Straßenkreuzer

Das Sozialmagazin

Pressespiegel

Mit Herzblut am Steuer des «Straßenkreuzer«
Norbert Kays, EhrenWert-Preisträger des Monats, hilft Menschen in Not

Der erste EhrenWert-Preisträger im Jahr 2010 heißt Norbert Kays. Der 55-Jährige engagiert sich seit 1994 für das Nürnberger Sozialmagazin «Straßenkreuzer» und dessen Trägerverein. Er erhält den mit 1000 Euro dotierten Preis im Januar.
Die Familie ist schuld. Vor allem der Vater. Denn er hat Norbert Kays vorgelebt, wie wichtig es ist, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Und wie hilfreich für beide Seiten. «Mein Vater hat sich in das oberfränkische Dorf, in das er damals geflüchtet ist, durch ehrenamtliche Tätigkeit integriert», erzählt Norbert Kays.
Dieses Vorbild hat den Sohn bis heute geprägt. «Ich jammere nicht. Sondern ich versuche, Einfluss zu nehmen», sagt der 55-Jährige, der mittlerweile in Burgthann lebt. «Ich halte es für sehr wichtig, dass sich die Menschen ehrenamtlich engagieren, egal ob in der Feuerwehr oder woanders. Es kommt auch nicht darauf an, wie viele Stunden in der Woche man investiert, sondern es kommt auf die Qualität an. Auf das Herzblut.»
Er selbst gibt viel seines Herzbluts dem Straßenkreuzer. Und viele Stunden seiner Zeit noch dazu. Schon 1994 bei der Gründung des Vereins - der Menschen in sozialer Not hilft, sich selbst zu helfen - war Norbert Kays dabei.
Seit zwei Jahren ist er Vorsitzender des Vereinsvorstands - und damit der Mensch, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. In dieser Funktion ist er auch ein wichtiger Ansprechpartner für die bezahlten Mitarbeiter. Denn der Verein hat es mittlerweile auf 13 Beschäftigte gebracht; mit unterschiedlichen Aufgaben und unterschiedlichen Arbeitszeiten - vom Verkäufer der Zeitschrift Straßenkreuzer bis zur Chefredakteurin, vom Vertriebsmitarbeiter bis zum Stadtführer.
Im Mittelpunkt der Vereinsarbeit steht die Zeitschrift, die der Verein selbst als Sozialmagazin bezeichnet. Seit diesem Jahr erscheint sie monatlich. Sie wird von Armen und Obdachlosen verkauft. 80 Cent zahlen die Verkäufer selbst für ein Heft, für 1,70 Euro dürfen sie es an ihre Kunden weitergeben. Die 90 Cent Unterschied bleiben ihnen als Verdienst.
Doch nicht nur das Geld ist es, das den etwa 50 Verkäufern guttut. Es ist auch das Selbstwertgefühl, das sie durch ihre Notsituation verloren haben und das ihnen die Tätigkeit zurückgibt. Um das zu erklären, zitiert Norbert Kays einen der ersten Verkäufer. Der Mann hatte vorher gebettelt. «Ich bin jetzt auf gleicher Augenhöhe mit den Käufern», beschrieb er seine Lebensveränderung durch den Straßenkreuzer.
Wer das Heft in Händen hält, kommt schon allein dadurch wieder mit anderen ins Gespräch. «Man lernt sogar voneinander», sagt Kays. «Die Verkäufer merken, dass sie keine Angst vor den potenziellen Käufern haben müssen. Und die merken, dass sie keine Angst vor Menschen mit offensichtlichen Problemen haben müssen.»
Wichtig ist Kays, dass die Straßenkreuzer-Hefte bunt und fröhlich wirken. Lebensbejahend. «Elend und Not muss nicht grau sein», findet er. «Die Botschaft soll sein: Das ist schlecht. Was kann man verändern? Packen wir es an!»
Rund um das Magazin wurden im Lauf der Zeit zahlreiche weitere Aktionen und Projekte entwickelt: In der Schreibwerkstatt entstehen eindrucksvolle Texte, die zum Teil im Straßenkreuzer abgedruckt werden. Gespendete Lieder von Musikern aus der Region füllen mittlerweile acht CDs.
Das erste Straßenkreuzer-Kochbuch war so begehrt, dass es nachgedruckt werden musste. Und unter der Überschrift «Schicht-Wechsel» bietet der Verein mit Hilfe besonderer Stadtführungen Einblicke in das Leben sozialer Randgruppen.
All das geht nur mit dem Geld vieler großer und kleiner Förderer. Und mit der Hilfe vieler Ehrenamtlicher wie Norbert Kays. Seinen Lebensunterhalt verdient der Sozialpädagoge als Mitarbeiter der Stabsstelle Armutsprävention der Stadt Nürnberg.
Das Thema Armut und Obdachlosigkeit ist aber bei weitem nicht das einzige, das ihn bewegt. Er könnte sich durchaus vorstellen, bei anderen Projekten mitzumachen. Seit er selbst Familie hat, mag er es allerdings, seine Kräfte zu bündeln. Sich nicht zu verzetteln. «Man kann sich nicht überall aktiv einbringen», findet er.
«Aber sich zu engagieren, bedeutet auch, sich zu interessieren. Dinge wahrzunehmen.» Noch eine Botschaft, die ihm sein Vater mitgegeben hat.

Nürnberger Nachrichten, 28.1.2010


Ab Januar: Straßenkreuzer erscheint jeden Monat

Das Sozialmagazin «Straßenkreuzer» erscheint von Januar an monatlich. Der neue Rhythmus gebe den Verkäufern die Möglichkeit, ein aktuelleres und damit attraktiveres Heft zu verkaufen, heißt es im Editorial der gerade erschienenen Dezemberausgabe von Chefredakteurin Ilse Weiß.

Bisher erschien der «Straßenkreuzer» alle zwei Monate. «In einer Zeit, in der zigtausende Menschen unserer Region ihren Job verloren haben oder Angst haben, ihn zu verlieren, ist das ein wichtiges Zeichen, dass es auch für Frauen und Männer ganz am Rand des Arbeitsmarktes wieder aufwärtsgehen kann», erklärte Weiß. Zugleich warb sie um Verständnis, dass der Preis des Magazins um zehn Cent auf 1,70 Euro steigen werde. Der in einer Auflage von bis zu 27 000 Exemplaren erscheinende «Straßenkreuzer» wird von Armen und Arbeitslosen verkauft. Vom Verkaufspreis erhalten die Verkäufer 90 Cent. In der Dezember-Nummer geht es um Menschen die wegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und Schmerz ein schweres «Päckchen» zu tragen haben: Der Bundeswehr-Psychologe Robert Müller kümmert sich um Soldaten nach ihrem Afghanistan-Einsatz. Die 42-jährige Cornelia erzählt, wie es ist, wenn man zehn Stunden am Tag arbeitet und 780 Euro im Monat verdient.

Nürnberger Zeitung vom 30.11.09


Der Höhepunkt eines anstrengenden Jahres

Am heutigen Samstag wird im MUZ Club die achte CD des Sozialmagazins Straßenkreuzer mit einem Konzertabend gefeiert. Vor der Präsentation trafen wir den Journalisten Martin Schano, der zusammen mit Artur Engler für die Konzeption und Zusammenstellung verantwortlich ist.
«Ich hab mich auf diese Aufgabe gestürzt, weil ich mich hier als Christ verwirklichen konnte.» Von Kindesbeinen an hat Martin viel mit der Kirche zu tun und engagiert sich in sozialen Projekten. Sein grenzüberschreitendes musikalisches Interesse lebt er mit der Organisation von Konzerten und Partys aus. Zuerst im JUZ Eckental, später auch in Nürnberger Clubs wie dem Market oder dem K 4. Darin sieht er keinen Widerspruch: «Für mich hat es schon immer die Bandbreite gemacht. Klar haben alle geschaut, als ich von einer Technoparty gegangen bin, weil ich am nächsten Tag in die Kirche wollte.»
Als er dann vor acht Jahren von der Straßenkreuzer-Chefredakteurin Ilse Weiß gefragt wurde, ob er das CD-Projekt betreuen will, sagte er gerne zu und stürzte sich ins lokale Musikgeschehen. Die Idee hinter der CD, die ausschließlich Stücke von einheimischen Künstlern beinhalten sollte, war es, die Zielgruppe des Straßenkreuzer zu erweitern, ihn jüngeren Menschen aus der Region näherzubringen. Und das funktioniert mehr als gut.
Seit dem Bestehen sind die CDs ausverkauft – und das, obwohl die Käuferschar sich nur zu Teilen ändert. Aber für die «gesetzteren» Herrschaften haben die Verkäufer den richtigen Ratschlag parat: «Verschenken Sie die CD doch einfach an jüngere Familienmitglieder»: Gesagt, getan, und die freuen sich dann auch alle Jahre wieder über diese Szene-Rundschau, die teilweise sogar exklusive Stücke beinhaltet.
Bei der Musikauswahl lassen sich Martin und Artur viel Zeit. Aus Printmedien, über Myspace und in LiveClubs verschaffen sie sich einen Überblick. Der Name des Samplers ist nach all den Jahren so gut, dass die meisten Bands sofort zusagen. Manche fragen inzwischen sogar von sich aus an. Zu den Interpreten auf der CD zählen heuer unter anderem die Dadajugend Polyform, Slackwax, Grand Sports, Gott & die Welt, Orchestre Europa und Bassguerilla. Zusammen mit der Musikzentrale (MUZ) werden dann vier Bands ausgewählt, die bei der Präsentation auftreten.
Diesmal übernehmen das Vandes (Folk-Rock), Carlos Reisch (Funk-HipHop), Gankino Circus (Balkan-Beat) und Mäkkelä & Orkesteri (Lofi-Pop) – natürlich ohne Gage, so wie die vielen Helfer beim Aufbau. Für Martin zählt dieser Abend zu den Höhepunkten eines anstrengenden Straßenkreuzer-Jahres: «Wenn das erste Gitarrenriff erklingt, dann entladen sich die ganze Mühe und der Stress und wir haben einfach nur Spaß.»

David Lodhi, Nürnberger Zeitung, 7.11.09


«Straßenkreuzer«-Verkäufer geschlagen und bedroht

Gewalt kommt von Rechts

NÜRNBERG - Prügel und Beschimpfungen für «Straßenkreuzer«-Verkäufer Peter Nensel: Rechtsradikale schlugen auf ihn ein und drohten: «Das nächste Mal landest du unterm Bus.«


Zwei kräftige Männer, zwischen 25 und 30 Jahre alt, beleidigten den Gehbehinderten als «Pennerpack«, schlugen ihn ins Gesicht und rieten ihm, sich vor dem Röthenbacher Einkaufszentrum nicht noch einmal blicken zu lassen. Dass die Täter aus der rechten Ecke kamen, ist für Peter Nensel sonnenklar. Mit Glatze und Springerstiefeln hätten sich die beiden entsprechend ausgewiesen.
Eine Strafanzeige bei der Polizei brachte nichts, das Verfahren wurde eingestellt. Konsequenz: Der gelernte Industriekaufmann, der seit 2002 arbeitslos ist und sich sein karges Arge-Salär mit dem Straßenverkauf aufbessert, hat sich nach Eibach verzogen. «Bevor mir Schlimmeres passiert...«
Kurz darauf ein zweiter Schlag gegen den Straßenkreuzer: Das Einkaufszentrum Röthenbach untersagte Nensels Kollegen, das Blatt weiter auf seinem Grund zu verkaufen. «Nach interner Prüfung und Rücksprache mit der Eigentümerin«, schrieb der Stuttgarter Centermanager Thomas Siemer der Chefredaktion des Nürnberger Sozialmagazins, «müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass dies nicht mehr gewünscht wird.«
Gründe für diese Entscheidung wurden auf Nachfrage der NN nicht genannt. Es habe Gespräche mit der Redaktion des Blattes gegeben, die jedoch zu keiner Einigung geführt hätten. Daraufhin habe man «schweren Herzens« den Platzverweis aussprechen müssen. Mit dem Überfall auf Peter Nensel habe das nichts zu tun; davon habe man gar nichts gewusst.
«Richtig dreist« findet Straßenkreuzer-Chefredakteurin Ilse Weiß diese Aussagen aus dem Einkaufszentrum an der Dombühler Straße. Es habe kein einziges Gespräch gegeben, lediglich die zitierte E-Mail sei eingegangen. Die weltweit tätigen Verwalter des Zentrums, so Weiß, wüssten nichts über die in Nürnberg hoch anerkannte Arbeit des Straßenkreuzers, die 2006 mit dem Medienpreis der Sparda-Stiftung ausgezeichnet wurde.
Auch vor dem Warenhaus Mercado in der Äußeren Bayreuther Straße waren die Verkäufer des ehrenamtlich produzierten Magazins laut Weiß in der Vergangenheit nicht wohlgelitten. Ihre Leute seien dort regelrecht vertrieben worden, sagt Ilse Weiß, «den Platz haben wir längst abgehakt«. Doch auf Anfrage der NN reagiert Mercado-Leiter Ronald Thaute anders als erwartet. Man sei da großzügig, sagt er, solange sich die Verkäufer normal benähmen und anmeldeten, dürften sie gerne vor der Haustüre verkaufen.
Seit jeher geht das Management von Karstadt entspannt mit dem Thema um. Die Straßenkreuzer-Händler vor den Arkaden in der Königstraße gehören seit vielen Jahren fest zum Straßenbild. Man dulde das, heißt es in der Karstadt-Chefetage, und habe sich mit den Verkäufern auf einen Platz verständigt, wo sie wenig störten.
Zurück zu Peter Nensel: Mit seinem Klapphocker sitzt er jetzt an der Eibacher Hauptstraße/Ecke Castellstraße und verdient sich 90 Cent pro verkauftem Heft. Der 40-Jährige hat die Hoffnung nicht aufgegeben, wieder Arbeit zu finden. Vielleicht winkt am Ende sogar ein fester Job beim Straßenkreuzer, hofft er. Sechs seiner Kolleg(inn)en konnten mit Hilfe großzügiger Sponsoren bereits eingestellt werden.

Claudine Stauber in den Nürnberger Nachrichten vom 4.9.2009

 


Nürnberger Sozialmagazin feiert Geburtstag

Folgender Radiobeitrag lief am 27.7.09 in der Sendung »Mittags in Franken« (Bayern1)

Audio-Datei (bitte anklicken)

 


15 Jahre Straßenkreuzer: Ein Besuch in der Schreibwerkstatt

In jedem schlummert ein Talent

Herzlichen Glückwunsch, Straßenkreuzer! Das Sozialmagazin wird 15 Jahre alt. Wir haben uns dort umgesehen, wo pro Ausgabe eine Doppelseite entsteht – in der Schreibwerkstatt.
In jedem schlummert ein Talent, man muss es nur wecken. Ilse Weiß, die rührige Chefredakteurin des Straßenkreuzers, hat das seit langem erkannt und motiviert die Teilnehmer der Schreibwerkstatt immer wieder zu geistigen Höhenflügen. Auch an diesem Donnerstagvormittag sitzen zehn Autoren gespannt um den großen Tisch in der Glockenhofstraße, ausgerüstet mit weißem Papier und Schreibstiften. Profi ist hier niemand, muss auch nicht. «Bei uns sind ganz unterschiedliche Leute dabei», sagt Weiß, «und das macht den Reiz unserer Werkstatt aus» (siehe Interview).
Tatsächlich treffen hier Jüngere und Ältere, Arme und Gutsituierte, sogenannte Normalos und Außenseiter aufeinander. «Geld und Beruf spielen keine Rolle, was zählt, ist die Lust am Formulieren», erzählt die Chefredakteurin. Und wenn es doch mal hakt, steht die erfahrene Journalistin mit Rat und Tat schnell zur Seite.
Viel müssen die Freizeit-Schreiber aber nicht mehr lernen. Das zeigt die Fingerübung zum Aufwärmen. Jeder wirft ein Wort in die Runde, aus den zehn Worten basteln alle ihre eigene kleine Geschichte: Texte, die sich sehen und hören lassen können. Jeder trägt seinen Beitrag vor, für die witzigen und einfallsreichen Anekdoten gibt es Applaus. Und an diesen sind die Autoren inzwischen gewöhnt.
Denn schon lange erscheinen die Ergebnisse der Sitzungen nicht mehr nur im Straßenkreuzer. Die Männer und Frauen präsentieren ihre Werke öffentlich, in Kirchen, im K 4 oder im Bildungszentrum. Ihre Auftritte werden mit Lob überschüttet; auch das Buch, das der Verein 2008 unter dem treffenden Titel «Eigengewächse» herausgegeben hat, kommt gut an.
Nicht alle haben mit dieser Resonanz gerechnet. «Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich Texte schreibe und sie auch noch einem großen Publikum vorlese», erzählt Straßenkreuzer-Verkäufer Carlo. Jetzt, nach vier Jahren, gehört er längst zum festen Stamm. Außerdem zeigt er seit Anfang 2009 als festangestellter Stadtführer Plätze, die in konventionellen Reiseführern nicht auftauchen: Einrichtungen wie die ökumenische Wärmestube, die Straßenambulanz oder die Notschlafstelle. Seinen Vortrag hält der ehemalige Werkzeugmacher frei, keine Frage: Das Reden fällt ihm leicht – dank Schreibwerkstatt, der vielen öffentlichen Auftritte und seiner sonoren Stimme.
Auch Siglinde hat in der Schreibwerkstatt viel dazu gelernt. «Als ich meine ersten Zeilen im Straßenkreuzer gedruckt sah, war ich richtig stolz», berichtet sie. Die 59-Jährige ist mit Menschen in Kontakt gekommen, die sie sonst wohl nie kennengelernt hätte. «Am Anfang hatte ich schon Berührungsängste», gibt sie zu. Auf staatliche Gelder oder Spenden war die Sekretärin, die nun auf 400 Euro-Basis Demenzkranke betreut, nie angewiesen. Jetzt aber weiß sie, dass es Menschen gibt, die oft nicht einmal wissen, wo sie die Nacht verbringen.
Jürgen ist so ein Fall. Dem 61-Jährigen ist es egal, ob er ein Bett hat oder nicht. Seit 2008 verkauft er in der Karstadt-Passage den Straßenkreuzer, in der Schreibwerkstatt macht er seit Februar mit. Der gebürtige Rheinländer – der sich selbst mit dem provokanten Satz «ich bin der Jürgen, ich bin Penner» vorstellt – hat (fast) alles gemacht und erreicht: er war Beamter, Gewerkschaftssekretär, Aushilfskellner und Lagerleiter in der freien Wirtschaft, mal bürgerlich, dann wieder auf der Straße.
Nach all den Höhen und Tiefen ist Jürgen gelassen, die Teilnahme in der Schreibwerkstatt ist für ihn eine willkommene Abwechslung. «Klar habe ich auch Lust am Schreiben», sagt er. Bei Schulbesuchen erzählt er Jugendlichen von sich und dem Straßenkreuzer und bei Veranstaltungen sitzt er schon mal neben OB Ulrich Maly oder der ehemaligen Familienministerin Renate Schmidt: «Es ist für mich das Größte in meiner Position, die ja eigentlich keine ist, diese Anerkennung zu bekommen».
Jürgen fühlt sich akzeptiert, ein paar Idioten, sagt er amüsiert, gibt es immer. In seinem Umfeld dürften es jedoch ganz wenige sein. Wieder einmal stellt ihm jemand eine Schlafstelle zur Verfügung, ein Taxifahrer, der bei Jürgen den Straßenkreuzer kauft. Bis Ende diesen Monats könne er bleiben. «Der Taxifahrer findet, ich müsse bei Kräften bleiben», erzählt er. Denn beim Straßenkreuzer-Jubiläum gibt Jürgen gleich mehrere Einlagen: als Schauspieler und Sänger. In jedem schlummert ein Talent – und bei Jürgen sind es sogar zwei.

Sharon Chaffin in der Nürnberger Zeitung am 16.7.2009


Chefredakteurin Ilse Weiß:

Der Straßenkreuzer ist auf dem richtigen Kurs

Der Straßenkreuzer hilft Menschen in sozialer Not, sich selbst zu helfen. Rund 50 Männer und Frauen verkaufen das mehrfach ausgezeichnete Magazin, das im Schnitt in einer Auflage von rund 17 000 erscheint. Wir sprachen mit Chefredakteurin Ilse Weiß über das erfolgreiche Projekt.

NZ: Frau Weiß, wie hat der Straßenkreuzer begonnen?

Ilse Weiß: Vor 15 Jahren hat eine Gruppe von engagierten Journalisten, Sozialarbeitern und Politikern die ersten Straßenzeitungen in München und Hamburg gesehen und gesagt: ,Das können wir auch’. Es hat sich dann ein ganz eigenes Nürnberger Konzept entwickelt, basierend auf sehr viel Ehrenamt. Inzwischen arbeiten ganz viele freiwillige Journalisten und Fotografen mit. Erst seit rund zehn Jahren gibt es so etwas wie eine halbe bezahlte Stelle.

NZ: Was ist an dem Projekt das Besondere?

Weiß: Der Straßenkreuzer wird von Profis gemacht, aber auch von der Schreibwerkstatt, bei der die unterschiedlichsten Menschen mitarbeiten. Verkauft wird das Heft von Menschen, die langzeitarbeitslos sind oder/und obdachlos. Wir wollen ein sehr wertiges, schönes Magazin machen, bei dem sich niemand schämen braucht, der es verkauft. Die vielen Rückmeldungen und Freundschaften, die sich zwischen Käufern und Verkäufern entwickelt haben, bestätigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

NZ: Wie sieht der typische Straßenkreuzer-Käufer aus?

Weiß: Der typische Straßenkreuzer-Käufer ist die typische Straßenkreuzer-Käuferin. Es sind viele Frauen, viele Familien, viele sehr gut ausgebildete Menschen, die auch den Kopf und die Freiheit des Denkens haben, sich für soziale und gesellschaftliche Belange zu interessieren. Am Anfang wollten manche Firmen nicht bei uns inserieren, weil sie gedacht haben: Diese Zeitschrift wird von Obdachlosen gemacht und von Obdachlosen gekauft. Das ist natürlich überhaupt nicht so.

NZ: Hat die Redaktion deshalb auch die Bezeichnung Obdachlosenzeitung in Sozialmagazin geändert?

Weiß: Ja, der Name ist einfach ehrlicher. Die Bezeichnung «Obdachlosenzeitung» hat genau die Missverständnisse hervorgerufen, die früher eben manche Inserenten abhielten. Der Begriff «Sozialmagazin» sorgt jetzt für sehr viel mehr Klarheit. Wir sind ein Magazin, das nicht jammern und klagen, sondern sich mit sozialen und soziokulturellen Geschehnissen auseinandersetzen will. Auch das bezeichnet das Wort «Sozialmagazin» viel besser.

NZ: Wie kommt das Magazin bei den Verkäufern an?

Weiß: Meistens sehr gut. Bei jeder Heftvorstellung höre ich aber auch Kritik, wenn irgendetwas nicht gepasst hat. Es gibt Hefte, bei denen ich persönlich gedacht habe: «Das sind sagenhaft schöne Titel und sagenhaft tolle Themen, das werden sie uns aus der Hand reißen». Tatsächlich sind wir dann auf ein paar Tausend sitzengeblieben. Aber im Großen und Ganzen kommen die Hefte bei den Verkäufern sehr gut an. Viele lesen auch rein – das freut mich ganz besonders. Auch die «Momentaufnahme», eine Rubrik, in der wir Verkäufer interviewen, wird immer beliebter. Anfangs war es nicht so einfach, jemanden zu finden, der sich vorstellen lässt. Inzwischen gibt es eine kleine Liste von Leuten, die sagen: «Ich möchte da auch mal etwas sagen, ich habe auch etwas zu sagen.»

NZ: Wie hat sich das Konzept im Laufe der Jahre verändert?

Weiß: Es gab sehr große Veränderungen, allein rein äußerlich: Wir sind inzwischen komplett farbig und erscheinen sechsmal im Jahr, und nicht mehr nur viermal. Wir versuchen stärker auf Schwerpunkt-Themen einzugehen und wollen diese sehr facettenreich zeigen. Wir haben keine Scheu jedwede Schublade auf den Kopf zu stellen, auch unsere eigenen. Wenn wir mit Unternehmern reden, sind die nicht per se kapitalistisch im konservativem Sinne, sondern manchmal ungemein beeindruckende tolle Leute.

NZ: Wie findet die Redaktion immer wieder neue Themen?

Weiß: Viel läuft virtuell. Da ich die einzige feste Stelle habe und alle anderen ihre eigenen Jobs machen, läuft viel über Telefon- und E-Mailkontakt. Mindestens einmal im Jahr haben wir eine Redaktionskonferenz mit der Kernredaktion. Manchmal setzen wir uns auch im ganz kleinen Kreis oder zu zweit zusammen und sagen: «Lass uns mal da dran bleiben.» Die Themenfindung ist also ein sehr dynamischer Prozess und keiner, bei dem einer allein denkt, dass er die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat.

NZ: Wie erklären Sie den Erfolg?

Weiß: Der allererste Erfolg sind die Verkäufer. Wenn das Heft von den Verkäufern akzeptiert und für gut befunden wird und so eine gute Beziehung zwischen Redaktion und Verkäufern besteht, ist auch die Motivation da, das Heft zu verkaufen. Ich glaube, dass wir noch viel mehr Exemplare verkaufen könnten, wenn wir ein stärkeres Netz an Verkäufern hätten, die auch beständig an ihren Plätzen stehen. Das andere feste Standbein stellen all die Fotografen und Journalisten dar, die ihre professionellen Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache stellen.

NZ: Was erwartet den Leser in der nächsten Ausgabe?

Weiß: Viel feine Gesellschaft. Wir beschäftigen uns zum Beispiel mit einem Nürnberger Künstler, der jetzt am Bodensee lebt und sehr provozierende Arbeiten liefert. Wir beschäftigen uns mit jungen Frauen, die ein ganz normales bürgerliches Leben führen, aber sehr stark von Neonazismus geblendet sind. Wir beschäftigen uns mit dem Menschenrechtsbüro, mit all dem, was vielleicht fein wirkt und nicht so ist – oder nicht so wirkt und vielleicht doch so ist.

NZ: Was wünschen Sie sich für die nächsten 15 Jahre?

Weiß: Eine Auflage von 50 000 im Monat.

Fragen: Sharon Chaffin, Nürnberger Zeitung, 16.7.2009


Die Augen für Armut öffnen

„Straßenkreuzer“ stellt erstmals einen Stadtführer fest ein

Von der Wärmestube über die Straßenambulanz bis hin zur Notschlafstelle: Die ungewöhnliche Stadtführung „Schicht-Wechsel“ des Straßenkreuzer e.V. hat ihren ersten Festangestellten. Seit Januar öffnet Carlo Schnabel den Teilnehmern mit einem fixen Gehalt die Augen für Armut und Ausgrenzung in der Stadt.

Es ist das i-Tüpfelchen für Schnabels gesellschaftliche Wiedereingliederung. Ereilte den bald 60-Jährigen doch im Jahr 2001 ein heftiger beruflicher Schlag. Der gebürtige Oberfranke war bis zu dieser Zeit in einem Unternehmen als Werkzeugmacher angestellt. Doch eine von oben verordnete Umstrukturierung hatte zur Folge, dass ihn die Firma vor die Türe setzte. Mit der Abfindung in der Tasche glaubte er zunächst, wieder einen Job zu finden. Doch Fehlanzeige. Hatte er anfangs noch 1250 Euro Arbeitslosengeld erhalten, musste er ab 2005 mit 345 Euro (Hartz IV) auskommen. „Ich verlor den Glauben daran, dass ich jemals wieder ins Berufsleben einsteigen kann“, sagt Schnabel.
Das Sozialmagazin Straßenkreuzer hat ihm dann aber eine Perspektive bieten können: Erst als Verkäufer der Zeitschrift, dann als Leiter der „Schicht-Wechsel“-Stadtrundgänge durch die Südstadt. Touren, die auf die Armut hinter den Kulissen aufmerksam machen und Einblicke in soziale Einrichtungen für obdachlose Menschen gewähren. Wissenschaftlich begleitet wurde „Schicht-Wechsel“ von Studenten des Projektseminars „Geographie der gesellschaftlichen Ausgrenzung“ der Universität Erlangen-Nürnberg.
Im Juni 2008 ging „Schicht-Wechsel“ an den Start und Carlo Schnabel wartete für seine Route vor der Bahnhofsmission auf Teilnehmer. „Ich rechnete mit 20 Leuten, die zur Führung kommen. Es standen aber dann 120 vor mir“, sagt er und führt den Erfolg auf Medienpräsenz und Flugblätter zurück. Mittlerweile ist bei Führungen die Anzahl auf 20 Teilnehmer begrenzt. Bis heute hat Schnabel mehr als 1000 Menschen informativ durch die Südstadt geschleust.
Honoriert wurde sein Einsatz bisher mit einer geringen Aufwandsentschädigung. Nun hat ihn der Verein für 20 Stunden pro Woche fest angestellt. Zudem unterstützt die Sparda-Bank dieses Projekt mit einem Zuschuss von 2500 Euro. Neben der Leitung der Südstadtführungen (es gibt auch eine durch die Nordstadt) deckt Schnabel die Koordination und Organisation des Projekts mit ab.
„Durch die Führung verlieren viele Menschen die Scheu vor Armut“, sagt Ilse Weiß, Chefredakteurin des Straßenkreuzer. Es gehe nicht um „falsches Mitleid“, sondern um das Verstehen der Vielschichtigkeit im Stadtleben.

Alexander Brock in den Nürnberger Nachrichten am 6.3.09


Sozialmagazin präsentiert ein Kochbuch mit leichten, günstigen Rezepten

«Der Küchenkreuzer» hat für jeden was

Wollten Sie schon immer mal mit Zwei-Sterne Koch Andree Köthe am Herd stehen? Oder sich von OB Ulrich Malys Leidenschaft für mediterrane Küche anstecken lassen? Kein Problem – »Der Küchenkreuzer» macht’s möglich.
«Aus Nix was machen»: Die Kapitelüberschrift ist Programm für ein Kochbuch, das ungewöhnlicher nicht sein könnte. Weil küchenverliebte Menschen aus vielen Bereichen sich für dieses Projekt des Obdachlosen-Magazins »Straßenkreuzer» zusammen getan haben: Diana Burkel vom »Würzhaus» oder Möbeldesigner (und Sternekoch) Tom Fischer, Moschee-Vorbeter und Imam Hikmet Yildiz, Konditor Karl Neef oder Heilsarmee-Küchenchef Frank Schneeberger. Aber auch, weil trotz der prominenten Rezeptautoren kein Gericht teurer als zwei Euro pro Nase ist.
Und vieles geht ganz einfach. Die Okroschka etwa, eine kalte Suppe aus Kirgisien, demonstrieren Kinder vom Aktivspielplatz Gostenhof. Oder der Pfundstopf von Heim- und Hobbyköchin Manuela Brix: ein Pfund von jeder Zutat, aufgeschichtet in einem Bräter und ohne Umrühren im Ofen gegart. Das kann jeder.
Dieser Grundgedanke stand auch am Anfang des »Straßenkreuzer»- Kochprojekts vor sechs Jahren. Die (obdachlosen) Verkäufer des professionell gemachten Magazins wollten gerne Rezepte im Heft haben. Der erfahrene Gastronom Jochen Banzhaf ließ sich vom »Straßenkreuzer»-Team nicht lange bitten – und kreierte die Rubrik »Kochen mit Jochen»: Grundsolide, einfache Rezepte, die unter dem Motto »Aus weniger mach’ mehr» ihre Fangemeinde fanden.
Dennoch ist »Der Küchenkreuzer» weit mehr als eine Rezepte-Sammlung. In kleinen Portraits werden die 29 Köchinnen und Köche des Büchleins vorgestellt. Da erfährt man, weshalb OB Maly sich zu den Doofen unter den Politiker zählt – und auch noch froh darüber ist. Da gibt es Einblicke in die Küchenkünste von JVA-Häftlingen. Und am Ende liest man erstaunt, dass Zwei-Sterne-Koch Köthe durchaus eine Lanze für Schäuferle und Schokolade bricht und selbst Hamburger nicht grundsätzlich verdammt.
Nicht nur die Gerichte, auch das Kochbuch selbst soll sich jeder leisten können. Das 160-seitige »Küchenkreuzer» kostet deshalb gerade einmal 9,80 Euro. Möglich wurde das, weil zahlreiche Menschen, von den Textautoren über die Fotografen bis zum Grafiker-Büro, ehrenamtlich für das Projekt gearbeitet haben.
Verdienen dürfen (und sollen) dagegen die »Straßenkreuzer»-Verkäufer, die das Kochbuch ab sofort auf Straßen und Plätzen in der Innenstadt anbieten. Sie erhalten 3,30 Euro für jedes verkaufte Exemplar.

tig am 17.12.2008 in der Nürnberger Zeitung


»Küchenkreuzer«: Lust auf Kochen machen
Günstige Gerichte: Buch mit Rezeptideen von Ulrich Maly, Gerti Gundel u.a.

NÜRNBERG - Jetzt gibt es nicht nur den »Straßenkreuzer«, sondern auch den »Küchenkreuzer«: Ein Buch voller Rezeptideen.

Ein größeres Kompliment hätte der zwölfjährige, in Kirgisien geborene Dima seiner Mutter nicht machen können. Die Okroschka, sagt er und deutet auf die Kaltschale mit Kartoffel, Ei und Gurke, schmeckt wie daheim. Dabei hat er diese Suppe eben mit Zwei-Sterne-Koch Andree Köthe zubereitet und den Gästen aufgetischt, die zur Vorstellung eines »feinen« Buches ins Restaurant »Würzhaus« gekommen sind: dem »Küchenkreuzer«. Darin präsentieren 29 Köchinnen und Köche auf 160 Seiten über 100 Rezepte aus aller Welt, keines teurer als zwei Euro je Person.
Dima, zum Beispiel, hat das Rezept für die Kaltschale beigesteuert, die die Menschen angenehm kühlt, wenn es in Kirgisien furchtbar heißt ist. Oberbürgermeister Ulrich Maly wiederum verrät, wie er Chicoree-Röllchen zubereitet («Chicoree... eine Geheimwaffe«). Andree Köthe empfiehlt gebackene Auberginen mit Kreuzkümmel. Und Karl Neef, »zuckersüßer Konditor«, bereitet für einen Quarkauflauf zu.
Es kochen Profis und Hobbyköche, Kantinen- und Schulköche, Geistliche und Häftlinge - eine bunte Mischung, die kulinarische Vielfalt bietet. Mehr noch: Neben den Rezepttipps werden die Männer und Frauen, die am Herd stehen, obendrein portraitiert. So erfährt man etwa, dass Nürnbergs Stadtoberhaupt spätabends gern Thailändisches kocht. Oder dass »Pfannenspezialistin« Gerti Gundel überzeugt ist: Beim Kochen kommt es auf Liebe an.
50 Autoren und Fotografen, darunter auch NN-Redakteure, haben es mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit möglich gemacht, dass der »Küchenkreuzer« nun erscheinen konnte. Das liebevoll gestaltete Buch ist für 9,80 Euro erhältlich - bei den Verkäufern des »Straßenkreuzers«. Sie waren es auch, die 2002 anregten, im Sozialmagazin Rezepte aufzunehmen. Fortan präsentierte Jochen Banzhaf in jeder Ausgabe ein leckeres wie auch günstiges Rezept. Das kam an. »Wir wurden oft gefragt, warum wir kein Buch daraus machen«, erzählt Straßenkreuzer-Chefredakteurin Ilse Weiß.
Vor zwei Jahren gingen es die Ehrenamtlichen an. Vergleichsweise leicht sei es gewesen, Köche und Köchinnen zu finden. Schwieriger war es, das Ganze »nebenher zu organisieren«.
Ungewöhnliche Ideen wie jene, am Nürnberger Hafen einer Binnenschifferin in der Kombüse über die Schultern zu blicken, forderten Zeit und Energie. »Es war ein Kraftakt«, man habe sich gewissermaßen »zusammenköcheln« müssen, damit das Buch erscheinen konnte. Aber es habe sich gelohnt.

Andreas Dalberg in den Nürnberger Nachrichten am 17.12.2008


«Ich will nicht vom Staat abhängig sein«
Reinhard Semtner, Verkäufer beim Straßenkreuzer, über Reichtum

NÜRNBERG - Was denkt eine Schnapshändlerin über Enthaltsamkeit? Oder: Was hält ein Sportwagenhändler vom Tempolimit? Jeden Samstag steht an dieser Stelle ein Nürnberger Rede und Antwort zu einem Thema, das man auf Anhieb nicht immer mit ihm verbindet. Heute im Gespräch: Reinhard Semtner, Verkäufer des Sozialmagazins Straßenkreuzer, über Reichtum.

Herr Semtner, was ist für Sie Luxus?

Semtner: Da muss ich nicht lange überlegen. Ein schickes Auto, zum Beispiel ein Maserati, und eine große Wohnung – das wär‘s. Träumen darf man ja.

Doch in der Realität stehen Sie hier in der zugigen Königstorpassage und arbeiten noch mit 69 Jahren an sechs Tagen pro Woche.

Semtner: Das habe ich mir selbst ausgesucht. Ich würde ja die Grundsicherung bekommen, weil ich keinen Anspruch auf eine Rente habe, aber ich will nicht von solchen Zuwendungen abhängig sein. Gegenüber den Behörden muss man immer alles begründen und wenn etwas kaputt geht, zehn verschiedene Anträge stellen, da verzichte ich lieber drauf. Ich komme auch so zurecht.

Wirft denn der Verkauf genug ab zum Leben?

Semtner: Das, was ich mache, nennt sich ja sogar Angestellter des Straßenkreuzers, aber ein Gehalt in dem Sinne beziehe ich natürlich nicht. Meine Einnahmen sind abhängig von der Zahl der verkauften Exemplare. Für mich ist das wie eine Arbeit, täglich außer sonntags stehe ich hier von früh bis spät. Mit meinem Lebensstil bin ich zufrieden, es reicht für eine kleine Wohnung, die ich mir mit meiner Partnerin teile, und genug zu essen ist auch da.

Sie würden sich also nicht als «arm« bezeichnen?

Semtner: Ich habe doch alles, was ich brauche! Natürlich kann ich mir keinen Luxus leisten, aber ich komme zurecht. Alle Sachen, die ich trage, habe ich geschenkt bekommen. Meine Kunden denken an mich, bringen mir auch Kuchen oder Brot vorbei.

Aber Sie haben nicht immer so gelebt?

Semtner: Es gab Zeiten, da konnte ich das Geld mit vollen Händen ausgeben und dann wieder Phasen, da musste ich verzichten. Ich bin gelernter Dreher, habe auch im Bergbau gearbeitet, doch dann war ich leider wegen Eigentumsdelikten im Knast. Und danach bin ich nicht wieder zurück gekommen ins geregelte Leben, sondern habe mich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen. Auf der Straße habe ich aber nie gelebt. Ich hatte immer ein festes Dach überm Kopf, und wenn‘s nur eine Hütte war. Und ich habe immer auf mich geachtet.

Trotzdem träumen Sie manchmal noch von Luxusartikeln?

Semtner: Diese Wünsche sind einfach da, obwohl ich weiß, dass ich sie nicht verwirklichen kann. Ich glaube auch nicht, dass man wirklich glücklicher ist, wenn man sich alles kaufen kann. Aber es wäre schon schön, wenn man nicht immer rechnen müsste und nicht immer nur zu den Lebensmitteln im Discounter greifen könnte. Doch es geht auch so, dass sage ich immer wieder.

Fällt Ihnen in der Vorweihnachtszeit, wenn alle mit prall gefüllten Einkaufstüten an Ihnen vorbei hasten, der Verzicht besonders schwer?

Semtner: Die Vorweihnachtszeit hilft uns natürlich. Der Dezember ist unser wichtigster Monat, da ist die Auflage fast doppelt so hoch wie sonst. Die Leute sind einfach großzügiger. Ich neige aber schon dazu, dann länger auf die Tüten zu gucken, vor allem, wenn es viele sind. Ich ärgere mich dann vor allem über Leute, die mit einer gewissen Verachtung an mir vorbei gehen, obwohl für die zwei, drei Euro eigentlich gar nichts wären. Doch die, die einem immer wieder was zustecken, haben oft selbst nicht so viel.

Sind Sie manchmal neidisch auf die Besserverdienenden?

Semtner: Nein, das mit Sicherheit nicht. Irgendwie haben es sich die Leute ja erarbeitet. Eher finde ich es erstrebenswert, das Gleiche zu erreichen – auch wenn es mir persönlich nicht mehr gelingen wird.

Gerade erst hat die Bundesregierung 500 Milliarden Euro zur Rettung der Banken locker gemacht. Hätten Sie das Geld dafür auch investiert?

Semtner: Ich hätte die Banken pleite gehen lassen. Als es ihnen gut ging, hat keiner der Verantwortlichen daran gedacht, der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Ich würde auch Opel nicht unterstützen. Wenn die ihre Mitarbeiter nicht mehr brauchen, setzten sie sie auch einfach vor die Tür. Wenn wir eine freie Marktwirtschaft wollen, dann sollten wir die auch anwenden.

Sie haben schon gesagt, dass Reichtum trotz allem nicht entscheidend ist. Was ist denn für Sie Glück?

Semtner: Eigentlich wünsche ich mir nur, so lange wie möglich gesund zu bleiben und dass meine Partnerin zu mir hält. Ziele setze ich mir nicht mehr, dafür ist es zu spät. Doch die Vorstellung krank zu werden und auf Fremde angewiesen zu sein, macht mir Angst, gerade in meiner sozialen Lage.

Silke Roennefahrt in den Nürnberger Nachrichten, Dezember 2008


Ganz unten in Nürnberg
Führung zu den Schattenseiten des Nordens

Ungewöhnliche Orte, die ungewöhnliche Geschichten erzählen: Bei «Schicht-Wechsel» lernt man die Nordstadt aus der Perspektive von Armen und Obdachlosen kennen.
Bertram Sachs weiß, wovon er spricht. Der 50-jährige Nürnberger war selbst ein Jahr «auf Platte», also obdachlos. Die Orte, zu denen er die rund 20 Zuhörer führt, kennt er aus eigener Erfahrung. Etwa die Fachstelle für Wohnungsfragen und Obdachlosigkeit des Sozialamtes am Kirchenweg 56. Hier startet die rund zweistündige Führung. Als Sachs vor fünf Jahren wieder ein Dach über dem Kopf haben wollte, verhalf ihm jenes Amt zu einem Platz in einer privaten Pension. Eine Zwischenstation.
«Ich wollte nicht in einem Dreibettzimmer mit lauter Alkoholikern und Leuten, die sich nicht waschen, wohnen», erzählt er. Ein Mord im Nachbarzimmer war ein «Schlüsselerlebnis», das er für den Absprung brauchte. Sechs Wochen später vermittelte ihm die Stadtmission eine Wohnung. Sachs: «Ich bin den Mitarbeitern dort zu Dank verpflichtet, dass sie so schnell geholfen haben.» Aber dazu später.
Zweite Station Friedrich- Ebert-Platz: «Ein ganz wichtiger Ort», zumindest früher - vor den Zeiten des U-Bahn-Baus. Damals standen nicht nur mehr Bäume hier, der Platz war auch ein beliebter Treffpunkt von Leuten mit wenig Geld, die hier ihr Bier getrunken haben. «Denn nicht jeder kann sich einen Besuch im Biergarten leisten», erzählt Sachs. Schon damals kontrollierte die Polizei stichprobenweise, aber jetzt käme es immer wieder vor, das man teilweise bis zu sechs Mal am Tag seine Papiere zücken müsse. «Eine Verdrängungspolitik, weil die U-Bahn kommt», kritisiert Sachs, der die Gruppe zum nächsten Ziel führt: Domus, das Haus der Barmherzigkeit, an der Pirckheimerstraße. Es befindet sich seit 1930 - mit Unterbrechung während des Zweiten Weltkrieges - in der Trägerschaft des Caritas-Verbandes.
«Achtung, bitte achten Sie auf ihre Wertgegenstände» steht in großen Lettern an der Tür der Notschlafstelle für Männer im Rückgebäude. In zwei Zimmern drängen sich je neun Betten, auf denen Rucksäcke und Plastiktüten auf die Rückkehr ihrer Besitzer warten. Anders als in der städtischen Notschlafstelle für Männer in der Großweidenmühlstraße, die wegen ihrer Lage keinen Platz in der Tour gefunden hat, befinden sich die Zimmer nicht im Container oder Keller, sondern im Erdgeschoss. «Die Räume sind zu 98 Prozent übers Jahr belegt», informiert die Sozialarbeiterin Kornelia Wagner.
Ferner betreuen die Mitarbeiter 35 wohnungslose Männer mit sozialen Schwierigkeiten, die hier leben. Das dritte Standbein ist die traditionelle Armenspeisung. Auch hier habe «vor ein paar Jahren Hartz IV eingeschlagen», sagt die Sozialarbeiterin. In dieser Zeit sei die Zahl von anfangs 60 auf inzwischen 120 Personen gestiegen, am Monatsende strömen gar 150 hungrige Menschen hierher.
Der nächste Halt ist wenige Hausnummern entfernt vor der Stadtmission, die hier betreutes Wohnen mit 54 Plätzen und eine offene Beratung für Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen oder bedroht sind, anbietet. «Es führen viele Wege in die Wohnungslosigkeit», weiß Einrichtungsleiterin Heidi Ott,«es gibt nicht die typische Biografie.»
Im Fall von Bertram Sachs, einer von durchschnittlich 350 Ratsuchenden pro Jahr, sieht seine Geschichte so aus: Nach einer viermonatigen Haftstrafe hatte der gelernte Lagerist seine Wohnung und seinen Job verloren. Dank Vermittlung der Stadtmission konnte der Hartz-IV-Empfänger, nachdem er ein Jahr auf Platte war, wieder eine Wohnung beziehen. Auch das erzählt er auf der Führung, zu der übrigens die SPD-Landtagskandidaten Angelika Weikert und Jonas Lanig eingeladen hatten, um Einblicke in das Leben sozialer Randgruppen zu gewähren und, so Weikert, «diese in die politische Arbeit mitzunehmen». Weiter geht es zur Burg, wo der 50-Jährige an einen ehemaligen Treffpunkt für Sandler in den 70- und 80er Jahren erinnert, «an dem fast nie kontrolliert wurde», zur letzten Station: das Haus eckstein an der Burgstraße. Hier wird sonntags ein Obdachlosenfrühstück aufgetischt, das rund 300 Menschen nutzen. «So richtig mit Bedienung, damit die Leute das Gefühl haben, sie sind was wert», erzählt Sachs.
Zum Schluss gibt er den Zuhörern noch Nachdenkliches auf dem Weg und berichtet von Menschen, die bereits in der dritten Generation von staatlicher Hilfe leben und nicht mehr in der Lage seien, für sich selbst zu sorgen und zu kochen. Und von einem Obdachlosenfrühstück im eckstein, bei dem eine Neunjährige mutterseelenallein am Tisch saß. Auf die Frage, wo denn ihre Eltern seien, erwiderte das Mädchen: «Die schlafen noch». Und wie sie hierher käme? «Ich habe Hunger.»

Claudia Beyer, Nürnberger Nachrichten vom 17.9.2008


Texte voll Witz und Selbstironie

Seit 1994 gibt es das Sozialmagazin «Straßenkreuzer». Fast genauso lange liefern die Mitglieder der Schreibwerkstatt für jede Ausgabe die Texte für eine Doppelseite. Einen Querschnitt der Arbeiten legt der «Straßenkreuzer» jetzt in Buchform vor.
«Eigengewächse» heißt der Titel des liebevoll gestalteten, schmalen Büchleins in elegantem, leuchtend grünem Leineneinband mit orangefarbenem Lesebändchen. Auf 130 Seiten finden sich rund 60 Gedichte und Geschichten von besonderem Reiz. Die Texte – Lyrik und Prosa – sind durch die Bank authentisch und schnörkellos, stecken voll Witz und Selbstironie.
Zusammengestellt hat sie Martina Tischlinger, die dafür sämtliche Ausgaben des «Straßenkreuzer» durchforstete, die seit Bestehen der Schreibwerkstatt erschienen sind. «Wir wollten allen Autoren gerecht werden, die sich für die beiden Seiten des ,Straßenkreuzer‘ engagiert haben», sagte die Chefredakteurin des Magazins, Ilse Weiß, bei der Vorstellung des Buches im Zeitungscafé Hermann Kesten der Stadtbibliothek. Als Pflichtsammelbibliothek wird die Stadtbibliothek, das Buch (Auflage: 4000 Exemplare) in ihren Bestand aufnehmen. Damit sind die «Eigengewächse» weltweit in allen Bibliothekskatalogen nachgewiesen. Der Band ist aber nicht im Buchhandel erhältlich, sondern wird ausschließlich von den Verkäufern des «Straßenkreuzer» in Nürnberg, Fürth und Erlangen zum Preis von 7,30 Euro verkauft.
Einige von ihnen haben selbst Texte zu dem Buch beigesteuert. Bertram, der gemeinsam mit Carlos vor Kultureinrichtungen in Nürnberg und Fürth den «Straßenkreuzer» verkauft, liefert in gerade mal 16 Zeilen ein amüsantes Beispiel fränkischer Schlitzohrigkeit. Auch Carlo ist in dem Buch vertreten, mit kleinen Geschichten aus seinem Leben. «Dabei hat er anfangs geglaubt, er könne überhaupt nicht schreiben», erzählt Ilse Weiß.
Die Mitglieder der Schreibwerkstatt tragen ihre Texte mittlerweile auch in Lesungen vor. «Die Schreibwerkstatt ist ein offener Kreis unterschiedlicher Menschen, die sich sonst vielleicht nicht getroffen hätten», sagt Ilse Weiß. Ob jemand viel Geld habe oder wenig, spiele hier keine Rolle. Das bunt gemischte Team begeistert auch die 82jährige Emma Mayer. Für sie ist die Schreibwerkstatt ein Glücksfall und die beste Altersmedizin.

Uschi Aßfalg, Nürnberger Zeitung vom 12.9.08


Schreibwerkstatt des «Straßenkreuzers« veröffentlicht Buch

«Hat der Nürnberger Humor?« Antworten auf diese und andere Fragen gibt ein außergewöhnliches Büchlein mit amüsanten Gedichten und humorvollen Geschichten, das ab Freitag in Nürnberg zu erwerben ist: Alle Texte stammen von Autoren der Schreibwerkstatt des «Straßenkreuzers« – und die «Eigengewächse« werden auch ausschließlich von den Verkäufern des Sozialmagazins angeboten.
«Da treffe ich meine Donnerstagsfamilie«, sagt Bertram Sachs, der gerne knapp und treffend Begebenheiten wie den Besuch einer Ausstellung oder Erlebnisse auf der Straße schildert – und sich so seine Gedanken über die Welt und sich selbst macht. Dass er selbst einmal zur Feder greifen würde, hätte er sich früher nie träumen lassen. Bis ihn ein Freund zur Schreibwerkstatt mitnahm: «Du redest oft wie ein Buch«, hatte der ihm gesagt, «da macht es Dir vielleicht auch Spaß, etwas zu Papier zu bringen«.Zu den wöchentlichen Treffen, die als Kreativforum für den «Straßenkreuzer« gedacht sind, kommen Jüngere und Ältere, Arme und Bessergestellte, «Normalos« und Außenseiter in wechselnder Besetzung. Viele von ihnen verdienen sich durch den Verkauf des Magazins wenigstens ein paar Euro nebenbei, manche sind inzwischen auch als Stadtführer aktiv. Die Mischung und Vielfalt machen den Reiz der Runde aus, betont «Straßenkreuzer«-Chefredakteurin Ilse Weiß. «Und wir haben immer etwas zu lachen.«
Zum Einstieg lockern Spiele wie etwa das Ausdenken eines Kurzromans zu einem Stichwort Zungen und Gehirnzellen – dann wird munter drauflos getextet, aber auch kritisiert. Weinerliche Wortkaskaden, in denen sich ein Verfasser nur den persönlichen Jammer von der Seele schreibt, sind eher verpönt. Statt dessen sollen – wie es auch die heiteren und oft nachdenklich stimmenden Beiträge von 18 Verfassern in dem Bändchen belegen – «authentische, schnörkellose« Texte die Leser fesseln, «mal hart am Kitsch, mal nah am Genialen«.

Schon häufiger haben die Autoren ihre Texte bei Lesungen vorgetragen. «Da war ich am Anfang auch furchtbar nervös, und wir haben alles fünfmal geprobt«, erinnert sich Bertram Sachs. Längst hat er aber Routine und fühlt sich «trittsicher«. Die Beiträge für das erstmals produzierte Bändchen hat Martina Tischlinger ausgewählt und zusammengestellt – und dabei darauf geachtet, dass möglichst viele Werkstatt-Mitglieder darin vorkommen. Um den besonderen Wert zu unterstreichen, entschied sich das «Straßenkreuzer«-Team für eine sorgfältige Gestaltung mit einem leuchtend grünen Leineneinband und sogar einem Lesebändchen. Die Startauflage wurden 4000 Exemplare gedruckt; jedes kostet 7,30 Euro.
Zum Vergleich: Der «Straßenkreuzer« erscheint im Zweimonatsrhythmus in einer Auflage von durchschnittlich 20.000 Exemplaren. Von den insgesamt 50 Verkäuferinnen und Verkäufern haben inzwischen bereits fünf eine feste Anstellung.

Wolfgang Heilig-Achneck, Nürnberger Nachrichten vom 12.9.08


Happy End für Hao
Vietnamese darf bleiben - Erfolg für «Straßenkreuzer»

Eine «frohe Botschaft» zur rechten Zeit: Der 19 Jahre alte Vietnamese Nhat Hao Pham, der bisher in Deutschland nur geduldet war und jederzeit mit der Abschiebung rechnen musste, darf bleiben. Er bekam eine Aufenthaltserlaubnis und eine Lehrstelle im Theresien-Krankenhaus.
Neben Hao selbst haben viele dazu beigetragen, dass in der Stadt der Menschenrechte das Ausländerrecht nicht gnadenlos vollzogen wurde und ein junger Mann eine Chance bekommt, dem alle große Bereitschaft und Fähigkeit zur Integration bescheinigen. Oder fast alle: Die Ausländerbehörde blieb kraft Amtes bis ganz zuletzt äußerst kritisch.
Am Anfang stand eine Serie im Nürnberger Sozialmagazin «Straßenkreuzer», das unter dem Titel «wie geht‘s weiter» Menschen-Schicksale ein Jahr lang begleitet. Zuerst war es der AEG-Betriebsratsvorsitzende Harald Dix, nun der vietnamesische Flüchtling, der am 16. Oktober 2004 nach Nürnberg kam, also als so- genannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling.
Also solcher hatte er Anspruch auf Schul- und Berufsschulausbildung und auf besondere Zuwendung. Aber nicht auf einen gefestigten Aufenthaltsstatus. Sein Vormund und späterer Betreuer wurde Helmut Klier von der SOS-Kinder- und Jugendhilfe, einer Organisation des SOS-Kinderdorfs, in dessen Nürnberger Jugend-Wohngruppe Hao lebte, bis er 18 wurde.
Dann sind Geduldete als Erwachsene verpflichtet, in einer Gemeinschaftsunterkunft zu leben. Dort bekommen sie nur Sachleistungen, also etwa regelmäßig Essenspakete, und ein bisschen Taschengeld. Arbeiten dürfen sie nicht.
Hao hatte das Glück, von der Berufsfachschule Nürnberger Land in Lauf angenommen zu werden. Fachrichtung Koch, denn das war und ist sein Berufsziel. Das dauerte ein Jahr, dann war es mit der Sicherheit endgültig vorbei. Geduldete dürfen nicht arbeiten, also auch keine richtige Lehre machen, sie sind – so steht es in ihren Papieren – ausreisepflichtig und müssen alles tun, um ihre Ausreise zu beschleunigen. Alle drei Monate wird das überprüft – und nur jeweils maximal so lange reicht ihre Lebensperspektive.
Schüler Hao bekam von seinen Lehrern und Kameraden(innen) nur beste Beurteilungen, und alle, die ihn kannten, wollten nicht verstehen, weshalb ihm die Fortsetzung der Ausbildung verweigert wurde. Aber da sind eben die Gesetze unerbittlich: Geduldete erhalten nur in seltensten Ausnahmefällen eine Arbeitserlaubnis.
Das alles war im «Straßenkreuzer» in bis dahin vier Ausgaben dokumentiert. Die Serie wäre aber vermutlich nicht zu einer Erfolgsstory geworden, hätte nicht die Fotografin Petra Simon – die Hao gemeinsam mit dem Autor der Serie (und dieses Artikels) begleitete – die Initiative ergriffen. Sie informierte OB Ulrich Maly und Stadtrechtsdirektor Hartmut Frommer – und beide sicherten zu, sich für den Vietnamesen einzusetzen. Frommer spielte dabei eine zentrale Rolle, denn er ist stellvertretender Leiter der bayerischen Härtefallkommission.
Dieses Gremium wurde im Rahmen des neuen Zuwanderungsrechts im Freistaat wie in allen anderen Bundesländern eingerichtet. Seine Aufgabe ist es, laut Gesetz, darüber zu beraten, «ob die Anwendung des geltenden Ausländerrechts in bestimmten Einzelfällen zu einer dringenden persönlichen oder humanitären Härte führt, die eine weiter Anwesenheit des Ausländers im Bundesgebiet erfordert». Frommer sah diese gegeben und brachte den «Härtefall Hao» in die Kommission ein.
Ob die zustimmt, hängt hauptsächlich vom Verhalten des Flüchtlings ab. Dieser muss, wie Frommer es ausdrückt, «Goldklümpchen sammeln». Hao brachte etliche zusammen: Seinen Fleiß und seine Integrationsbereitschaft, wie Frommer hervorhebt, außerdem die guten Beurteilungen durch Lehrer und Betreuer und vor allem durch die «Straßenkreuzer-Serie». Goldklümpchen hin oder her – ein Härtefall wird nur dann anerkannt, wenn auch der bayerische Innenminister seinen Segen gibt.
Die letzten ausländerrechtlichen Hürden erwiesen sich dann zwar doch größer als ursprünglich gedacht, doch das Happy End konnte sie nicht mehr gefährden. Innenminister Joachim Herrmann gab seine Zustimmung, Petra Simon hatte zuvor schon für Hao einen Praktikumsplatz in der Küche des Theresien-Krankenhauses gefunden, der automatisch mit dem «Ja» aus München in einen Ausbildungsplatz umgewandelt wurde. Die Bundesagentur für Arbeit gab die notwendige Zustimmung, Hao ist überglücklich, und Küchenchef Rainer Sonnauer freut sich über einen Azubi, der ihn durch seinen Fleiß und sein Engagement «angenehm überrascht» hat.

Herbert Fuehr, Nürnberger Nachrichten vom 20.11.2007


Das musikalische Gesicht der Subkultur
Alles außer Mainstream: Die neue Straßenkreuzer-CD ist da — Verkäufer profitieren

Wenn sich Klaus Schamberger und die Punk-Band „Rejected Youth“ auf ein und derselben CD wiederfinden kann das nur eines bedeuten: Die neue Straßenkreuzer-CD ist da! Offiziell vorgestellt wird sie am 3. November im Club der Musikzentrale.

Alle Jahre wieder beglückt eine neue Leistungsschau der regionalen Subkultur das Sammlerherz, nun schon zum sechsten Mal. Und wie immer ist es viel zu schade, sie einfach im CD-Regal verschwinden zu lassen. Schon allein, weil für jede Ausgabe ein berühmtes Cover der Musikgeschichte liebevoll von Verkäufern des Obdachlosen-Magazins „Der Straßenkreuzer“ nachgestellt wird. Diesmal ist „One Step Beyond“ von Madness dran, wie immer fotografiert von NN-Fotograf Michael Matejka.
Vertreten sind auf der Platte Bands aus der ganzen Metropolregion. Und für jeden Geschmack ist etwas dabei. Der trendige Szenegänger findet sich im ambitionierten Dance-Projekt „Wrongkong“ wieder, der Nostalgiker im nölenden Bob-Dylan-Sound von Doc Scholz und der Rasta-Lebemann im lässig aus dem Ärmel geschüttelten Dancehall-Reggae von „Uprisin’“. Das Vorwort kommt allerdings aus Augsburg: Der Journalist und Schriftsteller Franz Dobler erzählt von der Schande des sozialen Abstiegs.
Nicht alles muss gefallen. Das meint übrigens auch Martin Schano, der die CD gemeinsam mit Artur Engler zusammengestellt hat. Doch er sagt: „Wir sehen uns nicht als Qualitäts-, sondern als Szene-Filter.“ Gerade die Reibungen machen den Silberling spannend. Niemand wird ausgegrenzt — mal abgesehen vom Mainstream. In der Großraum-Disko wird eben nicht vom Ehrenmord gesungen, wie das die Band „Quantensprung“ macht. Einziges Dilemma: Wenn man keine fünf Ska-Punk-Bands auf einer CD haben möchte und trotz der 19 Zutaten noch ein schmackhaftes Gericht zaubern will, muss man fleißig Demos schickende Bands schon mal aufs nächste Jahr vertrösten. „Einige waren richtig sauer. Das tut mir immer wahnsinnig Leid“, meint Schano.
Wer sichergehen will, dass auch im nächsten Jahr wieder eine Straßenkreuzer-CD erscheint, besorgt sich den Silberling am Besten am Samstag, 3. November, im Muz-Club. Ab 21 Uhr wird dort mit den beteiligten Musikern und Straßenkreuzer-Verkäufern die Veröffentlichung gefeiert. Der Gostenhofer Liedermacher und Vollblut-Entertainer El Mago Masin spielt dabei mit seiner Band „Wildcamping“ fröhlich fränkelnden Ska-Punk und zeigt, dass in seinem Viertel der Freigeist pulsiert. „Loro Loco“ zaubern Latino-Feeling made in Fürth auf die Bühne und „Yucca” lassen mit Dance-Punkt, angetrieben von wilden Synthesizern, das Tanzbein kräftig zucken.
Wer diese Sause verpasst, wendet sich einfach an den Straßenkreuzer-Verkäufer seines Vertrauens und beschert ihm ein schönes Weihnachtsgeschenk: Vom Verkaufspreis von 13,50 Euro bekommt er sieben Euro. Aber Beeilung! Zuletzt waren die 1000 Exemplare immer schnell ausverkauft. „A subber CD“ eben, wie Comedian Matthias Egersdörfer im vergangenen Jahr prägnant zusammenfasste. Eine neue Chance gibt es aber mit Sicherheit im nächsten Jahr: „Wir hätten Ideen für zehn CDs“, so Schano.

Martin Müller, Nürnberger Nachrichten, 31.10.2007


Zeitungsartikel 'Billig kochen mit Rentner Jochen', Bild-Zeitung, 9.8.2007

Bild-Zeitung, 9.8.2007


Sparda-Stiftung zeichnet Preisträger aus
10 000 Euro für die Bildung

Die Gewinner des mit insgesamt 10 000 Euro dotierten SpardaZukunftspreises, der zum ersten Mal verliehen wird, sind: ein Projekt zur Sprachförderung, „Elterntraining“ von Kindergartenkindern und eine Metallwerkstatt. Der SpardaMedienpreis geht an das Nürnberger Sozialmagazin „Straßenkreuzer“. ... Eine Jury aus Journalisten hat den Gewinner des mit 3000 Euro dotierten SpardaMedienpreises für bürgerschaftliches Engagement ausgesucht: das Sozialmagazin „Straßenkreuzer“. Die Inhalte kommen von Journalisten und Fotografen, die ohne Honorar tätig werden. Verkauft wird es von armen und obdachlosen Menschen. Der Erwerb des „Straßenkreuzers“ ist aber keine bloße gute Tat, sondern auch lohnend — ausgezeichnet wurde auch seine hohe, lesenswerte Qualität. „Ehrenamtlichkeit ist nicht das Gegenteil von Professionalität“, sagte NZ-Chefredakteur Raimund Kirch in seiner Laudatio. Das Magazin sei außerdem viel mehr als nur unterhaltsam: „Ämter brauchen Begleitung und Arbeit durch — verzeihen Sie den Ausdruck — ehrenamtliche Nervensägen, wie der Straßenkreuzer eine ist und bleiben sollte.“

ng, Nürnberger Zeitung, 21.12.2006


Festanstellung für zwei „Straßenkreuzer“-Verkäufer
„Ein kleiner, mutiger Schritt“

Für Ilse Weiß, die Chefredakteurin des „Straßenkreuzer“, ist es „ein kleiner, aber auch mutiger Schritt“. Zum 1. Dezember hat der seit zwölf Jahren bestehende Verein Straßenkreuzer e.V. zwei seiner Verkäufer fest angestellt, ein Vorgang, der „sowohl Würde wie Selbstbewusstsein stärkt und zusätzlich eine Perspektive schaffen soll“.
Die Auswahl aus über 50 ehrenamtlichen Verkäufern gestaltete sich nicht einfach, so groß war das Interesse. Um an diesen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz zu kommen, mussten die Interessierten 400 Exemplare des Sozialmagazins im Monat an den Mann bringen. Denn 400 Exemplare müssen auch weiterhin jeden Monat mindestens verkauft werden, um eine Prämie von 140 Euro zu erhalten. Das Gehalt von 500 Euro ergibt sich demnach zu 360 Euro aus dem Heftverkauf — die Verkäufer behalten 90 Cent von jedem verkauften Heft als Gewinn - und 140 Euro Prämie.
Dabei soll, so Weiß, „kein riesiger Leistungsdruck aufbaut werden, vielmehr soll diese Marke alle anderen Verkäufer anstacheln“. Allein der finanzielle Anreiz genüge nicht, denn „Arbeitslosengeld II würde ungefähr genau soviel einbringen“.
Zur Auswahl standen sechs Personen, von denen jedoch nur zwei die Marke erreichten. Deshalb sind beim „Straßenkreuzer“ noch zwei weitere feste Stellen vakant, die in den nächsten Wochen vergeben werden sollen.
Reinhard Semtner (siehe Interview) verkauft seit Mitte 2000 den Straßenkreuzer in der Königstorpassage und hat eine eigene Verkaufsstrategie entwickelt: „Ich stehe einfach nur da, ganz ohne Animation.“ Was Semtner an seiner Tätigkeit besonders gefällt, ist der Kontakt mit den Menschen. „Es gibt sogar welche, die nachfragen, ob ich krank bin, wenn ich einmal nicht vor Ort sein sollte“, so der 66-Jährige zufrieden.
Obwohl der Frauenanteil bei den „Straßenkreuzer“-Verkäufern nur bei ungefähr 20 Prozent liegt, konnte Ingrid Gutmann den zweiten Arbeitsvertrag ergattern. Die 63-Jährige hat ihren Stammplatz vor dem U-Bahneingang beim Karstadt.
„Jeden Tag vor Ort zu sein, erfordert eine hohe Motivation. Doch ich habe mir eine Stammkundschaft aufgebaut, die will ich auch nicht wieder verlieren“, so die erfolgreiche „Straßenkreuzer“-Verkäuferin. Auffällig viele Frauen sind unter ihren Kunden, während „viele offensichtlich Reiche einfach vorbeigehen“.
In der Vorweihnachtszeit sind die Passanten insgesamt freigiebiger, dies weiß Gutmann aus eigener Erfahrung: „Als Weihnachtsausgabe könnte man auch ein leeres Blatt anbieten, die Menschen würden es kaufen.“ Deshalb soll im Dezember 2006 auch endlich die Schallmauer von 30 000 verkauften Heften einer Auflage durchbrochen werden.
Der Straßenkreuzer erscheint sechs Mal im Jahr mit einer Standardauflage von 20 000 Exemplaren. Der Verkauf erfolgt auf der Straße ausschließlich durch Menschen in sozialen Schwierigkeiten, die 90 Cent vom Verkaufspreis (1,60 Euro) als Gewinn behalten dürfen. Der Inhalt wird von einem Team aus ehrenamtlichen Journalisten erstellt und ist stets an ein Titelthema angelehnt. Seit gestern ist die auflagenstarke Weihnachtsausgabe mit dem Thema „Privatsphäre“ erhältlich.
Für Weiß wäre es wünschenswert, für die fest Angestellten so genannte Paten zu finden: „Beim Münchner Magazin ,Biss‘ klappt dies prima. Wenn auch hier Privatpersonen oder Firmen eine Patenschaft übernehmen würden, könnte diese für weitere Integration und einen zusätzlichen Schub sorgen. Gerade Jüngere würden dann wieder eine Perspektive sehen und vielleicht den Absprung in eine normale Tätigkeit schaffen.“

Thomas Susemihl in der Nürnberger Zeitung, 2.12.06


Reinhard Semtner ist fest angestellt
„Sehr viele Kunden haben mir gratuliert“

Reinhard Semtner hat es geschafft. Seit Dezember ist der Verkäufer des Straßenkreuzer „fest angestellt“. Warum er nach seiner Festanstellung weniger Geld zur Verfügung hat als vorher und deswegen nach wie vor auf regen Kundenzuspruch angewiesen ist, erklärt er im NZ-Gerspräch.

NZ: Herr Semtner, man kann ihnen ab sofort zu einem festen Arbeitsverhältnis gratulieren. Haben Sie jetzt ausgesorgt?
Semtner: Also ausgesorgt ist übertrieben formuliert. Zunächst muss ich ja jeden Monat 400 Hefte verkaufen. Dafür bekomme ich vom Verein monatlich 360 Euro und eine Prämie von 140 Euro, zusammen also 500 Euro. So lautet mein Arbeitsvertrag.
NZ: Hat sich denn am Arbeitsalltag etwas geändert?
Semtner: Nein, ich verkaufe genau so wie sonst, von morgens um neun bis um etwa halb fünf, jeden Tag. Ich werde ab sofort vielleicht sogar ein bisschen länger machen müssen. Meine Grundsicherung von 306 Euro wird mir im Dezember zum letzten Mal bezahlt. Die Prämie für 400 verkaufte Hefte beträgt 140 Euro, bei gleichbleibendem Erlös aus dem Heftverkauf. Die 360 Euro aus dem Verkauf habe ich ja zuvor auch schon erzielt. Also habe ich letztendlich durch die feste Stelle sogar 160 Euro weniger auf der Hand als vorher.
NZ: Sie werden aber doch sicher mehr als 400 Hefte verkaufen können?
Semtner: Natürlich, genau darin besteht ja die Möglichkeit, den Verlust wieder ein wenig abzupuffern: durch Eigeninitiative.
NZ: Geben sie doch mal eine optimistische Schätzung ab, wie viele Hefte sie im Dezember verkaufen werden.
Semtner: Den Dezember darf man natürlich nicht als Maßstab für alle Monate nehmen. Rund um Weihnachten geht das Geschäft immer besonders gut. Da wird ja auch die Auflage von 20 000 Stück auf 27 000 Stück aufgestockt. Deutlich schwieriger wird es dann ab Februar. Aber jetzt im Dezember hoffe ich schon, so an die 700 Hefte zu verkaufen.
NZ: Sie stehen ja immer in regem Kontakt zu ihrer Kundschaft. Sind Sie denn schon angesprochen worden?
Semtner: Sehr viele Kunden haben mir gratuliert. Auch viele Leute, die ich gar nicht näher kannte, die haben dann im vorübergehen den Daumen gehoben und mich angelächelt. Aus welchen Gründen auch immer sehen die alle das sehr positiv. Allerdings waren auch schon Leute bei mir, die jetzt ein wenig verunsichert sind. Die haben mich dann gefragt, ob es jetzt überhaupt noch Sinn macht, bei mir zu kaufen, weil ich jetzt ja einen „festen Job“ habe. Denen musste ich dann erklären, dass ich selbstverständlich weiterhin auf gute Umsätze angewiesen bin. Das gibt mir jetzt natürlich ein bisschen zu denken.
NZ: Abgesehen von der Prämie von 140 Euro hat sich ja eigentlich nicht viel geändert, oder?
Semtner: Naja, und ich verliere eben die Grundsicherung. Die Arge hatte sich schon bei mir gerührt, da war mein endgültiger Arbeitsvertrag noch nicht mal unterzeichnet. Das geht ziemlich schnell bei denen. Aber das ist mir jetzt egal, ich habe mich für diesen Schritt entschieden, auch wenn ich dafür finanzielle Nachteile in Kauf nehme.

Fragen: Sebastian Linstädt; Nürnberger Zeitung, 2.12.06


Mit über 60 einen Arbeitsvertrag
Premiere beim Straßenkreuzer: Zwei Verkäufer fest angestellt

Für zwei Verkäufer des Sozialmagazins „Straßenkreuzer“ bietet sich künftig eine sichere Lebensperspektive. Der Herausgeber-Verein stellt die beiden ab Dezember — unter großem finanziellen Risiko —fest an und versorgt sie mit einen regelmäßigen Einkommen. Zwei weitere Stellen können noch besetzt werden.
Für Reinhard Semtner beginnt noch einmal ein neues Kapitel im Leben. Seit sechs Jahren verkauft der 66-Jährige den Straßenkreuzer. Das Sozialmagazin erscheint sechs Mal im Jahr und wird von Journalisten ehrenamtlich geschrieben und vom Verein Straßenkreuzer herausgegeben. Semtner hat seinen Stammplatz am Eingang zur Königstorpassage in Nürnberg — und er hat seine Stammkunden, die ihm das Heft abkaufen und so sein Leben mitfinanzieren. Auch für Ingrid Gutmann bietet jede Ausgabe eine neue Chance, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Sie steht vor dem Karstadt-Kaufhaus in der Königstraße, und auch die 63-Jährige kennen mittlerweile viele Passanten.
Beide Verkäufer bekommen nun vom Verein eine feste Anstellung, kündigt Vorstand Peter Meusch an. Für Reinhard Semtner und Ingrid Gutmann bedeutet dies vor allem: jeden Monat 500 Euro netto. Dafür müssen sie aber auch jeden Monat mindestens 400 Exemplare verkaufen, was 360 Euro einbringt. Der Verein schießt 140 Euro zu und zahlt die Sozialabgaben. „Pro Verkäufer kommen da im Jahr 5000 Euro zusammen“, erklärt Chefredakteurin Ilse Weiß. „Wir gehen damit ein großes finanzielles Risiko ein“, betont sie. „Doch wir bieten den Verkäufern eine neue Perspektive.“
Zwölf Jahre nach der Gründung des Magazins wagt sich der Verein also wieder einen Schritt weiter nach vorne. Auf Dauer gehe das ohne Paten nicht, heben Weiß und Meusch hervor. Daher richten sie auch den Appell an potenzielle Unterstützer, sich an dem Projekt zu beteiligen.
50 Verkäuferinnen (in der Minderheit) und Verkäufer bringen die Ausgaben unters Volk. 20 000 Hefte pro Auflage, die Weihnachtsausgabe hat eine Auflage von 27 000 Exemplaren. Die Verkäufer erwerben das Magazin für 70 Cent pro Heft und verkaufen es für 1,60 Euro. 90 Cent davon bleiben ihnen als Verdienst, plus Trinkgeld.
„Die wenigsten Helfer schaffen bisher die Vorgaben für eine Festanstellung“, räumt Meusch ein. Man wolle aber auch keinen Leistungsdruck aufbauen, wohl aber Anreize schaffen. Bei der ersten Bewerberrunde haben zwei die Testrunde bestanden. „Wir können aber noch zwei weitere Stellen besetzen“, sagt Weiß.
Für Reinhard Semtner und Ingrid Gutmann ist der Arbeitsvertrag eine Bestätigung ihrer jahrelangen Anstrengungen. „Die 400 Exemplare im Monat sind für mich kein Problem“, betont Semtner. Er steht regelmäßig an seinem Platz. Und wenn der Verkäufer einmal fehlt, fragen Stammkunden gleich in einem der Läden nach, ob er krank sei. „Ein Großteil meiner Kundschaft ist weiblich“, stellt der Verkäufer fest. Langweilig wird ihm selten, denn es gibt immer etwas zu quatschen.

Andreas Franke. Nürnberger Nachrichten, 16.11.06


Was ursprünglich als Werbegag für die Obdachlosenzeitung geplant war, feiert nun schon seine fünfte Auflage. Inzwischen ist es längst kein Problem mehr, Künstler für das Projekt zu gewinnen. Die Bands sehen in der Straßenkreuzer-CD eine gute Plattform, um auf sich aufmerksam zu machen. Und der jeweilige CD-Verkäufer profitiert auch davon. Insofern wäscht eine Hand die andere.

Oliver Tubenauer im Heimatspiegel auf Bayern2 am 6.11.06


A subber Silberling

Ehre, wem Ehre gebührt! Und deshalb ist hier und jetzt eine Eloge fällig – auf das Team um Martin Schano und Artur Engler. Sie haben wieder einen Straßenkreuzer-Silberling herausgebracht, den inzwischen fünften, der die 13,50 Euro mehr als wert ist! (Und es ist klasse, dass dank Sponsoren sieben Euro bei den Sozialmagazin-Verkäufern hängen bleiben).
Das Tolle beginnt schon beim CD-Titel. NN-Fotograf Michael Matejka hat erneut das Cover eines erfolgreichen Pop-Albums mit Hilfe des Straßenkreuzer-Personals herrlich paraphrasiert: Nach Beatles, Pink Floyd oder AC/DC ist Robbie Williams und sein „Sing when you're winning«-Opus an der Reihe. Heißes Foto samt Mini-Pokal!
Die Zusammenstellung der 18 Songs von 18 höchst unterschiedlichen hiesigen Bands ist bestens gelungen: Dreckig-rotzig, irisch-folkig, gitarren-konzertant, rasta-beatig, homebasig, chill-out-spacig, zip-on-rockig, bar-jazzig, regionalexpressbluesig, brit-balladesk bis beatig, jazz-hip-hoppig, latinofidel, folk-rockig ... »A subber CD«, sagt Matthias Egersdörfer am Ende, der hintersinnig fränkelnd eine Klammer setzt. Recht hat er!

Jo Seuß, Nürnberger Stadtanzeiger, 1.11.06


Der obligatorische Blick auf das „Gutes-Getan-Konto“ auf der Weihnachtszielgeraden führt derzeit bei so manchem zu panischen Omas-über-die-Straße-helfen-Attacken. Gut Werk geht auch leichter: Mit dem Kauf der Straßenkreuzer-Kompilation unterstützt man die Obdachlosenselbsthilfe und erwirbt zugleich ein wunderbares Stück Musik.

Tom Kronau im Magazin PRINZ Nürnberg, Ausgabe 11/06


Das Sozialmagazin Straßenkreuzer, ins Leben gerufen, um Obdachlosen Mitbürgern Hilfestellung, Motivation und nicht zuletzt einen Job zu vermitteln, präsentiert zum inzwischen fünften Mal den Straßenkreuzer-CD-Sampler.

Auch dieses Mal finden sich auf der CD 19 fränkische Bands und Solokünstler, die größtenteils exklusive Stücke zur Verfügung stellten. Die Auflage beträgt 1.000 Stück und wie jedes Jahr startet der Verkauf mit einem Konzertabend, der am 3. November im Zentralcafé des K4 stattfindet. Live on Stage stehen hierbei der Comedy-Künstler Matthias Egersdörfer, die emporstrebenden My New Zoo - immerhin bereits zum Newcomer des Monats auf Bayern 3 gekürt - Sideshow Bop aus Weißenburg, Livin´ 4 und Green Apple Sea. Den Sampler gibt es exklusiv bei der Präsentation zum Sonderpreis von 10,- EUR, danach könnt ihr sie für 13,50 EUR bei ca. 50 Verkäufern im Großraum Nürnberg, Fürth und Erlangen erwerben. Davon verdient der Verkäufer ganze sieben Euro, ein riesen Ding und eine tolle Sache gerade zur Weihnachtszeit. Zusätzlich supportet Ihr damit die lokale Musikszene, was ebenfalls aller Ehren wert ist. Damit Ihr genau wisst, welches Kleinod Ihr da in den Händen halten könnt, hier die auf der CD vertretenen Künstler:...

Stadtmagazin curt 11/06


Wer sich des öfteren auf Konzertabenden im Großraum Nürnberg tummelt, hat längst bemerkt, dass die regionalen Bühnen von einer höchst lebendigen Musikszene bespielt werden. Trotzdem: Wer die Songs der lokalen Lieblingsbands auf einem Silberling vereint sehen will, wird in den Plattenläden nicht fündig. Der "Straßenkreuzer" füllt die Lücke aus. Seit dem Jahr 2002 veröffentlicht das Sozialmagazin einmal im Jahr einen Sampler, auf dem die ganze Vielseitigkeit der fränkischen Musikszene deutlich wird. Erfahrene Blues-Recken treffen da auf rotznasige Nachwuchs-Punks, Techno-Beats auf schaurig-schön leidende Liedermacher. Und selbst wenn man alle Interpreten kennt (wozu man schon ein breakdancender Punk mit einem Hang zur Melancholie und einem Strohhalm im Mundwinkel sein müsste), lohnt sich die Anschaffung: Sämtliche Songs sind auf dem "Straßenkreuzer-Sampler" erstmals veröffentlicht. Wenn man eines der 1000 Exemplare ergattern kann, hält man also eine echte Rarität in den Händen. (...) Zur Erkenntnis, dass es vielleicht doch noch ein paar Szenen zu entdecken gibt, taugt sie allemal.

Martin Müller, Nürnberger Nachrichten, 30.10.2006

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Glockenhofstraße 45
90478 Nürnberg
Telefon 0911 4597636
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