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Straßenkreuzer Uni - Programm WS 2011/12

Lauter nackte Weiber hatte Dr. Thomas Heyden augenzwinkernd angekündigt. An Bildern vom nackten weiblichen Körper demonstrierte der Oberkonservator des Neuen Museums den Wandel des Schönheitsbegriffes in der Kunst. 22 Hörer der Straßenkreuzer Uni erfuhren im Haus Großweidenmühle, dass die nackte Frau über Jahrtausende das Sinnbild für Schönheit, ja für Vollkommenheit war. Bekanntestes Beispiel ist die „Geburt der Venus“ aus der Muschel von Sandro Botticelli. Doch in den vergangenen 500 Jahren hat sich der künstlerische Blick dramatisch verändert: Die selbstvergessenen Schönen werden selbstsicherer, statt Allegorien liegen bald leibhaftige Frauen auf den Ottomanen. Nicht mehr nackt, sondern ausgezogen. Später zerstückeln die Kubisten den Frauenkörper, in den 60er Jahren drücken Künstlerinnen ihren Gesellschaftsprotest über Nacktheit aus und die Popart spiegelt die Vermarktung des Körpers in der Werbung. Ein weiter Weg. Immer noch stammen nur 5 Prozent der Kunstwerke in Museen von Frauen, aber 85 Prozent der Nackten auf Gemälden sind Frauen.

Wer schön sein will,… legt sich immer häufiger unters Messer. 2011 wurden 630 000 ästhetische Operationen durchgeführt. Diese Zahl ist aktuell, das Phänomen uralt – wie Dr. Katrin Merz, Assistenzärztin an der Plastischen- und Handchirurgischen Klinik in Erlangen, erklärte. Schon vor 3000 Jahren wurden in Indien Nasen rekonstruiert und im 19. Jahrhundert die Hautverpflanzung möglich, auch die verheerenden Verletzungen des ersten Weltkriegs trieben die ärztliche Kunst voran. Wobei nur ein Teil der Eingriffe der „Schönheit“ dient, meist geht es um Beweglichkeit und den Erhalt von Gliedmaßen. Beispiele zeigte Katrin Merz den 20 Hörern der Straßenkreuzer Uni im Südstadtforum im Bild: Abgetrennte Hände, die wieder funktionieren; verpflanzte Zehen, die Daumen ersetzen; und Unterschenkel, die nach Unfällen oder Tumoren hätten amputiert werden müssen, wenn nicht Gewebelappen aus anderen Körperstellen die tiefen Wunden geschlossen hätten. Dazu arbeiten die Plastischen Chirurgen mit Instrumenten, die feiner sind als die eines Uhrmachers und sie nähen mit Fäden, die dünner sind als Haare. Wie das geht? Mit dem Blick durch Mikroskope, die Nerven und Blutbahnen 40fach vergrößern, und natürlich einer ruhigen Hand.

Der Kaiser liebt Türmchen, aber er ist unentschlossen: Soll der Turm hier stehen oder lieber da? Dass das Bauwerk nur in Einzelteilen transportiert werden kann und die Lagerplätze gezählt sind, macht Lehrerin Sabine Teibach zum spannenden Auftakt einer Mathe-Kniffelei. Vom Ausprobieren kommt sie beim dritten Denkste!-Workshops der Straßenkreuzer Uni zur mathematischen Formel des sogenannten „Türmchens von Hanoi“. Bei drei Etagen wird es in sieben Zügen umgesetzt, bei vier Etagen sind schon 15 und bei zehn wären 1023 nötig. „Ein starkes exponentielles Wachstum, wie bei den Zinsen“, seufzt eine Hörerin. Und wenn man für jeden Zug eine Sekunde rechnet, würde ein ganzes Menschenleben nicht reichen, um des Kaisers Hochhaus – mit heiligen 63 Stockwerken – umzusetzen. Aber Sabine Teibach, Konrektorin einer Grundschule in Erlangen und Verfechterin des lernenden Begreifens, stellt noch weitere Denksportaufgaben, darunter ein dreidimensionales Puzzle, Textknobeleien und ein Formen-Erkennungsspiel. Mathe ohne Zwang! Ein Hörer lobt: „Mein Gehirn wurde angeregt, da sollte man sich öfter fordern!“

Es wäre eine fürchterliche Verarmung, wenn man den Mensch auf chemische Formeln reduziert. Dann müsste er, sagt Heinrich Bedford-Strohm, seine Frau so vorstellen: zwei Drittel Wasser, 16 Kilo Kohlen- und 4,5 Kilo Sauerstoff und ein paar andere Elemente. Statt von Liebe zu sprechen und davon, dass er mit ihr durch dick und dünn gegangen ist, beide schon 26 Jahre verheiratet sind und drei Söhne haben. Mit dem Beispiel belegt der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern eine andere Dimension der Wirklichkeit. Der Glaube gehört dazu. Heinrich Bedford-Strohm spricht bei seinem Vortrag vor 50 Hörern im Christine-Kreller-Haus der Stadtmission über das Vertrauen in Gott, die Angst vor dem Tod und was nach ihm kommt und die Freiheit des Christenmenschen. Er antwortet auf Fragen nach Ungerechtigkeit und Armut, nimmt zum berühmten Karl Marx-Zitat von „Religion als Opium fürs Volk“ Stellung und warnt davor, Gott als einen „Kuschelgott“ zu begreifen. Eines aber dürften sich Christen sicher sein, sagt der Landesbischof: „Dass hinter den vielen Neins im Leben Gottes großes Ja steht.“
29.11.2011: Gewusst wie!Ein Name, ein auffälliges Merkmal und ein lebendiges Bild – mehr braucht es nicht, um keinen Namen mehr zu vergessen. Gedächtnistrainerin Julia Hayn kennt das aus eigener Erfahrung. Und sie weiß: Je abstruser und abwechslungsreicher das Bild ist, desto besser bleibt der Name des Gegenübers haften. Das funktioniert in Vorstellungsrunden ebenso wie bei Straßennamen. Die 20 Hörer der Straßenkreuzer Uni lernen beim zweiten Teil des Denkste!-Workshops in der Notschlafstelle Hängematte sogar, wie man sich nach diesem Prinzip Jahreszahlen, Telefonnummern und Pins einprägt. Da steht beispielsweise ein Giraffenhals für die Eins, ein Schwan für die Zwei, der Dreimaster für die Drei und so weiter. Zur jeweiligen Kombination erfindet man eine Geschichte. Nur eins sollte jemand, der sein Gehirn damit trainiert, nie vergessen: Zum Pin auch die zugehörige EC-Karte in die Erzählung einzubauen.
25. 11. 2011: Wild tanzt der DerwischBesser 50 Zweifel als eine Gewissheit! Scheich Süleyman Bahn beruft sich auf die lange Tradition der Sufis, die sich selbst als Suchende bezeichnen. Sie sind Muslime, leben in der Tradition der Mystik und bejahen Erkenntnis und Liebe. „Erst wenn beide ausgeprägt sind, kann der Vogel der Seele fliegen“, sagt der Scheich in seiner Einführung. Um ihn herum sitzen 30 Hörer der Straßenkreuzer Uni in der Dergha, dem Gebets- und Versammlungsraum der Mevlana-Gemeinde. Die Sufis lesen bei ihren Treffen im heiligen Buch, sprechen Gebete und tanzen dazu. Ihre Kleidung ist symbolträchtig: Der Fez steht für den Grabstein, ein schwarzer Umhang für das Grab und die Jacke mit weißem Rock stehen für das Leichentuch – aber auch für Licht und Auferstehung. Im Drehtanz meditieren die Derwische bei jeder Umdrehung und voller Hingabe: Al-lah, Al-lah, Al-lah. Ihre rechte Hand öffnet sich dabei nach oben, die linke zeigt nach unten – so dass Nehmen und Geben ins Gleichgewicht kommen.
22.11.2011: Shalom und SchabbesWenn der Schabbat beginnt, werden in einer jüdischen Familie Kerzen angezündet und ein besonderes Brot gegessen. Solchen „Berches“ hat Sabine Stamminger zu ihrem Vortrag mit in die Straßenkreuzer Uni gebracht: Er wird immer von einem Tuch bedeckt, so wie Tau auf dem biblischen Manna lag. Die Kunsthistorikerin, die lange in Israel gelebt hat, nennt das Brot als Beispiel für die praktische Verankerung des jüdischen Glaubens im Alltag. Sie erklärt über 30 Hörern in der Wärmestube einige Speisegebote und Rituale, reichert diese Grundlagen mit persönlichen Erfahrungen an. Ihre Bilder aus Tel Aviv zeigen moderne Jugendliche genauso wie strenggläubige Juden mit Schläfenlocken. „Die Juden gibt es nicht“, sagt Sabine Stamminger. Um eine Brücke über kulturelle Unterschiede hinweg zu schlagen, hat sie vor kurzem die gemeinnützige Organisation „IrespectU“ gegründet. Deren Ziel: Vorurteile durch Begegnung ab- und Respekt und Akzeptanz füreinander aufbauen.
Man muss vergessen können, sagt Jens Kaiser. Schon um sein Gehirn vor Überlastung zu schützen. Wenn man aber die Brille nicht mehr findet, Verabredungen vergisst und sich an die Namen von Gesprächspartnern nicht erinnern kann, sollte man etwas tun. Was? Der Ergotherapeut, der im Kompetenzzentrum für Demenz der Diakonie Neuendettelsau mit alten Menschen arbeitet, stellt im Denkste!-Workshop der Straßenkreuzer Uni die Loci-Technik vor. Alles, was man sich merken will und muss, wird mit Körperteilen verbunden. Haare, Augen, Mund, Schulter, Bizeps, Bauch, Po, Knie, Fuß – der Weg beginnt immer von oben. Das schafft Verknüpfungen auch zu abstrakten Inhalten, beim Erinnern öffnen sich die Wissensschubladen. Schon die Griechen und die Römer haben die Methode genutzt, wenn sie lange Reden halten mussten. Kaiser rät den 20 Teilnehmern, die in die Notschlafstelle Hängematte gekommen sind: „Seien Sie nett zu Ihrem Gedächtnis. Nichts lässt sich mit Druck herholen, aber vieles mit Gelassenheit.“.
26.10.2011: Pucks sprenkeln das Eis. Zwei, drei Dutzend der Hartgummi-Scheiben benutzen die Thomas Sabo Ice Tigers, wenn sie trainieren. Zweikämpfe auf dem Eis, druckvolle Schüsse aufs Tor –und manchmal vergessen die Spieler in der Hitze des Gefechts, dass der Tormann ein Mannschaftskamerad ist und prallen ungebremst auf. All das können 30 Hörer der Straßenkreuzer Uni sehen und erleben ein seltenes Vergnügen, denn das Training der Tiger ist nicht öffentlich. Zudem erklärt Roman Horlamus, Medien- und PR-Manager der Nürnberger Eishockeymannschaft ausführlich den Sport. Angefangen beim Trainingsplan über Größe und Gewicht der Spieler (die Masse macht’s) und die Geschwindigkeit des Pucks (bis zu 180 Stundenkilometer) bis hin zu ausgeschossenen Zähnen und der Namensgebung. Nicht nur die Nürnberg Ice Tigers haben Tiere im Titel, sondern auch die Kölner Haie, Adler Mannheim oder die Eisbären Berlin. Der gemeinsame Wunsch: So gefährlich spielen, wie man klingt.
21.10.2011: Einen Biedermeiertisch hat sich Peter Stein gewünscht. Daran wird der berühmte Regisseur abends Schillers „Wallenstein“ lesen. Drei Tische hat Manfred Dotter, der technische Leiter des Stadttheaters Fürth, bereitgestellt. Stein wählt den honigfarbenen und trägt ihn gleich selbst auf die Rampe. So, hier soll er stehen! Das erleben die sieben Hörer der Straßenkreuzer Uni bei ihrem Blick hinter die Kulissen hautnah. Sie erfahren auch, dass die Bühne 300 Quadratmeter misst, die Vorhänge bis in 16 Meter Höhe hängen und Kulissen mittels Lift gehoben werden. Dotter erzählt von Motorrädern, die über die Bühne knattern, der Infrarotkamera für den Inspizienten und nervösen Schauspielern. „Die machen uns verrückt!“, sagt er. Beleuchtungsmeister Günther Neumann nickt. In seiner Kabine ist die Theatergruppe der Uni dabei, als die Bühne für Peter Stein eingerichtet wird: Arbeiter binden den schwarzen Hintergrund-Vorhang an eine Stange und ziehen ihn hoch, vier der rund 500 Scheinwerfer leuchten von oben seitlich und dann wünscht Stein noch „eine Dusche“ auf sein Buch. „80 Prozent“ ruft er ungeduldig herauf. Weniger Licht also, den Zuschauerraum dafür gern etwas heller. Gut so, denn beim Theater ist alles auf Effekt angelegt.
18.10.2011 Ein Vertrag ist gar nicht nötig, sagt Johannes Held. Wer eine Wohnung mietet, kann das auch mündlich mit dem Eigentümer vereinbaren. Es herrscht deshalb keineswegs Rechtlosigkeit, erklärt der Vorsitzende des Mietervereins Fürth: „Dann gelten die gesetzlichen Vorschriften, die wären wesentlich günstiger für Mieter.“ Wenn es einen schriftlichen Vertrag gibt, sollten ihn künftige Mieter in jedem Fall genau durchlesen. Müssen sie sich an den Kosten für Kleinreparaturen beteiligen? Welche Fristen sind für Schönheitsreparaturen genannt? Wie werden die Nebenkosten ausgerechnet? Vor 34 Hörern der Straßenkreuzer Uni gab Johannes Held detailliert Auskunft über die komplizierte Materie. So ist beispielsweise der neue Anstrich eines Fensters Mietersache, den Kitt jedoch muss der Vermieter reparieren. Sicher ist: Wenn ein Streit vor Gericht geht und Sachverständige bestellt werden müssen, wird es teuer. „Ein Gerichtsverfahren ist die absolute Ausnahme“, beteuert Held, „in 95 Prozent der Fälle einigen sich die Parteien.“
11.10.2011:Schokolade gab’s für ein Fünferl, die hat die Frau Mais vom Block geschnitten – daran erinnert sich Dieter Barth noch genau. Der Leiter der Unternehmenskommunikation der WBG Nürnberg Gruppe ist am Nordostbahnhof aufgewachsen und führt die elf Hörer der Straßenkreuzer Uni kundig durch die Siedlung. 1928 wurden die ersten Häuser gebaut, die Wohnungen waren nur anderthalb Zimmer groß. Wohnküche, Wohn- und Schlafzimmer teilten sich ganze Familien und nahmen sogar noch Untermieter hinein, so arm waren die Zeiten. Heute rüstet die Wohnbaugesellschaft die Häuser für moderne Bedürfnisse: Wohnungen werden zusammengelegt, es gibt neue Fenster und Fassadendämmung, Pflanzbeete vor den Häusern und Nürnbergs erste Jugendkirche. Die WBG fördert den Zusammenhalt im grünen Wohnviertel mit einem Imbiss, dem Bürgerbüro und einem Tante-Emma-Laden. Das wirkt – auch im Zusammenspiel mit (relativ) günstigen Mieten. Nur 0,5 Prozent der Wohnungen stehen leer, die Zahl der Wohnungswechsel sinkt stetig.
5.10.2011: Ohne Mietrecht „geht’s drunter und drüber“, sagt Richter Clemens Kalb. Der Vermieter könnte jederzeit kündigen und die Miete anheben, wie er will. Die Mieter wiederum könnten bei großem Wohnungsangebot die Preise drücken, bis sich Vermietung nicht mehr lohnt. Hier schafft das Mietrecht eine soziale Balance. Vor 25 Hörern der Straßenkreuzer erläuterte der Leiter der Abteilung Mietsachen, dass der Kündigungsschutz der wichtigste Teil des Mietrechts ist. Wenn Mieter ihre Pflichten erfüllen, sagt Kalb, „ist es viel einfacher, eine Ehefrau loszukriegen als eine Mieterin.“ Anders sieht es aus, wenn Zahlungen ausbleiben oder Mitbewohner durch Lärm oder Beleidigungen gestört werden. Eine ordentliche, manchmal auch die fristlose Kündigung kann die Folge sein. Der Richter spricht auch über Mieterhöhungen (nicht jede muss hingenommen werden), Mietminderung bei Mängeln (Achtung: wenn sie zu hoch ausfällt, kann der Vermieter kündigen.) und die Berechung von Nebenkosten. Weil die Abwägung in vielen Mietstreitigkeiten so schwierig ist, sagt Kalb, „hat es oft Sinn, freundlich mit dem Vermieter zu reden.“
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