mal was Neues ausprobieren. Neulich hab ich ein Tiroler Gröstl erfunden, statt mit Stadtwurst mit Oktopus, dazu mediterranes Gemüse und eine selber gerührte Aioli. Danach sind mir die Gäste zu Füßen gelegen.

Nürnberger Zeitung, 8.6.11


Maly will an Straßenkreuzer Uni dozieren

Selbstbewusst tritt Hörervertreter Roland Schuler im Südstadtforum ans Mikrofon. Nur wer ganz genau hinschaut, sieht, dass seine Hände leicht zittern. Wen wundert’s? Schließlich spricht der Mann nicht jeden Tag vor großem Publikum. Beim Abschlussfest des Wintersemesters 2010/2011 der Straßenkreuzer Uni drängen sich 100 Gäste – und Schuler ist der Hauptredner.
Er fasst die Eindrücke und Erfahrungen anschaulich zusammen, die die Hörerinnen und Hörer an der bundesweit einmaligen Uni gesammelt haben. Um sich hier einschreiben zu können, braucht es weder Hochschulreife noch Geld. An der Straßenkreuzer Uni gibt es Bildung für alle, die sich kommerzielle Bildung finanziell nicht leisten können, Menschen auf der Schattenseite der Gesellschaft, oft krank, ohne Arbeit und ein Zuhause.
Hier trifft der Universitätsprofessor auf den Obdachlosen und der Hartz-IV-Empfänger auf den Politiker. Im vergangenen Semester hatten sich 435 Hörerinnen und Hörer eingeschrieben. Sie konnten bei sieben Vorträgen, vier Lehrfahrten und drei Arbeitsgruppen neues Wissen sammeln. Im Rahmen der Abschlussfeier erhält jeder, der alle Veranstaltungen eines Themen-Blockes besucht hat, eine Urkunde. Es sind so viele, dass die Verleihung flott gehen muss wie beim Brezelbacken.
Nicht wenige bekommen gleich mehrere Urkunden. Als „Nummernboy für die Zeugnisse“, wie er selbst sagt, überreicht OB Maly die Auszeichnungen. Und er verspricht „öffentlich“, dass er im Sommersemester „auch mal kommen will“, mit einem Thema, das die Hörer selbst auswählen könnten. Damit wäre er in guter Gesellschaft, denn an der Straßenkreuzer Uni finden sich als Dozenten ausschließlich hochkarätige Professoren und Experten. Nach den Veranstaltungen vertiefen viele Teilnehmer das erlangte Wissen in eigener Regie weiter, weiß Schuler.
Die Vortragenden hätten es geschafft, auch schwierige Themen, wie Geld und Börse oder Sozialrecht in einer Stunde für den Laien transparent zu machen. „Dafür bräuchte man anderswo Stunden oder Tage.“ Kerstin Wieland hatte sich für die Reihe „Medien für Anfänger – Mach dir ein Bild“ entschieden.
Jetzt steht sie mit ihrer Urkunde in der Hand vor ihren Fotografien und ist mächtig stolz auf ihren Erfolg. Anfangs habe sie nur mit der automatischen Kamera umgehen können, mittlerweile aber beherrsche sie das Einmaleins des Fotografierens aus dem Effeff, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht. Unter einer der im Südstadtforum ausgestellten Fotografien steht: „Zertrümmertes Lächeln“. Davon kann bei der Frau, die sich diesen Titel ausgedacht hat, nicht die Rede sein.
Sigrid Fichtl ist glücklich über ihr gelungenes Bild. Drinnen im Saal werden die Urkunden sorgsam in Klarsichthüllen gesteckt. Zu Hause bekommen sie einen Rahmen und einen Ehrenplatz.

Nürnberger Zeitung, 16.2.2011


Wieder was gelernt
Richter erklärt Straßenkreuzer-Studenten das Gericht

Der lange Weg einer Klage ist für Laien oft nur schwer nachvollziehbar. Wie es am Sozialgericht abläuft, erklärte ein Richter direkt vor Ort. Veranstaltet wurde das Ganze von der Straßenkreuzer-Uni.
Am Sozialgericht werden Fälle entschieden, die das ganze Leben verändern können: Es geht um Elterngeld, Hartz IV, Rente und Pflegeansprüche. Die Schadenssummen fallen dabei ganz unterschiedlich aus. Die Palette reicht von Cent-Beträgen bis zu Millionensummen. So klagte ein Arbeits- loser, weil er 55 Cent Porto für sein Bewerbungsschreiben erstattet haben wollte. Bei Urteilen im Bereich der Pflegeversicherung kann es schnell um Millionenbeträge gehen.
Dass die Vorgänge, die im Sozialgericht ablaufen, nicht immer einfach zu durchschauen sind, weiß Günter Merkel, Richter am Sozialgericht, wohl am besten. Was passiert mit meiner Klage? Und wer entscheidet über meinen Fall? Das sind nur einige der Fragen, die Merkel beantwortete.
Das Interesse ist groß: Statt der erwarteten 20 Teilnehmer sind mehr als doppelt so viele erschienen. Die Veranstaltung ist Programmpunkt der Straßenkreuzer-Uni. Sie will Bildung für alle ermöglichen und eher bildungsfernen Männern und Frauen wissenschaftliche Inhalte vermitteln.
Nach Beendigung eines Lernblocks erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat, das sie beispielsweise Bewerbungen beilegen können. Viele hängen es sich außerdem an die Wand. Sie seien stolz auf ihre Leistung. Ihre neue Selbstsicherheit zähle dabei mehr als jedes Stück Papier, sagt Barbara Kressmann, Koordinatorin des Straßenkreuzers.
Heute steht Sozialrecht auf dem Stundenplan. Die Schülerschaft ist bunt gemischt, viele haben selbst schon mit dem Sozialgericht zu tun gehabt: Eine 63-Jährige ist hier, weil sie sich weitere Informationen zu ihren Rechten erhofft Sie hat wegen einer Rentenkürzung beim Sozialgericht geklagt. Einige andere wollen gegen die Regelungen von Arbeitslosengeld II vorgehen.
Um die Vorgänge bei Gericht nachzuvollziehen, verfolgen die Teilnehmer gemeinsam den Weg einer Klage. Erste Station ist der Briefkasten. Täglich werden durchschnittlich 25 Kla-gen eingeworfen. Der Postkasten ist mit einer Uhr ausgestattet: Um Mitternacht klappt der Boden nach unten, die Briefe fallen in das darunter liegende Fach. So kann niemand fälsch-licherweise behaupten, sein Schreiben fristgerecht eingereicht zu haben.
Danach kommt die Klage zur Registratur, wo sie einen Eingangsstempel und ein Aktenzeichen erhält. Die Geschäftsstelle holt schließlich Gut- achten ein, recherchiert und bereitet alles für den Richter vor. Der hält nun zum ersten Mal die Klage in der Hand
und spricht nach Einsicht aller Informationen das Urteil.
„Heute habe ich viel gelernt. Es war wirklich interessant und hat Spaß
gemacht. Nächstes Mal werde ich auch wieder dabei sein“, freut sich eine Teilnehmerin, während sie den Feedback-Bogen ausfüllt.

Nürnberger Nachrichten, 28.01.2011


Obdachlose lernen an Straßenkreuzer-Uni

Hochschule Bildung in Deutschland kann teuer sein. Die Straßenkreuzer-Uni in Nürnberg bietet Obdachlosen und Armen kostenlose Seminare mit renommierten Gastdozenten an - und bringt so Menschen zusammen, die im Alltag kaum miteinander in Berührung kommen.

Walter S. ist skeptisch. "Der Vortrag heute wundert mich - mit meinen hundert Euro im Monat kann ich mir doch sowieso keine Aktien leisten", sagt der 43-Jährige. Seit sechs Jahren wohnt S. in einem Obdachlosenheim, Aktien hat der gelernte Handelsfachpacker noch nie besessen. Gespannt ist er allerdings schon, was der prominente Gastdozent an diesem Abend über Banken und Börsen erzählen wird. "Das Thema interessiert mich", sagt er.
Etwa 60 Männer und Frauen sind in das Sozialwerk der Nürnberger Heilsarmee gekommen, um den Börsenvortrag des TV-Finanzexperten Wolfgang Gerke zu hören. Organisiert hat die Veranstaltung die Nürnberger Straßenkreuzer-Uni, ein Bildungsprojekt des Vereins "Straßenkreuzer", der das gleichnamige Sozialmagazin herausgibt. Die Bildungsinitiative bietet Menschen in sozialer Not kostenlose Seminare an. Zu den Teilnehmern gehören Obdachlose, Arme, Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge.
"Die Uni setzt auf Menschen, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt sind und sich die kommerziellen Bildungsangebote nicht leisten können", sagt die Organisatorin der Straßenkreuzer-Uni, Ilse Weiß. Bildung für alle, das sei das Ziel. Das bayerische Sozialministerium und die Auerbach Stiftung finanzieren die Initiative. "Wer Freude an Bildung hat, der soll dabei sein - so einfach ist es", sagt Weiß.
Damit ist die Straßenkreuzer-Uni eine Art Pilotprojekt in Deutschland. "Die Einrichtung in Nürnberg ist bundesweit die einzige Uni für Obdachlose", betont Weiß. Erst im April war die Initiative ins Leben gerufen worden. Im ersten Sommersemester besuchten rund 430 Menschen die einstündigen Vorlesungen. "Die Resonanz war bombastisch", sagt Weiß. Wer die Seminare regelmäßig besucht, erhält am Ende des Semesters eine Urkunde, überreicht von Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD).
Der Vortrag an diesem Abend findet im zweiten Semester statt. Es gibt Kaffee und Cola, neben dem Podium flackern rote Adventskerzen. Gerke erklärt, wozu die Börse gut ist und warum sie für die Wirtschaft wichtig ist. "Wir drehen ein wahnsinniges Rad", sagt Gerke, während er auf und ab läuft und mit den Armen gestikuliert. "Draußen ist es so saukalt und die Börse läuft heiß." Der Universitätsprofessor spricht zum ersten Mal vor Obdachlosen. "Es ist nicht mein traditionelles Publikum und ich weiß nicht, wie die auf mich reagieren", sagt Gerke vor der Veranstaltung.
"Beide Seiten sollen sich näher kommen", betont Weiß. Viele der Hörer hätten noch nie einen Professor oder Politiker getroffen. Vor Wochen hielt etwa der Bundestagsabgeordnete Michael Frieser (CSU) einen Vortrag über Hartz IV. "Die Straßenkreuzer-Uni will lebensnahe Themen verständlich und spannend vermitteln", sagt Weiß.
Gerke scheint das zu gelingen. Im Anschluss an seinen Vortrag melden sich zahlreiche Teilnehmer mit komplizierten Fragen zu Wort. Sie wollen von Gerke wissen, was "Leerverkäufe" und "Aktienwetten" sind. Gerke antwortet geduldig und nimmt sich auch nach der Veranstaltung noch Zeit. Dann muss er los, zurück in seine Welt. Am nächsten Tag will er in Österreich Ski laufen.

Augsburger Allgemeine, 29.12.2010, Arne Meyer, dpa (ebenso veröffentlicht auf mainpost.de, mittelbayerische.de, oberpfalznetz.de, www.infranken.de)


Nürnberger Aktien-Guru erklärt Obdachlosen die Börse

Finanz-Genie Wolfgang Gerke hält auf Einladung der „Straßenkreuzer-Uni“ im Dezember einen Vortrag bei der Heilsarmee im Stadtteil Gostenhof

Der Aktien-Guru Professor Wolfgang Gerke, der telegene Mann mit der Fliege, hält im Dezember bei der Heilsarmee (Gostenhofer Hauptstraße 47) in der „Straßenkreuzer-Uni“ vor Obdachlosen und armen Menschen einen Vortrag über die Börse und wie sie funktioniert. Das ist kurios – ausgerechnet vor diesem Publikum.

AZ: Professor Gerke, hätte man diesen Menschen nicht vor deren Absturz die Regeln der Börse erklären sollen?
WOLFGANG GERKE: Ja, da musste ich auch schmunzeln, den ein oder anderen hat vielleicht die Börse ruiniert. Das Thema habe nicht ich gewählt, aber ich entziehe mich nicht. Ich glaube aber, es hätte attraktivere Themen gegeben.

Und die wären?
Wir versäumen es schon in der Schule, wichtige alltägliche Dinge zu erklären. Dazu gehört die Börse, aber auch: Wie verhandle ich mit der Bank, wenn ich einen Kredit will? Oder was bedeuten 17 Prozent Überziehungs-Zins tatsächlich? Das sind auch Themen, die diese Menschen interessieren.

Aber immerhin geht’s doch auch bei der Börse ums Geld.
Ich merke, welch großes Problem das Geld für viele Menschen wird. Ich werde oft in der U-Bahn angesprochen, die Menschen erzählen mir von ihren Existenzsorgen, aber auch von ihrer Politikenttäuschung.

Geht’s da auch um die Krise?
Natürlich. Und bei meinem Vortrag werde ich auch erklären, was Häuser in Amerika mit der Bankenpleite in Deutschland zu tun haben.

Das komplexe Thema hat ja tatsächlich noch nicht jeder verstehen können. Haben Sie Berührungsängste, was Ihre neuen Zuhörer angeht?
Nein, überhaupt nicht. Erst neulich bin ich mit einem Straßenkreuzer-Verkäufer ins Plaudern geraten. Auch der stellte mir die Frage, ob es denn so sinnvoll sei, vor seinen Kollegen über die Börse zu reden. Es wird für mich schon etwas anderes sein, als vor Vorständen mittelständischer Unternehmen zu reden.

Werden Sie auch dort Ihre berühmte Fliege tragen?
Natürlich. Ich werde ganz bewusst nicht auf die Fliege verzichten. Ich käme mir vor wie ein Norddeutscher, der sich in Bayern eine Lederhose anzieht – ich fände das komisch und wenig glaubwürdig.

sw, Nürnberger Abendzeitung, 8.10.2010


Straßenkreuzer Uni startet ins neue Semester

Die Straßenkreuzer Uni geht in die zweite Runde: Am 20.Oktober beginnt das dreimonatige Wintersemester mit den Themen Geld, Sozialrecht und Weihnachten.
Schon die Auftaktveranstaltungen des bundesweit einmaligen Projekts waren bei Dozenten und „Studenten“ auf eine enorme Resonanz gestoßen: Professoren und hochkarätige Experten aus verschiedenen Bereichen hielten unter dem Motto „Bildung für alle“ erstmals Vorlesungen in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. ?

Nach der Sommerpause startet der gemeinnützige Verein Straßenkreuzer mit seiner Uni in die neue Saison: Auch dieses Mal konnten die Initiatoren namhafte Hochschullehrer und Politiker gewinnen. Der Bereich „Geld“ etwa wird aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. So klärt der Erlanger Archäologe Martin Boss über das Ende der Tauschwirtschaft auf. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Sparda-Bank, Stefan Schindler, macht Bankgeschäfte transparent und der renommierte Finanzexperte Wolfgang Gerke spricht über Spekulationen, Börsen und Bankenpleiten. Das Thema Geld führt unmittelbar zum nächsten Block – dem Bereich „Sozialrecht“. Besondere Spannung verspricht dabei unter anderem die Diskussion des CSU-Bundestagsabgeordneten Michael Frieser unter der provokanten Frage „Warum ist Hartz IV doch gerecht?“??Auch das bevorstehende Weihnachtsfest hat die Straßenkreuzer Uni in ihr Programm aufgenommen: Der Astronom Matthias Gräter macht sich auf die Suche nach dem Stern von Bethlehem, der Religionspädagoge Manfred L. Pirner erklärt die Bedeutung der Weihnachtsgeschichte und Förster Martin Straußberger führt zu einer Weihnachtsbaum-Plantage in den Fürther Stadtwald. ?

Nürnberger Zeitung, 7.10.2010


Straßenkreuzer-Uni war voller Erfolg

430 Hörer bei elf Lehrveranstaltungen - Im Wintersemester geht es weiter

NÜRNBERG - Die Straßenkreuzer-Uni hat das Ende des ersten Semesters mit einer launigen Feier im Haus Großweidenmühle abgeschlossen. Die Organisatorinnen des ehrgeizigen Bildungs-Projekts für Obdachlose - Ilse Weiß, Gabi Pfeiffer und Barbara Kressmann - zeigten sich begeistert vom großen Zuspruch der angebotenen Vorträge, Seminare und Workshops.
Rund 430 Studenten besuchten die insgesamt elf Lehrveranstaltungen zu den Themen Recht und Gesetz, Ernährung und Neue Medien. 285 von ihnen kamen aus Einrichtungen der Obdachlosenhilfe. »Der Rest war ein bunter Querschnitt durch die Gesellschaft«, erzählt Gabi Pfeiffer. Rentner, Migranten, sozial Schwache oder einfach nur Menschen, die neugierig sind und dazulernen wollen. 42 Hörerinnen und Hörer bekamen im Rahmen der Abschlussfeier eine Urkunde verliehen. Dazu musste eine gesamte Vorlesungsreihe, bestehend aus drei Lehrveranstaltungen, absolviert werden.
Für Menschen, die häufig nur kurzzeitig oder vor sehr langer Zeit die Schulbank gedrückt haben, eine beachtliche Leistung. Das fand auch Sozialreferent Reiner Prölß, der die besten Wünsche des OBs übermittelte: »Es ist einfach lobenswert, wenn man denjenigen den Zutritt zur Bildung erleichtert, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens gewandert sind.« Voll des Lobes war Prölß auch für den Straßenkreuzer selbst. Vergleichbare Magazine in anderen Städten könnten mit dem hohen journalistischen Niveau der hiesigen Zeitschrift nicht mithalten. Seine Worte gingen im kräftigen Applaus des Publikums unter.
Und was sagen die Studenten der Straßenkreuzer-Uni? »Das war wirklich toll, im Wintersemester bin ich wieder mit dabei«, schwärmt Claudia Grun (43). Sie hat alle drei Teile des Themenblocks Recht und Gesetz absolviert und ist stolz auf ihre Urkunde. Am meisten fasziniert hat Grun die Geschichte des Henkerhauses.
Ingrid Priborsky (44), die chronisch krank und erwerbslos ist, hat sich mit dem Thema Ernährung auseinandergesetzt. Vor allem das Seminar von Ernährungsberater Karl-Heinz Krumwiede habe ihr die Augen geöffnet, erzählt sie. »Es ist erschreckend, welche Zusatzstoffe sich in Fertigprodukten befinden, da vergeht einem der Appetit!« Dass die Kalbsleberwurst überwiegend aus Schweineleber mit ein wenig Kalbsfleisch bestehe, sei da noch das Harmloseste.
Renter Lorenz Weidenfeld lobte das Projekt öffentlich am Mikrofon während der Feierlichkeiten. »Ich kann jedem nur empfehlen hinzugehen, denn man erfährt nicht nur eine Menge, sondern lernt auch noch andere Menschen kennen.«
Die Themenschwerpunkte des Wintersemesters, das am 20. Oktober beginnt, sind Geld, Sozialrecht und Weihnachten.

Michaela Zimmermann, Nürnberger Nachrichten, 16.7.2010


Sportdozent hält Fußball-Vorlesung für Obdachlose

Regeln fürs Leben

 Was hat Fußball mit dem richtigen Leben zu tun? Viel, behauptet Trainer und Sportdozent Frank Kramer. Daher hat ihn die Straßenkreuzer-Uni zu einer „Vorlesung“ im Rahmen ihres Sommersemesterprogramms eingeladen.
Fußball ist wie das Leben. Vortrefflich lassen sich daher Regeln, die Rollen der Spieler und des Trainers auf den Alltag übertragen. Dass der beim Publikum der Heilsarmee aber gar nicht so rosig aussieht, verspricht Spannung. Denn Sportwissenschaftler und Fußballtrainer Frank Kramer hat seinen Vortrag vor Obdachlosen gehalten, seine „Studenten“ aktiv mit inbezogen und die Gedanken bei einigen besonders angeregt. Kramer: „Überall, wo Sieger sind, muss es notgedrungen auch Unterlegene geben.“ Beispiel: Gelbe Karte. Kramer fragt, wann es im richtigen Leben Situationen gibt, die einer Gelben Karte ähneln? „Bei einer Bewährungsstrafe“, sagt einer. Ein anderer ruft: „Das ist wie mit den Punkten in Flensburg.“ Wann kann ein Mensch im Abseits stehen? Antwort: Wenn ihn andere mobben, die Ehe zerrüttet ist oder der Chef den Mitarbeiter vor die Türe setzt. Während es für Verlierer beim Fußballmatch eine Fortsetzung gibt, gestaltet sich der Verlauf nach einer Lebensniederlage schwierig: „Der Mensch muss sich nach so einem Tiefschlag erst wieder ordnen und die Konsequenzen bewältigen“, sagt der 38-jährige Dozent. Weiteres Beispiel: der Trainer. Übungsleiter motivieren Spieler, treffen auch mal unpopuläre Entscheidungen, müssen die Mannschaft zusammenhalten und bei großem Druck von außen die Ruhe bewahren. In der Realität stehen Eltern und Lehrer stellvertretend für den Trainer, so Kramer. „Jeder Mensch, von dem man etwas lernt, ist irgendwie ein Trainer“, sagt ein Obdachloser.
Bernd Stiegler ist wohnungslos. Fast jeden Vortrag der Straßenkreuzer- Uni hat er besucht. Doch dieser hat ihn besonders berührt: „Mir gefällt die bildliche Darstellung und dass Kramer auf jede Frage eingeht“, so der 49-Jährige. Aus dieser Perspektive habe er vorher die „Dinge des Lebens“ noch nie betrachtet. Stiegler sagt, ihm dränge sich nun die Frage auf, wie er sein Leben in Zukunft führen möchte. Denn das verlief bisher alles andere als glücklich: Der Nürnberger verlor Familie und Beruf, lebt derzeit in einer Obdachlosenpension der Caritas. Was der fünffache Vater verändern will? „Ich möchte in Zukunft mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen und meine Interessen intensiver wahrnehmen“, sagt er. Mitorganisatorin Barbara Kressmann freut sich über die rege Beteiligung der Obdachlosen an der Straßenkreuzer- Uni. „Wir haben mit der heutigen Veranstaltung insgesamt mehr als 300 Besucher gezählt“, sagt sie. Pro Vorlesung seien es im Durchschnitt 50 Teilnehmer. Kressmann: „Wir haben maximal mit 20 pro Vortrag gerechnet.“

Alexander Brock, Nürnberger Nachrichten, 23.6.2010


Nürnberger Sozialmagazin bietet Vorträge und Lehrfahrten speziell für soziale Randgruppen an

Bildung für alle mit der Straßenkreuzer-Uni

Jeder hat das Recht auf Bildung“ heißt es in Artikel 26 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Dabei ist Bildung der Schlüssel für Teilhabe, für persönliche Entwicklung und soziale Integration. Doch gerade Menschen am Rande wie Wohnungslose besitzen häufig ein sehr niedriges Bildungsniveau.
Sie will die Straßenkreuzer-Uni besonders einladen. Der Saal im „Christine-Kreller- Haus“ der Stadtmission war voll besetzt. Nach der erfolgreichen Auftaktveranstaltung der „Straßenkreuzer- Uni“ – ein Vortrag von Professor Hans Kudlich, Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg zum Thema „Wozu brauchen wir eigentlich Gesetze“ – zeigte sich nun Referent Ewald Behrschmidt, Vizepräsident des Nürnberger Oberlandesgerichts, überrascht und erfreut über die zahlreich erschienenen Interessenten an seinem Vortrag „Mit einem Bein im Gefängnis“. Er sei gespannt gewesen, so der Richter, denn „So einen Zuhörerkreis hat man nicht jeden Tag.“ Begeisterte Dozenten
Vielleicht hatte IlseWeiß, Chefredakteurin des Sozialmagazins, deshalb keine Schwierigkeiten gehabt, qualifizierte Dozenten für diese Uni zu finden.Alle seien sehr aufgeschlossen gewesen und begeistert von der Idee, ihr Wissen einmal ganz anders zu erproben, erzählt sie. An diesem Nachmittag versteht es Behrschmidt, die Zuhörer in Bann zu ziehen. Er fragt zunächst ab, was Menschen mit einem Richter verbinden und stellt fest, dass die meisten bei Rechtsstreitigkeiten zuerst an Straftaten denken. Dabei seien diese, und erst recht Kapitaldelikte wie Raub oder Mord, nur zu einem relativ kleinen Teil Themen von Gerichtsverfahren. In der Regel gehe es um zivilrechtliche Fragen, erklärt der Experte und zeigt praktische Beispiele auf: der Streit um Miete, Handwerkerrechnungen, Verkehrsunfälle und Erbschaftsangelegenheiten. Die Teilnehmer hören aufmerksam zu, stellen Fragen. Behrschmidt erläutert anhand verständlicher Fälle die Zuständigkeitsbereiche von Arbeitsgericht und Verwaltungsgericht, Sozialgericht und Finanzgericht im Justizpalast Nürnberg. Er spricht über die Arbeit des Staatsanwalts und setzt die echte Tätigkeit den weit verbreiteten Klischee-Vorstellungen aus einschlägigen amerikanischen Fernsehproduktionen gegenüber; zeigt auf, wie ein Richter urteilt, welche Rolle Zeugen spielen – und spricht über Probleme bei der Finanzierung eines Rechtsstreits. Ein Teilnehmer hat Fragen zur Kronzeugenregelung; einige nutzen die Gelegenheit, von dem Fachmann Rat in persönlichen Angelegenheiten zu bekommen.
Plattform für Bildungswillige
An diesem Nachmittag ist der Teilnehmerkreis bunt, Obdachlose undMitarbeiter von sozialen Diensten, interessierte Menschen aus vielerlei Bereichen. „Ich will einfach etwas dazu lernen,“ sagt eine Frauenhaus-Bewohnerin und drückt damit die Motivation vieler aus. „Schön, dass die das machen“, strahlt eine andere Zuhörerin. Eine Bestätigung für die Initiatoren. Inspirieren ließen sie sich von einem ähnlichen Projekt in Österreich; die Macher der „Megaphon-Uni“, Graz halfen dem Straßenkreuzer bei der Umsetzung ihrer Idee in Deutschland. Nach den ersten Veranstaltungen ist klar: der Bedarf besteht. Veranstalter, Akteure und Nutznießer sind gleichermaßen zufrieden und glücklich.
Drei Themenbereiche
Das erste Semester der „Straßenkreuzer- Uni“ begann Ende April und endet im Juli. Es beinhaltet je drei Veranstaltungen zu den Themenbereichen „Recht und Gesetz“, „NeueMedien“ und „Ernährung“ – jeweils gibt es zwei Vorträge, die vorzugsweise in Einrichtungen der Obdachlosenhilfe stattfinden, wie in der Heilsarmee, in der Stadtmission und der Notschlafstelle. Ergänzend dazu werden Lehrfahrten am Ende eines Themenblocks angeboten, die das theoretische Wissen praktisch abrunden sollen. Am 24. Juni wird der ehemalige Rechtsdirektor Nürnbergs Interessenten zum Haus des berühmtesten Henkers der Stadt führen. Anwesenheitspflicht gibt es nicht bei der Staßenkreuzer-Uni, Prüfungen ebenfalls nicht.Am Ende dieses Semesters, am 14. Juli werden Lehrende und Hörende gemeinsam feiern. Wer eine Vorlesungsreihe komplett besucht hat, erhält dann eine Urkunde als Anerkennung. Fortsetzung folgt
Die Straßenkreuzer-Uni soll weitergehen. Voraussichtlich beginnt das neue Semester im Oktober. Mögliche Themenblöcke könnten sein: Geld, Tod und Religion und sicher wieder Recht und Gesetz, da besteht besonders viel Interesse. Das laufende Programm der Straßenkreuzer-Uni im Sommersemester und weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.strassenkreuzer.info

Ulrike Pilz-Dertwinkel, Blickpunkt Kirche, 6.6.2010


Straßenkreuzer Uni eröffnet Semester

Der Schlafsaal wird zum Hörsaal

Baldur sitzt in der ersten Reihe. Vor ihm liegen Bücher, Zeitungsartikel und wissenschaftliche Fachliteratur. Ein wenig sieht der inzwischen 70-Jährige aus wie in den 90er Jahren, als er fast täglich im Lesesaal der Erlanger Uni-Bibliothek anzutreffen war. Damals war er, der studierte Mathematiker, noch Akademischer Rat, erzählt er. Das aber ist lange her, über 15 Jahre. Für Baldur eine Ewigkeit. Zwischen damals und heute liegen Welten: mit Entmündigung, Zwangsräumung, sozialem Abstieg. Heute lebt er in einer Verfügungswohnung der Stadt Erlangen; für die warmen Mahlzeiten sucht er die Tagesstätte in der Heuwaagstraße auf. Sein Wissensdurst aber ist ungebrochen – und wird nun endlich wieder gestillt.
Denn der Verein Straßenkreuzer, der das gleichnamige Sozialmagazin veröffentlicht, gibt mit seiner neuen Initiative allen Menschen die Chance auf Bildung. „Niemand darf von Wissen ausgegrenzt werden“, sagt Straßenkreuzer-Chefredakteurin Ilse Weiß. Da wohnungslose und bedürftige Menschen nie oder nur ungern in herkömmliche Bildungseinrichtungen oder Unis gehen, kommen die Professoren zu ihnen. In die Notschlafstelle Domus Misericordiae, das Haus Großweidenmühle oder, wie an diesem Nachmittag, zur Heilsarmee in die Gostenhofer Hauptstraße.
Schon der Auftakt der ungewöhnlichen Vorlesungsreihe zeigt, wie überfällig das Projekt ist. Die Stühle des großen Saales im Haus Rothstein sind schnell besetzt; Papier und Kugelschreiber sind griffbereit. Die Aufregung ist groß unter den Teilnehmern. Immerhin haben die Frauen und Männer zum Teil vor Jahrzehnten die Schulbank gedrückt. Eine halbe Stunde Vortrag kann für Menschen, die psychisch krank sind oder am Abgrund stehen, ganz schön lang sein. Ist sie aber nicht – wenn der Referent Hans Kudlich heißt.
Der Lehrstuhlinhaber für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie an der Erlanger Uni hat das Publikum sofort auf seiner Seite. So locker und launig können wohl nur wenige über die trockene Materie sprechen. „Wozu brauchen wir eigentlich Gesetze“, fragt er eingangs rhetorisch. Für die Beantwortung hat sich der Jurist ganz schön viel einfallen lassen. Nicht ein halbstündiger Monolog zeigt die Notwendigkeit von Recht und Gesetzen auf, sondern eine nette kleine Geschichte mit vielen Schaubildern. Sehr anschaulich und verständlich macht Kudlich deutlich, welches Dilemma entstehen kann, wenn von drei Brüdern einer stirbt, aber niemand weiß, wie mit dessen Erbe – im konkreten Fall 132 Schafen – zu verfahren ist. Noch vertrackter wird es, wenn die 132 Tiere aus ehemaligen Geschenken, also Schafen, der beiden Brüder entstanden sind. Wie nun soll der Dorfälteste (Richter gibt es in diesem Gemeinwesen nicht) entscheiden? Nach dem Prinzip der brüderlichen Teilung oder auf Grundlage des Opferquotenvergleichs – wie es in der Fachsprache heißt?
Schon während des Vortrags diskutieren die Anwesenden – die Kudlich freundschaftlich „Kollegen“ nennt – eifrig mit, bringen in die Debatte raffinierte Ideen und Überlegungen ein, die selbst den ausgewiesenen Exper-
ten erstaunen. „Recht ist nicht gleichbedeutend mit Gerechtigkeit“, erläutert der Jurist. Was eine Gesellschaft unter Recht und Gerechtigkeit verstehe, sei abhängig von Zeit, Ort und den dort jeweils gültigen Wertvorstellungen. „Das Gesetz muss Regeln schaffen, die für möglichst viele Fälle gelten“, so Kudlich, „es kann nicht jedes Einzelschicksal berücksichtigen.“
Beim Wort Einzelschicksal dürfte Baldur hellhörig werden. Schon vor Jahren hat er seinen persönlichen Rachefeldzug gestartet – gegen die seiner Meinung nach unwissenden und ungerechten Richter und Juristen. Von Hans Kudlich aber ist er angetan. „Der Vortrag hat mir sehr gut gefallen“, sagt er. Der Wissenschaftler habe sich auf das Referat gut vorbereitet, stellt er anerkennend fest. Das Thema Jura interessiert den Erlanger seit langem. Aber auch andere Vorlesungen will er besuchen. „Ich bin schon eingeschrieben“, sagt er fachmännisch. Die Straßenkreuzer Uni sei für ihn mittlerweile die einzige Möglichkeit, sich weiterzubilden. Ein bisschen habe er nostalgische Gefühle: „Die akademische Lehre fehlt mir schon“, sagt er und macht sich auf den Weg – heim in die Universitätsstadt Erlangen.
Astrid bleibt noch eine Weile. Die 40-Jährige hat Zuflucht gefunden im Haus für Frauen an der Großweidenmühlstraße, einer städtischen Einrichtung für wohnungslose Frauen. Die Vorlesung hat ihr gut getan: „Man kann nie genug lernen im Leben“, sagt sie. In der Welt der Akademiker war sie, die als Kind geschlagen und als Erwachsene ausgebeutet wurde, bisher nicht unterwegs. „Ich muss mich natürlich erst an Seminare gewöhnen.“ Dafür ist sie auf dem besten Weg; wichtige Punkte hat sie sich notiert. „Ich konnte dem Vortrag gut folgen“, betont sie, „ der Referent war sehr freundlich“. So freundlich, dass er Astrid am Ende sogar sein Skript überlässt.
Wiederkommen will auch der Professor. Vielleicht zur Abschlussfeier, sagt er. Das ungewohnte Umfeld hat ihn neugierig gemacht: „Ich weiß nichts von den Schicksalen der Menschen“, betont er. Noch nie ist er bei der Heilsarmee gewesen, erzählt er. Deshalb sei er froh über diesen Kontakt. Eines freut Kudlich ganz besonders: „Die Männer und Frauen haben so intensiv am Gespräch teilgenommen, mehr als meine Studenten.“ Die in der richtigen Uni.

Sharon Chaffin, Nürnberger Zeitung, 13.5.2010


Sozial-Experiment: Professor trifft Obdachlose

Ein heikles Projekt, das war den Veranstaltern von Anfang an klar. Obdachlose und Uni? Da passt was nicht ins gesellschaftliche Bild. Warum aber sollten Obdachlose nicht ein Recht auf anspruchsvolle Bildung haben? Das fragte sich der Straßenkreuzer Verein und rief Deutschlands erste Obdachlosen-Uni ins Leben. Jetzt startete das erste Semester der „Straßenkreuzer-Uni“ mit einer Vorlesung zum Thema „Wozu brauchen wir Gesetze?“

Soziale Randgruppen treffen hier mit Menschen zusammen, die ihnen im Alltag eher selten begegnen: Obdachlose mit Professoren, Akademikern und Ärzten, die ihnen wissenschaftliche Stoffe lebensnah vermitteln sollen. Für die Dozenten nicht die einzige Herausforderung. Denn die Vorlesungen finden auf ungewohntem Terrain statt – in städtischen Obdachlosenheimen. „Wann kommt ein Uni-Professor schon mal in eine Notschlafunterkunft?“, freut sich Straßenkreuzer-Redakteurin Ilse Weiß.

Für die drei Vorlesungsreihen – „Neue Medien“, „Recht und Gesetz“ und „Ernährung“ – stellten sich trotzdem ohne Wenn und Aber acht Dozenten zur Verfügung. Darunter auch bekannte Nürnberger wie Hartmut Frommer, der ehemalige Rechtsreferent der Stadt. Wie viele der rund 1400 Nürnberger Obdachlosen die Uni besuchen werden, bleibt abzuwarten. Frank Hummert von der Heilsarmee: „Die Leute machen oft einschüchternde Erfahrungen, wenn sie um Hilfe bitten.“ Weiß betont: „Deshalb wollen wir die Hemmschwelle so gering wie möglich halten.“ Für die „Studenten“ gibt es keine Noten, Prüfungen oder Abschlussarbeiten. Die Teilnahme ist freiwillig und kostenlos.

Ein buntes Publikum fand sich nun im Heilsarmee-Sozialwerk in Gostenhof ein. Viele der 70 Hörer waren so begeistert, dass sie auf jeden Fall wieder kommen.

Unter den Wohnungslosen finden sich alle Bildungsschichten, vom Maurer bis zum Zahnarzt. Ilse Weiß: „Man sollte diese Leute nicht abschreiben.“ Das ist auch Botschaft dieser „Uni“. 

mp, Nürnberger Abendzeitung, 29.4.10


Auch die Obdachlosen haben ein Recht auf Bildung

Der Verein Straßenkreuzer veranstaltet Uni-Vorlesungen

NÜRNBERG - Jeder hat das Recht auf Bildung. Daran erinnern die Macher der Obdachlosenzeitschrift Straßenkreuzer. Und sie wagen ein in Deutschland einzigartiges Projekt: die Straßenkreuzer-Uni. Die erste Vorlesung findet am Mittwoch statt - bei der Heilsarmee.
Schon die Worte im Programm sind anders. Verständlicher. Die Vorlesung heißt Vortrag. Die Exkursion heißt Lehrfahrt. Beim ersten Durchblättern fällt das gar nicht auf. Doch denen, die hier ermutigt werden sollen, sich auf ungewohntes Gebiet zu wagen, hilft es ungemein.
Bildung für alle - das will der Verein Straßenkreuzer mit seinem neuesten Projekt ermöglichen: mit der Straßenkreuzer-Uni. Bis Juli gibt es zu den drei Themengebieten »Recht und Gesetz«, »Neue Medien« und »Ernährung« je drei Veranstaltungen. Abgesehen von den Lehrfahrten finden alle dort statt, wo sich die Menschen aufhalten, denen Bildung oft verwehrt bleibt: bei der Heilsarmee, bei der Stadtmission, in der Notschlafstelle . . .
Willkommen ist jeder. Straßenkreuzer-Chefredakteurin Ilse Weiß hofft darauf, dass die Lust auf Bildung Menschen zusammenbringt, die sich sonst nicht treffen. Sie war es auch, die die Idee für die Uni von einer Fortbildungsveranstaltung mitgebracht hat. Ein Sozialmagazin aus dem österreichischen Graz hatte dort seine Uni vorgestellt. Bisher war das ein einzigartiges Projekt. Der Straßenkreuzer hat es nun nach Deutschland geholt.
Bei der Suche nach Referenten hat Weiß »offene Türen eingetreten. Alle waren sehr aufgeschlossen und begeistert von der Idee, ihr Wissen mal ganz anders zu erproben.« So wird also Ewald Behrschmidt, Vizepräsident des Oberlandesgerichts Nürnberg, bei der Stadtmission darüber sprechen, ob der Staatsanwalt immer der Böse ist. Manfred Hofmann, Siemens-Fachberater für Neue Medien, wird im Haus Großweidenmühle darüber aufklären, warum wir bald kein Buch mehr lesen. Bertold Renner vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Uni Erlangen-Nürnberg wird bei der Stadtmission erklären, warum die Nase schmeckt.
Nur eine halbe Stunde darf der Vortrag dauern, das ist die Vorgabe der Organisatoren. Danach bleibt eine weitere halbe Stunde Zeit zum Diskutieren. Den Auftakt darf am 28. April Professor Hans Kudlich übernehmen. Er leitet den Lehrstuhl für Strafrecht an der FAU Erlangen-Nürnberg. Vorträge zu halten ist zwar der Beruf des 39-Jährigen. Doch sonst sind seine Zuhörer Richter, Anwälte oder Studenten. Fachsprachen-gewohnte Menschen also. Für die Straßenkreuzer-Uni muss Kudlich daher ganz neue Worte suchen. »Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gemacht«, gibt er zu, »daher bin ich sehr gespannt.«
Im Vortrag will er erklären, welche Bedeutung Recht überhaupt hat. Warum wir Spielregeln brauchen, um Interessenkonflikte zu lösen. Und warum jeder Mensch eine andere Vorstellung von Gerechtigkeit hat. Sogar der Vortragsraum ist Neuland für den Professor: »Ich war noch nie in einem Wohnheim für Obdachlose.«
Eine Anwesenheitspflicht gibt es bei der Straßenkreuzer-Uni nicht, Prüfungen auch nicht, eine Belohnung für Fleiß aber schon: Wer an allen drei Veranstaltungen zu einem Thema teilgenommen hat, bekommt beim Abschlussfest eine Urkunde. Dass auf Anwesenheitszwang verzichtet wird, findet der Rechtsprofessor prima. »Dadurch kommen nur Leute, die sich wirklich interessieren. Das sind doch beste Voraussetzungen.«

Gudrun Bayer, Nürnberger Nachrichten, 27.4.2010



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