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Das Wintersemester 2010/11 war wunderbar! Die Straßenkreuzer Uni hatte 435 Hörer, davon haben die Hälfte zum ersten Mal teilgenommen. Das kostenlose Angebot der "Bildung für alle" findet inzwischen viele Stammhörer, 56 von ihnen konnten beim Semesterabschlussfest mit einer Urkunde für den Besuch einer kompletten Reihe ausgezeichnet werden. Die Themen Geld, Weihnachten und soziale Gerechtigkeit hat die Straßenkreuzer Uni mit insgesamt sieben Vorträgen und drei Lehrfahrten ausgeleuchtet, dazu kam - unter dem Titel "Genuss und Gift" - eine Führung im Botanischen Garten Erlangen und drei Arbeitsgruppen. Mach dir ein Bild, forderten sie auf oder animierten zum Schreiben japanischer Haiku.
Ohne irgendeinen Unterschied sollen Menschen behandelt werden, so steht es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Rechte und Freiheiten gelten für alle – das verlangt gleicht der zweite ihrer 30 Artikel. Was das bedeutet, erklärte Michaela Lissowsky vom Menschenrechtszentrum den 26 Hörern der Straßenkreuzer Uni vor der zugehörigen Säule in der Straße der Menschenrechte. Aber wie ist das im Alltag? Jeder hat schon einmal Diskriminierung erfahren – oder einen anderen beleidigt und verletzt. Denken Sie mal nach!, animiert die Politikwissenschaftlerin später im Vortragssaal des CVJM am Kornmarkt. Beherzt wirbt sie dafür, dass sich jeder gegen Benachteiligung einsetzt. Schon im Alltag, in der U-Bahn oder in der Firma. Indem er die Beobachterrolle verlässt und sich einmischt: Das kann ein kesser Spruch sein oder ein Notruf übers Handy, man kann sich an den Vorgesetzten wenden, Anzeige bei der Polizei erstatten – oder die Vorkommnisse beim Menschenrechtszentrum oder Amnesty International melden.
Gerechtigkeit beginnt beim Briefkasten, das wird bei dieser sehr lebendigen Führung mit Richter Günter Merkel durch das ehrwürdige Sozialgericht sofort klar. Unten am Eingang kann jeder Bürger mit Wohnsitz Mittelfranken sein Anliegen in Schriftform einwerfen. Taggenau wird das registriert. Noch besser: Wer sich nicht sicher ist, wie ein Schreiben formuliert werden soll, dem wird gern vor Ort geholfen – und das komplette verfahren ist umsonst. So kann sich jeder Bürger ermutigt fühlen, gegen den Staat zu kämpfen, wenn bei seiner Rente, bei Sozialhilfe, Hartz IV, Elterngeld, Pflege oder einer sonstigen sozialen Versicherung oder Versorgung seiner Meinung nach etwas nicht passt. Richter Merkel ist einer von 20 Richterinnen und Richtern am Sozialgericht Nürnberg – und mit ihm geht die mit 32 Personen viel zu große, aber enorm interessierte Gruppe nun zur Posteingangsstelle, wo jedes Schreiben ein Aktenzeichen bekommt, dann weiter in die Geschäftsstelle, wo es zusammen mit eventuellen Gutachten und Attesten in einen farbigen Ordner verpackt und dann dem zuständigen Richter gegeben wird. Günter Merkel sorgt sich um die Pflege-Fälle und seine Akten sind gelb. Über 200 bekommt er jedes Jahr. Kein Wunder, dass genaues Lesen eines Richters Hauptbeschäftigung ist. Insgesamt gingen 2010 über 7300 Vorgänge am Sozialgericht ein, die meisten handeln von Hartz IV. Am Ende zieht Richter Merkel im Sitzungssaal seine Robe an und verkündet die Entscheidung: unser fiktiver Pflegefall erhält keine Pflegestufe 1. So will es das Gesetz, ob das gerecht ist, darüber könnten die Hörer noch stundenlang mit Günter Merkel diskutieren.
Man müsste nur lesen: Denn im 1583 Seiten dicken Sozialgesetzbuch, da steht alles drin. Jura-Professor Steffen Klumpp hält den Wälzer, Gott sei Dank, nur hoch und spricht lieber über die Grundsätze eines sozialen Staates. Aber was ist überhaupt sozial?, fragt er. Die Definition ist nicht eindeutig, der rechtliche Spielraum groß. Im Grundgesetz steht nur, dass Deutschland „ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“ ist und die Würde des Menschen „unantastbar“. Was das konkret heißt, ist auch von der Kassenlage abhängig. „Sozialsein kostet“, sagt Klumpp vor den 32 Hörern der Straßenkreuzer Uni im Südstadtforum. Das betrifft zum Beispiel den Hartz IV Regelsatz, über dessen Berechnung und Höhe die Politik gerade streitet. Aber auch für das Prinzip der Krankenkassen, wo viele Gesunde für die Kranken einstehen.
Ge-nau sieb-zehn Sil-ben - Die Regeln des Haiku sind einfach, aber streng: Fünf Silben in der ersten Zeile, dann sieben und nochmal fünf. Die Gedichtform entstand im 16. Jahrhundert in Japan, wo jeder dichtet – vom Bauarbeiter bis zum Kaiser. Auch die Hörer der Straßenkreuzer Uni haben jetzt damit begonnen. Im Haiku-Workshop von Waldemar Graser haben 22 Menschen im Haus Domus Misericordiae der Caritas die Regeln erkannt, nach Worten gesucht und Gedichte gefunden. Zum Beispiel: Schnee auf den Straßen / bringt Kälte und Eiskristalle / ich bin ausgerutscht.
Gesucht wird: Ein astronomisches Großereignis um die Zeit von Jesu Geburt. So außergewöhnlich, dass sich Weise aus der Gegend des heutigen Iran oder Irak auf eine beschwerliche Reise machen, und Gottes Sohn in der Krippe finden. Was kann das gewesen sein?, fragt Matthias Gräter. Der Geschäftsführer der Nürnberger Astronomischen Arbeitsgemeinschaft geht Kometen mit ihrem Eisschweif, superhelle Sternenexplosionen und die ungewöhnliche Stellung zweiter Planeten durch – und erläutert dabei die Gesetzmäßigkeiten unseres Universums. Ein Wunder: Sterne, die 600 Lichtjahre entfernt kreisen, sind quasi Nachbarschaft und die Sonne, der „gelbe Zwerg“, gerade acht Minuten weit weg. Faszinierend, finden die 26 Hörer in der Sternwarte und steigen gespannt in deren Kuppel zu den Teleskopen. Doch sie haben Pech: Der ganze Himmel hängt voll Wolken.
Ein genialer Mensch, eine super Erfindung – aber leider, sagt Professor Wolfgang Gerke, habe sein Freund Anton kein Geld, um den „nanosynthetischen“ Bodenbelag, der Schnee einfach wegtauen lässt, auch zu produzieren. 50 Millionen bräuchte er, um sich Material und Maschinen zu kaufen und die Erfindung auf den Markt zu bringen. Am einprägsamen Beispiel erläuterte der bekannte Bank- und Börsenexperte vor 60 Hörern in der Heilsarmee, wozu die Börse gut ist, was der Unterschied zwischen Aktie und Anleihe ist, welche Rolle Vertrauen spielt und was passiert, wenn die Wertpapiere nicht mehr Geld für die reale Wirtschaft beschaffen sondern zum Objekt von Wetten werden. Dann bricht der Aktienmarkt ein oder gar zusammen, was destaströse Folgen für die Volkswirtschaft hat. Die Krisen sind dabei nicht neu, sagt Gerke. Schon 1872 gab es einen Börsencrash, als Eisenbahn, Dampfmaschine und Industrialisierung ein neues Zeitalter einläuteten, und 1929, als mit dem Radio die Weltwirtschaftskrise kam. 2000 war es die Internet-Blase. Aktuell ist es die Verbriefung, die Geldgeschäfte sichert – eine möglicherweise bahnbrechende Erfindung.
Himmlische Botschaften setzt selbst die Werbung ein, wenn George Clooney sein Leben gegen eine Kaffeemaschine eintauschen darf. Das ist in Ordnung, findet Manfred Pirner. Der Professor für evangelische Religionspädagogik sprach im Fenster zur Stadt über die Weihnachtsgeschichte: Die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten Unterschiedliches und historisch kann nicht einmal das Geburtsjahr von Jesus Christus belegt werden. Aber selbst wenn die Geschichte erfunden ist, argumentiert Pirner, kann die Botschaft wahr sein: „In Christus ist Gott selbst den Menschen nahe gekommen, er hat sich klein und verletzbar gemacht – und er wendet sich den Außenseitern, den Armen und Benachteiligten zu.“ Und besser als manch theologische Theorie sei es, weitere Geschichten zu erzählen!“ Wie passend, dass das Nürnberger Christkind höchstpersönlich dann zu einem Besuch einschwebte.
Rehe bleiben draußen! – Denn die kleinen Tännchen, die im Fürther Stadtwald zu Weihnachtsbäumen heranwachsen, sind sehr empfindlich. Deshalb müssen die 29 Hörer der Straßenkreuzer Uni auf ihre Schritte achten, als sie mit Martin Straußberger das umzäunte Gelände betreten. Mindestens sieben Jahre wachsen die 20 Zentimeter hohen Setzlinge hier, bis sie geschlagen werden. Der Förster erzählt Wissenswertes über Bäume (5000 pflanzt er pro Saison) und Borkenkäfer (die mögen nur Fichten), Holzpreise (so gut wie lange nicht) und Arbeitsplätze (der Wald schafft mehr als die Automobilbranche). Nach dem Spaziergang wärmen – es weihnachtet schon – Glühpunsch und heiße Maroni.
Jeden Tag Regen! – Sonst könnten viele der rund 5000 Pflanzenarten, die unter den Glasdächern des Botanischen Gartens in Erlangen wachsen, gar nicht leben! Als die 34 Hörer der Straßenkreuzer Uni ihre Führung beginnen, hängt der Sprühnebel noch in der Luft. Von Orchideen und Farnen erzählt Gartenmeister Frank Böse, aber auch von Würgefeigen und fleischfressenden Kannenpflanzen. Gefährlicher Dschungel! Die Tropen sind zugleich ungeheuer fruchtbar: Neben Kaffee, Kakao und Tee, Banane und Ananas wachsen dort auch die Färbepflanze für Edamer, das duftige Piment und Kapok, mit dessen Fasern Matratzen gefüllt werden. Natürlich: Im öffentlich zugänglichen Garten haben tödlich wirksame Pflanzen keinen Platz, die Rauschgiftpflanzen sind verbannt. Auch vor dem „Schwiegermutterstuhl“ sollte man sich in Acht nehmen: Der über 150 Jahre alte Kaktus ist sehr stachelig. Falls er mal Läuse kriegt, könnte man mit ihrem Blut Lippenstift färben.
„Wer kann, der tut“ – Das Thema hatte es in sich: „Ist Hartz IV doch gerecht?“ fragte die Straßenkreuzer Uni und Michael Frieser suchte eine Antwort darauf. Der CSU-Bundestagsabgeordnete für Nürnberg Süd und Schwabach sprach vor 50 Hörern im Haus Großweidenmühle zunächst über Arbeit als Schlüssel zur Teilhabe. Sein Motto: „Wer kann, der tut“. Er ging auf die umstrittene Berechnung der Hartz IV Sätze und das Lohnabstandsgebot ein, stellte sich dann kritischen Fragen aus dem Publikum. Wie umgehen mit ausbeuterischen Leiharbeitsfirmen? Was, wenn in vielen Branchen die regulären Löhne schon zu niedrig sind und ein-Euro-Jobs ohne Perspektive? Kann man da die Selbstachtung behalten? Frieser plädierte für das Ergreifen jeder Chance auf Arbeit und eine Lohngrenze, die nicht unterschritten werden dürfe. Die Politik bemühe sich, aber auch die Gesellschaft müsse mitziehen: „Zu denken, drei Millionen Arbeitslose sind schon okay – das dürfen wir uns nicht leisten“
Auch die Bank will keinen bankrotten Kunden – Wie arbeitet das Geld? Eine Frage, die am besten ein Banker beantworten kann: Stefan Schindler, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparda Bank Nürnberg eG, hat bei seinem Vortrag in der Straßenkreuzer Uni zunächst Grundsätzliches erläutert. Von der Geldanlage und Krediten und der Zinsspanne, mit der Banken kalkulieren. Wie sicher ist das Ersparte?, fragen 35 Hörer in der Wärmestube. Was passiert, wenn man einen Kredit nicht zurückzahlen kann? „Das Schlimmste ist, nicht mit der Bank zu reden“, mahnt Schindler. Den Instituten sei eine geordnete Rückzahlung lieber als ein bankrotter Kunde. Was andernfalls folgt, wissen viele: Kontokündigung, Schufa-Eintrag, Insolvenz und vielleicht sogar ein Haftbefehl. Dass immer häufiger per Karte oder online-Überweisung gezahlt wird, erschwert den Umgang mit Geld zusätzlich. Wenn das Geld knapp ist, sagt Schindler, könne ein Guthaben- oder ein Pfändungsschutzkonto eine Alternative sein.
Der Geschmack des schlechten Geldes – Start ins Wintersemester der Straßenkreuzer Uni: „Wer hat das Geld erfunden?“ hat Martin Boss, Archäologe an der Universität Erlangen, am 20. Oktober gefragt – und so kenntnisreich wie anschaulich von der Produktion der ersten Münzen erzählt. Und natürlich von König Krösus, dem ersten Superreichen der Geschichte. Der verlangte Tribut von unterworfenen Völkern, zahlbar in Gold. Die 43 Hörer, die zur ersten Veranstaltung des Wintersemesters ins Christine-Kreller-Haus der Stadtmission gekommen waren, haben auch erfahren, dass dann Kleingeld nötig war, um beispielsweise Ruderer zu bezahlen. Ihren Lohn trugen die im Mund, und hatten – wenn die Münzen aus kupferhaltigen Legierungen bestanden– den „Geschmack des schlechten Geldes“ auf der Zunge. Das Geld war dennoch unverzichtbar, heutzutage bestimmt es unseren Alltag.
Das 1. Semester ging im Juli 2010 mit einem großen Erfolg zu Ende:
Die 11 Veranstaltungen haben insgesamt 428 Hörer/-innen besucht,
davon kamen 285 Hörer/-innen aus Einrichtungen der Obdachlosenhilfe.

Am 14. Juli 2010 hat die Straßenkreuzer Uni das erste Semester mit einem großen Fest abgeschlossen. Gefeiert wurde in den Räumen der städtischen Wohnungslosenunterkunft Großweidenmühle. Die vielen Gäste erlebten feierliche Musik, schöne Reden, gutes Essen und die Übergabe der Urkunden an alle, die jeweils einen thematischen Block komplett besucht hatten.
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