Straßenkreuzer

Das Sozialmagazin

Pressespiegel

Auf dieser Seite lesen Sie Pressemeldungen rund um das Magazin und den Verein Straßenkreuzer.

Alle Pressemeldungen zur Straßenkreuzer Uni finden Sie hier: Uni Pressespiegel.

Alle Pressemeldungen zur Straßenkreuzer CD finden Sie hier: CD Pressespiegel.


Bildungs-Chancen für die Ärmsten

pdf-Download des Artikels aus der Nürnberger Abendzeitung vom 31.01.2012


Lieber AZ-Leser...

pdf-Download des Artikels aus der Nürnberger Abendzeitung vom 12/2011


Hotelsuite im Schaufenster für guten Zweck

Screenshot des Artikels auf epv.de (Evang. Presseverband für Bayern) vom 18.11.2011


Eine Nacht im Schaufenster, Sendung vom Montag, 12. Dezember 2011

zum Beitrag


Advent, Advent, hier wird gepennt!

Für eine Straßenkreuzer-Benefizaktion übernachten Promis im Schaufenster

pdf-Download des Artikels aus den Nürnberger Nachrichten vom 3.12.2011


Kirche in Bayern, Sendung vom Sonntag, 4. Dezember 2011

zur Sendung


Ein Bett im Schaufenster

Screenshot des Artikels auf www.abendzeitung-nuernberg.de vom 02.12.2011


Eine Nacht im Schaufenster

Screenshot des Artikels auf www.sueddeutsche.de vom 25.11.2011


Prominente übernachten für guten Zweck im Schaufenster

Screenshot des Artikels auf www.augsburger-allgemeine.de vom 25.11.2011


Lebendiger Adventskalender

Screenshot des Artikels auf www.oberpfalznetz.de vom 18.11.2011


Straßenkreuzer reich beschert

pdf-Download des Artikels aus der Nürnberger Zeitung vom 25.11.2011


Schlafen für einen guten Zweck

Benefizaktion zugunsten des Straßenkreuzers

pdf-Download des Artikels aus der Nürnberger Zeitung vom 17.11.2011


Der Straßenkreuzer im November ist blutrot

Neue Ausgabe des Magazins dreht sich um die Farbe der Mächtigen.

pdf-Download des Artikels aus den Nürnberger Nachrichten vom 1.11.2011


Unter falscher Flagge

Die Redaktion des Straßenkreuzers warnt vor einer Bettlerin, die sich als Verkäuferin des Obdachlosenmagazins ausgibt.

pdf-Download des Artikels aus den Nürnberger Nachrichten vom 26.10.2011


Respekt vor Straßenkreuzer

pdf-Download des Artikels aus den Nürnberger Nachrichten vom 25.10.2011


Straßenkreuzer warnt vor dreister Betrügerin

pdf-Download des Artikels aus der Nürnberger Zeitung vom 22.10.2011


Straßenkreuzer genießt Ansehen
Angehende Fachangestellte stellen Marktforschungsergebnisse vor

Zum Leitbild der Städtischen Berufsschule 4 gehört auch, die Schülerinnen und Schüler zu selbstständigem Denken und Handeln zu befähigen. Angehende Fachangestellte für Markt- und Sozialforschung haben gestern bei der Vorstellung ihrer Marktforschungsergebnisse die Messlatte noch höher gelegt.

Das eine Marktforschungsprojekt befasst sich mit der Zufriedenheit der Kunden mit dem „Straßenkreuzer“, das andere stellt die „Studie zur Aufdeckung von Potenzialen der dualen Ausbildung“ vor. Die Arbeiten entstanden in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit Prof. Karl Wilbers und dem Sozialmagazin „Straßenkreuzer“.
Alexander Liebel, Schulleiter der kaufmännischen Berufsschule 4, sprach gestern nach den Präsentationen von einem „Ritterschlag“ für die angehenden Fachangestellten. „Die Marktforschungsergebnisse werden nicht in Schubläden verschwinden, sondern in der Praxis Anwendung finden“, so Liebel. Frank Ganslmeier: „Mich als Lehrkraft haben die jungen Leute sehr beeindruckt, denn sie haben weit über den normalen Unterricht hinaus gearbeitet, und ich fürchte, sie haben dafür doppelt so viele Stunden investiert wie überhaupt im Unterricht vorgesehen waren.“ Auch Prof. Wilbers zeigte sich sehr beeindruckt von der Qualität der Marktforschungsergebnisse.
Mit dem Projekt „Straßenkreuzer“ befassten sich Nicole Brummund und Katharina Jung. Die Kernaussage ihrer umfänglichen und detaillierten Arbeit lautet: „Mit dem Straßenkreuzer werden durchweg positive Eigenschaften verbunden.“ Ihre Studienergebnisse zeigen: Zwei von drei Personen auf der Straße kennen den „Straßenkreuzer“ dem Namen nach. 52 Prozent der 758 Befragten kaufen den „Straßenkreuzer“ seit mindestens fünf Jahren regelmäßig. Und obwohl die Mehrheit keine regelmäßigen Kaufgewohnheiten verfolgt, kauft jeder Dritte bei einem festen Verkäufer sein Magazin. Besonders geschätzt werden bei den Lesern Lebensgeschichten der Verkäufer, wohingegen der Daumen beim Thema Politik und politischer Einfluss klar nach unten geht.
Auf Initiative der IHK sowie der Handwerkskammer wurde eine zweite Studie in Auftrag gegeben, um Potenziale der dualen Ausbildung aufzudecken. Stefan Schirmer, Claudia Droigk, Inge Blümel und Marcus Wegmann befragten dafür 847 Berufsschüler und Dual-Studenten. Es zeigte sich, dass die duale Ausbildung in allen befragten Gruppen durchweg positiv beurteilt wird. Die Berufsschüler fühlen sich in der Ausbildung generell sowie in den Ausbildungsbetrieben im Speziellen wohl.
Ein differenziertes Bild ergibt sich beim Blick auf die Situation in den Berufsschulen. Während sich knapp 40 Prozent der Berufsschüler mit höherem Bildungsabschluss häufig unterfordert fühlen, ist bei Schülern mit niedrigem Bildungsabschluss das Gegenteil der Fall: Jeder Vierte gibt an, häufig überfordert zu sein. Die Hypothese der jungen Meinungsforscher: „Um den Anforderungen der stark unterschiedlichen Vorbildungsniveaus der Schüler gerecht zu werden, scheint eine individuellere Anpassung der Unterrichtsgestaltung und -inhalte nötig.“ Praktika werden von den Berufsschülern überaus positiv bewertet, sie gäben für die richtige Berufswahl wertvolle Einblicke. Interessant auch der Schwenk ins Elternhaus: Bei knapp 30 Prozent der Befragten beeinflussten die Eltern die Berufswahl. Tageszeitungen werden von mehr als 50 Prozent der Befragten mindestens mehrmals pro Woche gelesen.
Die Online-Angebote der klassischen Printmedien polarisieren: sie werden tendenziell häufiger täglich aufgerufen – aber auch öfter komplett abgelehnt.

Nürnberger Zeitung, 25.10.2011


Straßenkreuzer warnt vor dreister Betrügerin
Frau erbettelt Geld für "soziale Projekte"

Nürnberg  - Das Sozialmagazin Straßenkreuzer warnt vor einer Betrügerin: Eine junge Frau erbettelt offenbar Geld, indem sie vorgibt, für diverse soziale Projekte zu sammeln.

Mal erkläre die 20 bis 30 Jahre alte Frau, sie sammle für den Straßenkreuzer, mal sind die Spenden angeblich für kleine Kinder oder die Wärmestube. Sie trage einen anscheinend selbst gebastelten Ausweis bei sich und wird als Osteuropäerin beschrieben, heißt es in einer Pressemitteilung des Straßenkreuzers.
Immer mehr Leser, denen das seltsame Treiben der Frau auffällt, melden sich in der Redaktion des Sozialmagazins. Die Frau ist in Nürnberg, zum Teil aber auch in Lauf an der Pegnitz unterwegs. Sie wurde bereits vor dem Frankencenter in Langwasser und beim Edeka-Markt in Zerzabelshof gesehen. Dort erzählte sie beispielsweise einer langjährigen Straßenkreuzer-Leserin, sie sammle Geld für Windeln.
In Lauf wunderte sich Georg Schweikert, Mitarbeiter des Landtagsmitglieds Thomas Beyer (SPD), über die junge Frau. Die beiden betreuten einen Informationsstand in der Innenstadt. Die Frau bettelte und bot dabei einen Straßenkreuzer an. Als Schweikert sie zur Rede stellen wollte, lief sie davon.
Ilse Weiß, Chefredakteurin des Sozialmagazins, zeigte sich „entsetzt und zornig, weil sich diese Frau auf Kosten Armer und sozial Benachteiligter bereichert und das Mitgefühl ihrer Mitbürger/innen schamlos ausnutzt“.
Sie stellt klar, dass Mitarbeiter des Straßenkreuzers keine Almosen sammeln. Alle gut 50 Frauen und Männer, die als Verkäufer registriert sind, tragen immer gut sichtbar einen Ausweis mit Bild bei sich.
Journalisten und Fotografen erarbeiten jeden Monat das Sozialmagazin. Die Verkäufer sind Menschen mit wenig Geld, Langzeitarbeitslose, mittellose Rentner und Obdachlose. Sie kaufen den Straßenkreuzer für 90 Cent pro Stück im Vertriebsbüro in der Wärmestube.
Dann verkaufen sie das Heft für 1,80 Euro weiter. So eröffne sich ihnen eine Chance auf Beschäftigung, Eigenverantwortung, Selbstwertgefühl und nicht zuletzt Kommunikation mit anderen Bürgern. 
Die fünf festangestellten Verkäufer zeigten, dass sich Perspektiven schaffen lassen. „Wir freuen uns sehr über den großen Rückhalt in der Öffentlichkeit“, so Weiß. „Betteln ist nicht unser Weg.“

Nürnberger Zeitung, 22.10.2011


Kräutergarten auf engstem Raum

Sharon Chaffin in der Nürnberger Zeitung vom 11.8.2011
über den Kräuter-Experten und Straßenkreuzer-Verkäufer Waldemar Graser
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Wenn Spenden nicht leichtfällt

Lions-Club Nürnberg Franken engagiert sich für Problemfälle

Nürnberg  - Spenden sammeln für Kinder in Not ist einfach. Geht es um bedürftige Jugendliche oder Erwachsene, die obdachlos und vielleicht sogar suchtkrank sind, gibt es dagegen oft Hemmschwellen. Der Lions-Club Nürnberg Franken spendete nun jeweils 500 Euro an Mudra, Lilith, Sleep-In und die Heilsarmee. Eine einmalige Sache soll das jedoch nicht bleiben.
„Die Teilnahme an einer ,SchichtWechsel‘-Führung hat zu einem neuen Denken im Club geführt“, erzählt Eberhard Stegner, der bis Juli Vorsitzender des Lions-Clubs Nürnberg Franken war. Bei „SchichtWechsel“ führen ehemalige Obdachlose Gruppen zu verschiedenen Nürnberger Hilfseinrichtungen und stellen diese vor. Angeregt durch die Teilnahme an einer dieser speziellen Stadtführungen hat der Lions-Club Nürnberg Franken begonnen, nicht mehr nur „Wohlfühlspenden“ zu sammeln. Neben Kindern sollen auch Jugendliche und Erwachsene unterstützt werden.
Stegner räumt ein, dass die Annäherung an Obdachlose und Drogenabhängige zunächst schwierig sei. Doch die „SchichtWechsel“-Führungen tragen dazu bei, Barrieren abzubauen. Dem kann Ilse Weiß, Chefredakteurin des Magazins „Straßenkreuzer“, das die Führungen 2008 ins Leben gerufen hat, nur beipflichten. Betroffene würden nicht wie Tiere vorgeführt, stattdessen gebe es Begegnungen auf Augenhöhe. „Der Zoo findet doch nur im eigenen Kopf statt“, bemerkt sie. 
Einer, der die Erfolge der „SchichtWechsel“-Führungen hautnah miterlebt, ist Jürgen Heiß. Fünf Jahre, so sagt er, habe er „in Nürnberg Platte gemacht“. Dank seiner Arbeit als „Straßenkreuzer“-Verkäufer und Stadtführer kann er sich seit Februar 2010 eine Wohnung leisten. „Bei jeder Führung erlebe ich neue Charaktere“, erzählt Heiß. Unter den rund 7000 Menschen, die an den Führungen bereits teilgenommen haben, waren auch schon Gruppen aus Afrika. Und wer hätte gedacht, dass er mal mit einem Mann wie Eberhard Stegner auf Du und Du stehen würde?
Wissen die Organisationen schon, was sie mit dem unerwarteten Geldsegen anfangen möchten? – Mudra und die Heilsarmee stecken die 500 Euro in bereits laufende Sanierungsarbeiten. Auch beim Sleep-In stehen Umbauarbeiten an, zunächst sollen die 500 Euro jedoch für Einzelschicksale zurückgelegt werden. Bei Lilith hat man sich noch nicht festgelegt; vermutlich wird die Spende jedoch in den Secondhandladen fließen.

Nürnberger Zeitung, 5.8.2011


Messner will künftig Spielfilme drehen

Nürnberg (dpa) - Der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner (66) will künftig Spielfilme drehen. Die Produktionen sollen die Begegnung zwischen Mensch und Wildnis zeigen, sagte Messner der Nürnberger Obdachlosenzeitung «Straßenkreuzer».
Nachdem er Anfang Juli sein fünftes Messner Mountain Museum eröffnet habe, suche er nun eine neue Aufgabe. «Der Film hat Bilder, Sprache, die Musik und vielleicht auch Gerüche - man kann vollständig in Emotionen eintauchen. Niemand muss mehr selbst auf den Mount Everest steigen», betont er in der August-Ausgabe des Blattes.
An seiner Leidenschaft für das Bergsteigen habe sich trotz seines Alters nichts geändert. «Vor einer Woche war ich mit meinem Sohn in einer senkrechten Wand, 1000 Meter hoch. Es war wieder wie früher: Ich fühlte mich unglaublich wach, der Adrenalinspiegel ist am Anschlag.» Trotzdem sei Bergsteigen schizophren: «Dorthin zu gehen, wo man umkommen kann, um nicht umzukommen», sagte Messner.

sueddeutsche.de - erschienen am 30.07.2011 um 11:11 Uhr


Zweite Lesung der Straßenkreuzer-Schreibwerkstatt

Begeisterten Menschen einen tierischen Spaß bereitet
Ilse Weiß stellte Autoren mit Lebens-Geschichten vor

„Schämen sollten sich wirklich nur solche Menschen, die andere nötigen, sich zu schämen.“ So brachte Inge Tusjak ihre Gedanken zum zentralen Monatsthema Scham zu Papier, mit dem sich die Schreibwerkstatt des Nürnberger Sozialmagazins „Straßenkreuzer“ befasst hatte. Nachdenklich stimmte damit die Redakteurin Ilse Weiß die Zuhörer in der „Kräuterapotheke“, wo sie zum zweiten Mal mit Autoren aus ihrem Team bei den Lesungen des Fränkischen Freilandmuseums zu Gast war. Da man sich wunderbar angenommen fühle, habe man sich über die neuerliche Einladung sehr gefreut und mit Spannung erwartet, ob man an den Erfolg des Vorjahres anknüpfen könne, auch wenn es einzelne thematische Wiederholungen geben sollte.
„Szenen-“ und langanhaltender Schlussapplaus sollte diese Frage ebenso klar beantworten wie Komplimente aus dem Zuhörerkreis, aus dem den Autoren „großer Respekt“ gezollt wurde. Und Ilse Weiß durfte Anerkennung für ein interessantes Projekt genießen, mit dem viele Menschen aufmerksam auf die zwar zum Stadtbild Nürnbergs gehörenden, aber oft nur im Vorbeihasten „wahrgenommenen“ Verkäufer des „Straßenkreuzers“ gemacht werden, Interesse für die Geschichten geweckt wird, die buchstäblich das Leben schreibt.
Wie etwa jene von Heiko Lenthe, bekennender „Franke mit Herzblut“, der nach langer Zeit in die Heimatstadt Nürnberg zurückkehrte und sich „derham“ wusste, als ihn beim bedächtigen Aussteigen aus dem Zug eine bar-
sche Stimme aufforderte: „Du Doldi, mach die Tür frei“. Oder jene von Jürgen Weiß, der fünf Jahre „Platte“ gemacht, also auf der Straße gelebt hatte, bei der morgendliche Toilette in einer der Sozialeinrichtungen eine Aftershaveprobe geschenkt bekommen hatte und sich später von zwei „aufgestylten“ Passantinnen die zynische Bemerkung anhören musste: „Den Straßenkreuzer verkaufen, aber nach Armani riechen“. Oder der in honoriger Runde Stadtoberhaupt Maly vorrechnete, was die Stadt im Jahr an seinen dringenden Bedürfnissen verdient, um bei einem anderen Empfang von der ehemaligen Bundesministerin Renate Schmidt lauthals als der Mann identifiziert zu werde, „der für 600 Euro pieselt“.
Während Heiko Lenthe aus seinen Geschichten las – darunter auch eine aus dem „Worte-Schreib-Spiel“, bei dem aus einzelnen Schlagworten aus der Runde in kurzer Zeit Texte formuliert werden – bevorzugte Weiß die Rolle des Erzählers, der das Herz auf der Zunge trägt, munter auch einen Dialog unter Zigaretten(marken) schildert und bei der Werbung für das Stadtführerprojekt erkennen lässt, wie vital dabei Nürnberg aus spezieller Perspektive erlebt werden kann.
Seine ganz eigene Ausdrucksweise mit dem schnell auf den Punkt gebrachten Inhalt eines Romanes hat Waldemar Graser vor zweieinhalb Jahren in den Haiku gefunden. Im Fünf-Sieben-Fünf-Silben-Rhythmus stehen Brech-Bohnen für die im Gemüse lauernde EHEC-Gefahr, wird dem Blauwal Abstinenz empfohlen, kommt der Meister der Würze in der Kürze vom Wal über die Walnuss zur Wal-purgisnacht oder macht sich seinen „Reim“ darauf, dass zunächst jeder Grashalm versorgt und dann „der Rasen gesprengt“ wird.
Ilse Weiß, sensibler Impulsgeber für den Mut, Gefühle zu Papier zu bringen, vertrat eine Autorin mit deren Beitrag zum Thema Scham, in dem sie als betrogene Frau der eigenen Seele auf den Grund geht. Eine Frau, die sich von dem erfahrenen Betrug zum Narren gehalten fühlt, „weil du nicht schlau genug warst, ihn zu durchschauen“; der dich „einer Erinnerung beraubt, die falsch ist“... „gemeinsam verbrachte Jahre überbracht werden müssen“.
So gestaltete sich die Lesung der „Straßenkreuzer-Autoren“ erneut so vielfältig wie das Leben und die von ihm geschriebenen Geschichten. Dass sich der Mensch – auch bei zweifellos einigen nachwirkenden Gedanken – über solches Erleben tierisch freuen kann, stimmte das Publikum gerne mit Jürgen Heiß überein, der über einen vermeintlichen Widerspruch philosophierte. Etwa wie in Lebenspartnerschaften mit der Zeit aus dem Häschen oder Mäuschen größere Tiere werden, mit einer alten Ziege oder einer Schlange durchaus die gleiche Person gemeint sein kann.
Ein tierisches Vergnügen sollte auch die von Martina Tischlinger beschriebene Begegnung einer Frau und einer Ente bereiten, bei der nach anfänglichen Kommunikationsproblemen gemeinsames Quaken zur menschlichen Erkenntnis führt: „Man muss nur miteinanderreden.“
Noch viel zu reden gab es bei der „Nachlese“, für die Ute Rauschenbach mit Stammgästen der Literaturreihe nach dem Schließen des bezirkseigenen Lokales eine neue Form entwickelte: Man kommt improvisiert in der Gaststube zusammen.

Harald J. Munzinger in der Fränkischen Landeszeitung, 1.7.2011


Für „Uni“ keinen Platz
„Straßenkreuzer“ will Hilfe auch in Erlangen etablieren

Die Chefredakteurin des Sozialmagazins „Straßenkreuzer“, Ilse Weiß, hat bedauert, dass es in Erlangen keine passenden Räume für die „Straßenkreuzer Uni“ gibt.
Ilse Weiß und Barbara Kressmann vom Organisationsteam der „Straßenkreuzer Uni“ stellten die bisher in Nürnberg tätige „Uni“ für Bedürftige im Sozial- und Gesundheitsausschuss vor. Die „Uni“ hatte eigentlich geplant, auch in Erlangen tätig werden zu wollen. Dies sei allerdings an geeigneten Räumen gescheitert, erklärt Ilse Weiß. „Vielleicht kann jemand helfen?“
Die „Straßenkreuzer Uni“ biete sozial Bedürftigen, aber auch jedem anderen Interessierten die Möglichkeit, dazu zu lernen. „Bildung ist ein universeller Anspruch“, sagt Ilse Weiß. So würden auch Professoren der Universität Erlangen-Nürnberg in Obdachlosenunterkünften Vorträge halten. Rund 1100 Menschen hätten sich bis jetzt für die Themen interessiert, meint Barbara Kressmann.
Auf Nachfrage von Helga Steeger (SPD) erklärte Ilse Weiß, dass sich der „Straßenkreuzer“ überwiegend über Sponsoren finanziere.

Erlanger Nachrichten, 30.6.2011


„Auf mein Ehrenamt möchte ich nie mehr verzichten“

Morgen muss Helga Rottkamp ins Krankenhaus, eine Augen-OP steht an. Ihren schwerkranken Ehemann hat die 70-Jährige bereits in die Klinik gebracht. Allein zu Hause kann er nicht bleiben. Die Nürnbergerin hätte also genug Gründe, sich an diesem Dienstagvormittag um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Das aber kommt für sie auf keinen Fall in Frage. Den Straßenkreuzer und seine Verkäufer lässt sie nicht im Stich, egal, was passiert. Seit knapp drei Jahren gehört der Dienstag im Zwei-Wochen-Rhythmus ihrem Ehrenamt; im vergangenen Jahr war sie sogar alle sieben Tage im Einsatz. Jetzt aber hat sie eine weitere Ehrenamtliche gefunden, mit der sie ihre Dienste abwechseln kann und die für sie unter Umständen auch einmal einspringt: „Das aber“, sagt Rottkamp, „kommt so gut wie nie vor.“
Das glaubt man ihr gern. Routiniert erledigt sie in dem kleinen Büro, das der gemeinnützige Verein Straßenkreuzer für den Vertrieb des gleichnamigen Sozialmagazins in der ökumeni- schen Wärmestube eingerichtet hat, ihre Arbeit: Öffnet Pakete und legt die Hefte schon abgezählt im Zehnerpack bereit. Lange muss die Helferin auf den ersten Kunden nicht warten.
Denn heute ist der erste Dienstag im Monat. Das neue Heft ist gerade erschienen. Die Verkäufer, die die Hefte für 90 Cent kaufen und für 1,80 Euro verkaufen, müssen sich mit der aktuellen Ausgabe noch eindecken. Der Titel im März lautet „Nur Mut“ – und Mut haben die armen und obdachlosen Menschen nötig, die sich mit dem Verkauf oft das Überleben sichern.
Um den Menschen eine neue Perspektive zu ermöglichen, braucht es in dem Verein Straßenkreuzer viele Ehrenamtliche: Autoren, Fotografen und Mitarbeiter im Vertrieb. Men- schen wie Helga Rottkamp. „Ich finde das Projekt sehr gut und möchte, dass sich die Leute Geld dazu verdienen können, wenn sie zum Beispiel eine kleine Rente haben.“
Rottkamp kennt die Schicksale der Frauen und Männer, die höflich an die Tür klopfen und ihre Bestellung aufgeben. Einer der Verkäufer nimmt gleich mehrere Stöße, Rottkamp hilft ihm dabei, die erstandenen Hefte in Tüten und Taschen zu verstauen. Akkurat trägt sie die Anzahl der Magazine unter seinem Namen in eine Liste ein, danach nimmt sie das Geld entgegen. Natürlich ist die resolute Seniorin nicht nur eine reine Bürokraft, sondern hat immer auch ein offenes Ohr für die Nöte ihrer Kunden. „Diese Verkäuferin hat es nicht einfach“, sagt sie und erzählt, dass die Frau putzen geht – und zugleich den Straßenkreuzer verkauft, um ihre Familie über Wasser zu halten. „Manchmal gehen mir die Geschichten sehr nah“, berichtet Rottkamp; mit nach Hause aber nehme sie diese Sorgen eher selten. Das tue ihr nicht gut.
Außerdem ist Helga Rottkamp kein Kind von Traurigkeit, sondern sehr temperamentvoll. Für sie ist das Ehrenamt eine Selbstverständlichkeit; in ihrer Familie engagieren sich viele Mitglieder unentgeltlich. Auch für Helga Rottkamp ist der Straßenkreuzer nicht die erste freiwillige Station: 35 Jahre war sie im Sportverein Katzwang als Übungsleiterin tätig – damals arbeitete die gelernte Einzelhandelskauffrau noch als Steuergehilfin. Ihre eigene Erkrankung ließ sie dann 2004 die bundesweit erste Selbsthilfegruppe für Menschen mit einer Ersatzblase gründen sowie die Blasenkrebsgruppe am Klinikum Nord.
Zu viel oder gar zu anstrengend wird es der Rentnerin mit dem bur- schikosen Haarschnitt trotz alledem noch lange nicht. „Ich bin eben jemand, der gerne helfen möchte“, sagt sie von sich selbst. Und weil ihrer praktischen Art und ihrem Organisationstalent alles so schnell von der Hand geht, ist sie auch wenige Stunden vor ihrer OP noch ganz entspannt: „Warum soll ich nicht hier sein?“, fragt sie, „Kofferpacken kann ich auch noch heute Abend.“

Sharon Chaffin in der Nürnberger Zeitung, 10.3.2011


Glückliche Gewinner

Riesenandrang in der Galeria Kaufhof am Aufseßplatz am letzten Samstagnachmittag: Zwei Wochen hatten KundInnen Geschenke abgegeben – jetzt holten Sie ihr Wichtelgeschenk ab. Zehn prima- Sonntag-Leser haben 100-Euro- Einkaufsgutscheine gewonnen!

Es begann mit einem Lied: Jürgen Heiss trat auf, redegewandter Moderator und Strassenkreuzer-Verkäufer und sang vom Leben mit seinen Schattenseiten – wie er es kennengelernt hat.

Er war fünf Jahre obdachlos, gerade hat er wieder ein eigenenes Zimmer, eine Festanstellung (beim Straßenkreuzer), seine Nürnberg-Führungen finden immer mehr Freunde (Schicht-Wechsel, die etwas andere Stadtführung – Straßenkreuzer-Mitarbeiter zeigen Nürnberg aus der Perspektive von Armen und Obdachlosen. Termine vereinbaren Sie bitte direkt mit dem Stadtführer, Jürgen Heiß, unter der Telefonnummer: 0173 / 83 90 55 9). Dann durften etwa 100 Leser Wichtelgeschenke abholen. Galeria-Mitarbeiterinnen hatten sie bildschön in dunkelgrünes Weihnachtspapier verpackt. Bürgermeister Horst Förther begrüßte die Gäste – dann konnte man die Spannung mit Händen fassen: Wer würde wohl einen der zehn 100-Euro-Gutscheine gewinnen, die Galeria-Geschäftsführerin Yvonne Hohner ausgelobt hatte? Strahlende Gewinner können an Weihnachten sich oder anderen eine unerwartete Freude machen!

Dieser Samstag kannte nur Gewinner: Pro Wichtelgeschenk hat Yvonne Hohner noch einmal fünf Euro übrig – 500 kamen so insgesamt zusammen, für den Straßenkreuzer, das Nürnberger Sozialmagazin.

Chefin Ilse Weiß verriet, wofür sie gut sein werden: „Eines unserer wichtigsten Anliegen sind Festanstellungen für Straßenkreuzer-Verkäufer. Wir werden dieses Projekt damit unterstützen!

prima Sonntag, 18.12.2010


Ein Blick hinter die Fassade

Das Obdachlosenmagazin „Straßenkreuzer“ bietet in Nürnberg außergewöhnliche Stadtführungen an

Es hat geschneit wie schon lange nicht mehr, und es ist richtig kalt. Menschen drängen sich durch die Nürnberger Altstadt. Viele haben drei, vier Einkaufstüten in der Hand, andere sind auf dem Weg zum Christkindlesmarkt. Hektik, Trubel, aber auch Weihnachtsstimmung ist spürbar. Und mittendrin steht mit Kaffeebecher und Zigarette in der Hand Jürgen Heiß und schaut zu. Er ist Stadtführer, ein besonderer Stadtführer.

„Mittendrin und nach Westen“ heißt seine Tour – und sie führt an außergewöhnliche Orte. Orte, die in keinem Reiseführer zu finden sind. Bei dem rund zweistündigen Spaziergang des Projektes „Schicht-Wechsel“ werden Plätze und Häuser be- sucht, die eine besondere Ge- schichte haben oder in denen Obdachlose und sozial Benachteiligte ein Dach über dem Kopf finden.

Seit Juni 2008 gibt es diese etwas anderen, rund zweistündigen Stadtführungen. „Bislang haben weit über 4000 Menschen teilgenommen“, sagt Ilse Weiß, verantwortliche Redakteurin beim Sozialmagazin „Straßenkreuzer“, dem Initiator. Darunter viele Studenten. Regelmäßig kommen auch Polizeischüler aus Eichstätt. Zwei der Stadtführer konnten inzwischen fest angestellt wer- den. Jürgen Heiß ist der eine. Seit Februar hat der 62-Jährige den Job, im März konnte er nach fünf Jahren Obdachlosigkeit eine eigene Wohnung beziehen.

„Ich bin der Jürgen“, stellt sich Heiß zu Beginn der Tour vor. „Für mich ist das Du ein Zeichen des Respekts. Und den Respekt den ich euch gebe, möchte ich zurückbekommen.“ Sein Weg in die Obdachlosigkeit war keineswegs vorgezeichnet. Er hat eine Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt, war zwölf Jahre bei der Bundeswehr. Er hat geheiratet und wurde Vater. Die Ehe ging nach zwei Jahren kaputt. Ein abgebrochenes Sozialpädagogik-Studium später hat er als Lagerist und Lagerleiter gearbeitet. „Ich habe gutes Geld verdient“, erzählt er. Mit 39 Jahren dann erlitt er einen Schlaganfall. „In der Zeit im Krankenhaus, als mich nur einer besuchen kam, und bei der Reha habe ich gemerkt, ich bin unwichtig.“ Jürgen verdiente sein Geld schließlich als Kellner in Festzelten – vom Bodensee bis nach Aschaffenburg. Dann arbeitete er wieder als Lagerist. Weil er immer wieder krank wurde, kam 2005 die Kündigung. „Wie die mich schließlich beim Arbeitsamt behandelt haben, hat mich so geärgert, dass ich beschlossen habe, ich brauche nichts vom Staat, ich will auch nichts vom Staat. Und da habe ich Platte gemacht.“ Sein Leben fand fort- an auf der Straße statt.

Durch Zufall lernte der Schalke-04-Fan einen Verkäufer vom „Straßenkreuzer“ kennen und half aus. „Und da merkte ich, die Leute kommen zu mir, die wollen was von mir.“ Seit dieser Zeit ist er selbst als Verkäufer des Sozialmagazins unterwegs, dessen Auflage bei 17 000 liegt, das monatlich erscheint und von etwa 50 Verkäufern auf der Straße angeboten wird. Das Heft kostet 1,70 Euro, 90 Cent davon gehen an den Verkäufer.

Fünf Jahre lang lebte Jürgen als Obdachloser in Nürnberg, schlief im Burggraben, duschte sich in der Wärmestube. Durch seine Stadtführungen hat er wieder eine eigene Wohnung.

Auf diese müssen die Gäste des ersten Anlaufpunktes der Tour auch an bitterkalten Tagen ver- zichten. Das „Sleep-In“ ist Ansprechpartner und Notschlaf- stelle für jugendliche Obdach- lose. „Wir haben hier neun Übernachtungsplätze und zwei Notschlafbetten“, erzählt Sozialpädagoge Markus Kawaletz.

Im „Sleep-In“ geht es im Wesentlichen um die Sicherung der Grundbedürfnisse: Essen, Schlafen, Duschen und auch mal die Wäsche waschen. Zu- dem werden die 14- bis 21-jährigen Jugendlichen beraten. Etwa wie man ein Zimmer in einer Obdachlosenpension und damit eine Meldeadresse bekommt – denn nur so erhält man Hartz IV.

Im Schnitt liegt die Auslastung bei vier bis sechs Personen pro Nacht, im Sommer wie im Winter, „mehr Jungen als Mädchen“, so Kawaletz. „In der Regel können die Obdachlosen sechs Nächte pro Monat hier bleiben. Die meisten wollen gar nicht länger.“ Viele der jungen Erwachsenen haben sich bewusst für dieses Leben entschieden, haben lange Jugendhilfekarrieren hinter sich, waren im Heim oder in einer Pflegefamilie, bevor sie auf der Straße gelandet sind. „Die meisten scheitern im Alltag, können keine Termine einhalten oder erscheinen betrunken“, sagt er. „Bei uns können sie zur Ruhe kommen, hier sind weder Alkohol noch Drogen und auch keine Gewalt erlaubt.“

Die Zimmer sind spartanisch eingerichtet. Sofa, Sessel und ein Tisch im Wohnzimmer, ab- schließbare Schränke im Flur, Betten in den Schlafräumen. Und vergitterte Fenster. „Das mussten wir machen, weil die Jugendlichen immer wieder mal Sachen aus den Fenstern geworfen haben. Klamotten zum Beispiel, aber auch mal einen Becher Buttermilch. Das hat regelmäßig Ärger gegeben“, erzählt Kawaletz.

Im vergangenen Winter sind in Deutschland 17 wohnungslose Männer erfroren, teilte die Bundesgemeinschaft Wohnungslosenhilfe kürzlich mit. Sie fordert mehr Hilfen für Menschen, die auf der Straße leben, vor allem in kleinen und mittleren Städten. Bundesweit gibt es etwa 250 000 Obdachlose. Rund 20 000 leben ganz auf der Straße. Wie ist die Situation in Nürnberg? „Die Dunkelziffer liegt bei 1200 bis 1800“, sagt Jürgen. „Aber hier gibt es ausreichend Hilfsangebote. Keiner muss auf der Straße schlafen, wenn er nicht will.“

Der nächste Stopp der Tour ist im Café des CVJM, des Christlichen Vereins Junger Menschen. Dorthin kann jeder kommen, und dort wird unter anderem Bildungsarbeit geleistet. „In Seminaren zum Beispiel lernen Jugendliche erst einmal die sogenannten Soft Skills als berufsvorbereitende Maßnahmen“, erzählt Michael Götz, leitender CVJM-Sekretär. Zu den Soft Skills, den sozialen Kompetenzen, gehören zum Beispiel Teamfähigkeit und Konfliktfähigkeit.

Ein paar Häuser weiter ist die Boutique Lilith, ein Second- hand-Laden für Damenmode, der Arbeitsplätze für ehemals drogenabhängige Frauen anbietet. „Viele die Probleme mit Drogen hatten, wollen beruflich wieder Fuß fassen. Für sie hat die Arbeit etwas Stabilisieren- des“, sagt Lilith-Geschäftsführerin Daniela Dahm. „Und die Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt sind verheerend. Viele Frauen waren zehn Jahre aus dem Job oder haben keine Ausbildung.“ Ihnen wird hier eine Perspektive geboten.

Lilith ist ein gemeinnütziger Verein und Träger verschiedener Einrichtungen. Betreutes Wohnen und ein Frauencafé gehören ebenso dazu wie Beratung und ein Mutter-Kind-Angebot. Und eben Arbeitsprojekte wie die Boutique. „Vier Frau- en lernen hier viel über Verkaufskonzepte, Dekoration, Textilkunde und Aufbereitung der Kleidung. Und sie entwickeln Selbstvertrauen“, erzählt Dahm. „Aber der Wiedereinstieg ist sehr schwer.“

Das Restaurant „Estragon“ ist die letzte Station dieser Stadtführung. Auch das „Estragon“ ist mehr als ein gewöhnliches Restaurant. Es wird von der Aids-Hilfe Nürnberg-Fürth-Er- langen betrieben und soll Schwerbehinderten, Langzeit- arbeitslosen und HIV-Positiven einen Einstieg in einen Job verschaffen. Es ist ein ansprechen- des Lokal mit interessanter Speisekarte – Schwerpunkt mediterrane Küche. „Und es läuft gut, die Bevölkerung nimmt das Restaurant an“, sagt Praktikant Sebastian Loreth. „Wir sind den ganzen Dezember ausgebucht.“ Das Projekt gibt es seit sechs Jahren, derzeit werden sechs Ausbildungsplätze angeboten. Das „Estragon“ ist eine Säule der Aids-Hilfe. Eine andere ist das betreute Einzelwohnen mit 24 Plätzen. Die dritte Säule ist das Beratungszentrum, das je- dem offen steht.

Die Stadtführung gewährt Blicke hinter die Fassaden einer heilen Welt. Einer unbekannten Welt. Sie schafft Kontaktmöglichkeiten und hilft, Vorurteile abzubauen. Sie lässt die Teilnehmer die Stadt mit anderen Augen sehen.

„Das was ich an Sozialarbeit durch mein Studium machen wollte, mache ich eben jetzt“, sagt Jürgen. „Für mich war es immer o. k., auf der Straße und von Tag zu Tag zu leben. Ich bin ein humorvoller Mensch. Was allerdings wichtig war, war mein klar strukturierter Tagesablauf.“ In Obdachlosenunterkünften hat er nie übernachtet, das hohe Aggressionspotenzial und die mangelnde Hygiene

haben ihn abgeschreckt. Ernsthaft krank war er während seiner fünf Jahre auf der Straße auch nicht. „Mit gutem Equipment passiert einem auch im tiefstenWinternichts.“

Sandra Mönius, Donaukurier, 17.12.2010


Verschenken Sie eine Verkäufer-Patenschaft!

Wer einen Straßenkreuzer kauft, beschenkt immer gleich mehrere: sich selbst, weil er ein professionell gemachtes Heft ersteht, den jeweiligen Verkäufer, der eine Provision erhält und den gleichnamigen Verein, der das Sozialmagazin trägt. Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit, jemandem zu Weihnachten eine ganz besondere Freude zu machen – nämlich mit einer Straßenkreuzer-Patenschaft. Nur mit einem Festbetrag, der monatlich/viertel- bzw. halbjährlich oder auch als Einmal-Summe an den Verein überwiesen wird, lassen sich die Kosten für die angestellten Verkäufer langfristig sichern.
Anders als die etwa 45 Verkäufer, die zu ihrem Arbeitslosengeld II anrechnungsfrei 120 Euro netto zur Sozialleistung dazu verdienen, haben die angestellten Verkäufer ein monatliches Festgehalt sowie Anspruch auf Urlaub. Der Verein kommt zugleich für die Sozialversicherungsbeiträge auf. Ein Straßenkreuzer-Verkäufer kostet den Verein rund 475 Euro. Das ist keine Riesensumme, aber ein kleiner gemeinnütziger Verein wie der Straßenkreuzer ist dabei natürlich dringend auf Spenden und neue Paten- schaften angewiesen. Bislang unterstützen rund 20 Paten die Arbeit mit Spenden. Außerdem gibt es Freunde und Förderer, die den Verein mit Geldspenden unter die Arme greifen. Derzeit hat der Straßenkreuzer sechs angestellte Verkäufer sowie zwei Stadtführer. Ein weiterer Mitarbeiter ist im Vertrieb und für Büroarbeiten tätig.
Für Chefredakteurin Ilse Weiß ist diese Beschäftigungsform wichtig: „Es gibt den Menschen eine Perspektive; sie haben ein Gefühl von Sicherheit“. Man dürfe Arbeits- lose nicht immer nur von einem Ein-Euro-Job zum nächsten schicken. Die Männer und Frauen, die meist für den ersten Arbeitsmarkt nicht mehr geeignet sind, brauchen aber Verlässlichkeit – und die bekommen sie mit einer Festanstellung.
Im Gegenzug müssen die Frauen und Männer zuverlässig und präsent sein: „Sie vertreten den Verein und das Produkt“, sagt Weiß. Bisher hat es noch keine Probleme gegeben. Im Gegenteil. Man müsse auf die fest angestellten Verkäufer oft einreden, damit sie ihren Urlaub nehmen. „Sie sind stolz, dass sie endlich wieder arbeiten und nicht auf Sozialleistungen angewiesen sind“. Wer eine Patenschaft übernimmt, sichert die Arbeitsverträge.
Sharon Chaffin, Nürnberger Zeitung, 9.12.2010

Wo Arme eine Chance bekommen

Du freust dich sicher über den Schnee: Du kannst Schlittenfahren oder einen Schneemann bauen. Für Menschen, die keine Woh- nung haben, ist dieses Wet- ter aber nicht schön: Sie müssen sich jede Nacht einen Platz in einer Notunter- kunft sichern oder, wenn sie im Freien übernachten, sich warm anziehen, damit sie nicht erfrieren.
Jürgen Heiß zum Beispiel hat die klirrende Kälte mit Isomatte und dickem Schlaf- sack überlebt. Fünf Jahre verbrachte der heute 62-Jäh- rige auf der Straße. Zuvor hatte er ein normales Leben geführt: mit Wohnung, Arbeit und allem, was dazu gehört. Dann folgten Krank- heit und der soziale Abstieg: „Der Burggraben war mein Wohnzimmer und die Wöhr- der Wiese mein Schlafzim- mer“, sagt er und lacht.
Seit März ist das anders. Nun hat er wieder eine Woh- nung: „Du fährst nach Hause und musst dir keine Gedanken machen, wie das Wetter wird“, erzählt er. Jetzt könne er seine Kleider in einen richtigen Schrank hängen, früher bewahrte er seine Siebensachen in einem großen Rucksack auf. Auch wenn er seine Zeit auf der Straße nicht bereut, schätzt er die Vorzüge einer Wohnung durchaus. Dass er den Sprung vom Obdachlosen (so nennt man Menschen ohne Wohnung) hin zur festen Bleibe geschafft hat, liegt zum großen Teil am Straßenkreuzer, einem Verein, der bedürftigen Menschen hilft – aber nur, wenn die Betroffenen selbst etwas leis- ten. Der Straßenkreuzer gibt nämlich als Verein ein gleichnamiges Magazin heraus. Anders aber als bei der Nürnber- ger Zeitung, wo die Mitarbeiter bezahlt werden, arbeiten beim Straßenkreuzer Autoren und Fotografen ehrenamtlich, das heißt, sie bekommen kein Geld. Die Zeitung kommt auch nicht per Post, son- dern wird auf der Straße in Nürnberg, Fürth und Erlangen von armen Men- schen verkauft. Dafür dürfen sie einen Teil der Einnahmen behalten.
Fast alle der rund 50 Verkäufer haben einen Stammplatz – und auch ihre Stammkunden. Jürgen Heiß steht meis- tens in der Karstadt-Passage. Wenn er einmal fehlt, seien seine Käufer schon immer ganz beunruhigt, erzählt er. Das zeigt ihm: Er wird gebraucht.
Viele, die längere Zeit arbeits- oder sogar wohnungslos waren, haben die- ses Gefühl lange nicht erlebt, berichtet Ilse Weiß, die den Straßenkreuzer als Chefredakteurin betreut. Daher sei die Verkäufer-Tätigkeit für sie wichtig: „Sie verdienen dabei Geld und haben wieder eine Aufgabe.“   

Sharon Chaffin, Die kleine NZ, Nürnbergberger Zeitung, 3.12.2010


Stadtführung von Straßenkreuzer-Mitarbeitern

Unsichtbare Grenzen und Zufluchtsorte

Es ist nicht viel mehr als eine Runde um den Block. Die Orte, die Carlo Schnabel in seiner etwas anderen Stadtführung zeigt, sind bekannt: Der Hauptbahnhof, der Hummelsteiner Weg, die Köhnstraße. Doch der Stadtführer des Straßenkreuzers führt in eine andere Welt: Er zeigt Nürnberg aus der Perspektive von Armen und Obdachlosen. Nürnbergplus hat ihn begleitet.

Mit seinen 2,03 Metern Größe ist Carlo Schnabel nicht zu übersehen. Der 61-Jährige hat sein graues Haar zu einem Zopf gebunden und trägt eine schwarze Mütze mit der Aufschrift „Straßenkreuzer. Taten durch Worte“. Vor acht Jahren verlor Schnabel seinen Arbeitsplatz, rutschte in HartzIV und wurde Verkäufer des Sozial-Magazins.
Heute ist der gebürtige Oberfranke mit 20 Stunden als Stadtführer beim Straßenkreuzer fest angestellt und engagiert sich ehrenamtlich als Sprecher der Verkäufer des Straßenkreuzers. Carlo Schnabel weiß, wovon er spricht, wenn er zwei bis drei Besuchergruppen pro Woche Nürnberg aus der Sicht von Armen und Obdachlosen zeigt. Nun bieten er und Jürgen Heiß ihre etwas anderen Stadtführungen begleitend zur Ausstellung „daheim auf 2 Quadratmeter“ (die NZ berichtete) an.
Zwanzig Frauen und Männer, allesamt an die 60 und älter, wollen trotz des nasskalten Novemberwetters mit Carlo Schnabel losziehen und nicht nur die Nürnberger Einrichtungen für Obdachlose und Bedürftige kennenlernen, sondern auch „die Menschen, die kein Zuhause haben“, wie eine 69-Jährige erklärt.
Zu persönlichen Begegnungen kommt es an diesem Nachmittag zwar nicht, aber die vielen Fragen der Teilnehmer werden trotzdem beantwortet: Der Stadtführer nimmt sich Zeit dafür.
In der Zwischenebene des Hauptbahnhofs, am Aufgang zur Mittelhalle, beginnt Karl-Heinz Schnabel, den alle nur Carlo nennen, seinen Rundgang.
„Hier verlaufen zwei unsichtbare Grenzen. Die eine beginnt beim Aufgang zum Bahnhof. Dort oben darf sich nur aufhalten, wer eine gültige Fahrkarte hat, oder etwas einkaufen will. Die andere Grenze ist die Rolltreppe zur U-Bahn. Auch hier gilt: Zutritt nur mit gültigem Fahrausweis.“ Im Zwischengeschoss des Bahnhofs, das 24 Stunden lang geöffnet ist, kann sich jedoch jeder so lange aufhalten, wie er möchte, erklärt Schnabel. „Das gilt auch für Obdachlose.“
Der Eingang zur Bahnhofsmission ist leicht zu übersehen. Er liegt rechts neben dem Aufgang zur Bahnhofsmittelhalle in einem ehemaligen Luftschutzbunker. Die Bahnhofsmission ist Anlaufstelle für Reisende und Bedürftige. „Dort gibt es immer Tee, gespendetes Gebäck, Wurst, Käse und Marmelade“, weiß der 61-Jährige.
Vom Südausgang des Bahnhofs führt Schnabel seine Gruppe weiter über den Nelson-Mandela-Platz zum Hummelsteiner Weg 36. Im backsteinverkleideten Eckhaus ist in einer ehemaligen Dreizimmerwohnung die Straßenambulanz „Franz von Assisi“ untergebracht. „Zu uns können Menschen kommen, die keine Krankenversicherung haben oder die Praxis- und Rezeptgebühr nicht bezahlen können“, erklärt der Krankenpfleger Sebastian Balling. Obdachlose, arme und drogenabhängige Männer und Frauen gehören zu den täglich rund 50 Klienten, die von zwei Ärzten und vier Pflegekräften medizinisch-pflegerisch versorgt werden. In den letzten Jahren hätten sich immer mehr untypische Patienten wie Rentner und Selbstständige in der Straßenambulanz behandeln lassen, erzählt der Caritas-Mitarbeiter. „Die Leute, die hierher kommen, sind an einem persönlichen Tiefpunkt angelangt.“
Nur wenige Hundert Meter sind es von der Straßenambulanz zur ökumenischen Wärmestube in der Köhnstraße 3. In der Tageseinrichtung können Wohnungslose mittags ein warmes Gericht und am Spätnachmittag ein Abendessen bekommen. 120 bis 170 Essen macht das jeden Tag. „Außerdem kann man hier duschen und seine Wäsche waschen“, erklärt Carlo Schnabel.
Die Wärmestube verfügt auch über eine Kleiderkammer. Sie ist, wie auch die Bahnhofsmission und die Straßenambulanz, auf Sach- und Geldspenden angewiesen.
Nach zwei Stunden haben die Teilnehmer der Stadtführung zwar nur wenig wirklich Neues, aber das Viertel um den Hauptbahnhof mit völlig anderen Augen gesehen: Aus der Sicht von Straßenkreuzerverkäufern, wie auch Carlo Schnabel einer war.

Bettina Nöth, Nürnberger Zeitung, 30.11.2010


Wilhelm-Hoegner-Preis für den "Straßenkreuzer"

Sozialmagazin wurde für sein beispielhaftes Engagement ausgezeichnet

Große Auszeichnung für den Straßenkreuzer: Das Nürnberger Sozialmagazin erhält zusammen mit den drei anderen bayerischen Straßenzeitungen den diesjährigen Wilhelm Hoegner-Preis der SPD-Landtagsfraktion.

Den Preis hatte die Fraktion 1987 gestiftet, am 100. Geburtstag des Sozialdemokraten Wilhelm Hoegner, der von 1945 bis 1946 und von 1954 bis 1957 bayerischer Ministerpräsident war — der einzige, der nicht der CSU angehörte. Ausgezeichnet werden sollten „Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um den Erhalt und die Sicherung der Freiheits- und Bürgerrechte verdient gemacht haben“.
Der Straßenkreuzer sowie die Zeitungen Biss (München) Donaustrudl (Regensburg) und Riss (Augsburg) werden, wie es zur Begründung heißt, in diesem Sinn für ihr „herausragendes und beispielhafte Engagement gegen Arbeitslosigkeit und Armut“ belohnt. Für die Blätter arbeiten Journalisten ehrenamtlich, verkauft werden sie von Menschen in sozialer Not.
Das Preisgeld von je 1000 Euro kann der Straßenkreuzer gut gebrauchen, sagte Chefredakteurin Ilse Weiß, etwa für die Straßenkreuzer-Uni oder auch, um einen weiteren Verkäufer fest anstellen zu können, aber es gehe nicht nur ums Geld. Die Auszeichnung sei auch eine Motivation, sich weiter für Menschen am Rand der Gesellschaft einzusetzen.
Die Straßenzeitungen stehen nun in einer Reihe mit Preisträgern wie Dieter Hildebrandt, Hildegard Hamm-Brücher, Hans-Jochen Vogel, Heinrich Albertz und Carl Amery — Menschen, sagt Ilse Weiß, die gradlinig ihren Weg gingen und gehen.
Die Preise werden am 25. November im Münchner Maximilianeum übergeben. Eingeladen sind alle Redakteure der Zeitungen — und die Verkäuferinnen und Verkäufer. „Da haben die Augen geleuchtet“, sagt Ilse Weiß, „alle wollen mitkommen.“

Nürnberger Nachrichten, 09.11.2010


Ehre für den Straßenkreuzer

Das Team des Straßenkreuzers darf sich freuen: Das Sozialmagazin erhält den diesjährigen Wilhelm-Hoegner-Preis der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag.
Die Auszeichnung, die an den ehemaligen gleichnamigen bayerischen SPD-Ministerpräsidenten erinnert, geht zugleich an die drei anderen Straßenzeitungen im Freistaat: also an die Redaktionen des Biss (München), Riss (Augsburg) und des Donaustrudls (Regensburg). 
Mit dem Preis würdigt die Landtagsfraktion mit insgesamt 4000 Euro die Arbeit der bayerischen Straßenzeitungen: Sie werden – wie in Nürnberg – in der Regel von professionellen Journalisten und Fotografen ehrenamtlich hergestellt und von Menschen in sozialer Not verkauft. In der Begründung der Landtags-SPD heißt es daher unter anderem: „Ihr herausragendes und beispielhaftes Engagement im Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Armut entspricht dem Sinne Wilhelm Hoegners“.
Für die Chefredakteurin des Straßenkreuzers, Ilse Weiß, ist die Auszeichnung eine Ehre: „Mit Preisträgern wie Carl Amery, Dieter Hildebrandt oder Hildegard Hamm-Brücher stehen wir in einer Reihe mit Menschen, die geradlinig ihren Weg gehen und sich nicht verbiegen lassen“, sagte sie im Gespräch mit der NZ. Gerade in Zeiten, in denen es nicht immer leicht sei, soziale Projekte durchzusetzen, komme die Verleihung des Hoegner-Preises wie gerufen. „Wir kümmern uns um Leute und deren Probleme, die die Gesellschaft nicht so gerne sehen will.“ Deshalb sei sie dankbar für die große Anerkennung, die diese „Graswurzelarbeit“ mit dem Preis erhält. Die Auszeichnung sei für die gesamte Redaktion sowie den Verein Ansporn für die weitere Arbeit. 
Bei dieser kann auch das Preisgeld von 1000 Euro ein Stück weiterhelfen: Der Erlös soll entweder die zusätzliche Festanstellung eines Verkäufers mitfinanzieren, monatliche Produktionskosten decken oder in die Straßenkreuzer-Uni fließen: „Die Möglichkeiten sind vielfältig“, meint Weiß. 
Ganz besonders freut sich die Chefredakteurin jedoch über die Verleihung selbst: Der Festakt findet am Donnerstag, 25.November, im Maximilianeum in München statt. Dazu lädt die SPD nicht nur die Redakteure ein, sondern ebenso die Verkäufer. Diese zeigen sich überaus angetan: „Alle wollen mitfahren“, berichtete Weiß, „und das ist das Schönste überhaupt“.

Nürnberger Zeitung, 3.11.2010


Pseudo-Obdachlosenzeitung sorgt für Ärger

Verkauf eines angeblichen Obdachlosenblattes ist Behörden ein Dorn im Auge  Pseudo-Obdachlosenzeitung sorgt für Ärger

»Straßenträumer« heißt eine angebliche Obdachlosen-Zeitschrift, die zurzeit in der Innenstadt verkauft wird. Vorsicht ist angebracht.
Sie habe das Heft aus Neugier gekauft und sei prompt von der Verkäuferin angebettelt worden, berichtet eine Leserin der Lokalredaktion. Sie brauche Windeln für ihr Baby, habe die Frau in gebrochenem Deutsch gejammert und die Hand aufgehalten.
Dabei gehört zu den »Wichtigen Regeln für den Verkauf«, die der Straßenträumer großspurig abdruckt, ein ausdrückliches Bettelverbot. Doch Papier ist geduldig. »Mit dem Kauf dieser Zeitung unterstützen Sie eine Suppenküche und eine Kleiderkammer für Obdachlose«, auch das steht groß auf dem Titel der aktuellen Ausgabe, die 1,50 Euro kostet.
Doch von derartigen Einrichtungen wissen die Behörden in Darmstadt, dem Sitz des Herausgebers der aus lapidaren Texten zusammengeschusterten Zeitung, nichts. Nicht einmal die Gemeinnützigkeit des Vereins sei nachgewiesen, heißt es.
»Jeder darf ohne Genehmigung sammeln.« So skizziert Robert Pollack, der Leiter des Nürnberger Ordnungsamtes, die rechtliche Lage. Seit bei der Stoiberschen Verwaltungsreform 2007 das bayerische Sammlungsgesetz abgeschafft wurde, brauche es keine amtliche Erlaubnis mehr, um die Sammelbüchse zu schwingen - oder per Zeitungsverkauf Geld für angebliche Obdachlose aufzutreiben. Die Verantwortung für ihre Spenden trügen jetzt die Bürger selbst, so Pollack.
Anderswo gelten andere Regeln. Rheinland-Pfalz etwa hat das Gesetz erst gar nicht abgeschafft und den Verkauf des Straßenträumer untersagt, weil nicht nachgewiesen wurde, wohin der Verkaufserlös fließt.
Trotzdem hat das hiesige Ordnungsamt »ein Auge auf die Leute«. Denn wer auf städtischem Grund etwas anbietet und keine Gemeinnützigkeit nachweisen kann, muss Sondernutzungsgebühr zahlen. Zurzeit werde geprüft, ob die Verkäufer, die meist aus osteuropäischen Ländern stammen, so zu packen sind.
Das würde auch Ilse Weiß freuen, die Chefredakteurin des Nürnberger Obdachlosen-Magazins Straßenkreuzer. Anders als der Darmstädter Straßenträumer ist ihr Blatt als mildtätig anerkannt, ausgesprochen professionell gemacht und, was das erwirtschaftete Geld angeht, über jeden Verdacht erhaben. Viele Leser hätten angerufen und von den aggressiven Verkaufsmethoden der Straßenträumer-Verkäufer berichtet, sagt Weiß. Besonders »frech« findet sie es, dass manchmal sogar beide Magazine gleichzeitig angeboten würden.
Die Polizei kontrolliert die Verkäufer zwar regelmäßig, doch sie tauchten immer wieder auf. Gegen organisiertes oder aggressives Betteln haben die Behörden allerdings etwas in der Hand. Wer trotz schriftlicher Verwarnung wieder angetroffen wird, muss seinen Bettelerlös abliefern. Ilse Weiß hegt längst den Verdacht, »dass die morgens im Bus abgeladen werden«. Allen potenziellen Käufern dubioser Magazine rät Ordnungsamtschef Pollack, sich eine Gemeinnützigkeitsbescheinigung des zuständigen Finanzamts zeigen zu lassen.

Claudine Stauber, Nürnberger Nachrichten, 12.6.2010


»Straßenkreuzer«-Verkäufer mit Durchblick

Ungewöhnliche Spendenaktion: Optiker Rühle verschenkt an die Crew des Sozialmagazins neue Brillen

Boris Rühle, Inhaber des Optiker-Geschäfts »wieder sehen« in der Sulzbacher Straße 82, wollte anderen eine Freude machen. Das hat er nun getan, und zwar sichtlich: 40 Verkäufer des Sozialmagazins »Straßenkreuzer« bekommen neue Brillen von ihm.
»Die Gelegenheit habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen«, sagt Peter Nensel. Er verkauft erst seit Juni vergangenen Jahres das Magazin, um sich etwas dazuzuverdienen. »Das Geld, das ich für eine dringend benötigte neue Brille ausgeben müsste, kann ich nun in Schuhe investieren«, freut er sich.
Das leicht verbogene Gestell seiner Sehhilfe verrät das Alter von zehn Jahren, das sie auf dem Nasenbuckel hat. »Statistisch«, sagt Optiker Rühle, »wechseln die Menschen ihre Brillen alle vier Jahre. Bei Herrn Nensel ist es also höchste Zeit.«
Rühle verlangt fürs Messen der Sehstärke, Anpassen des Gestells und Schleifen der Gläser »symbolisch ein Straßenkreuzer-Heft«. Nensel und seine Verkäufer-Kollegen Kerstin und Michael Wieland wollen zusätzlich noch zusammenlegen, um ihm die aktuelle Ausgabe der Straßenkreuzer-CD zu schenken.
Insgesamt haben sich über 40 Verkäufer in eine Warteliste eingetragen - sie dürfen sich dann nach und nach bei Rühle anmelden. Bei den Gestellen können die Verkäufer aus dem Vollen schöpfen. »Wir sind seit 1986 hier in der Sulzbacher Straße, da hat sich einiges im Lager angesammelt, durchaus auch begehrte Raritäten«, erzählt Rühle, der auch im Nürnberger Nachtleben als spendabel bekannt ist. Mit seinem rollenden Soundsystem, einem zu einer fahrbaren DJ-Kanzel umgebauten VW-Bus, Baujahr 1963, schmeißt er von Zeit zu Zeit Partys in der Stadt, natürlich ohne Eintritt dafür zu verlangen. Außerdem steht er in der Weinerei seit sieben Jahren hinter der Bar - die Kultur-Bar verfolgt das Konzept, dass der Gast nach dem Konsum guter Weine am Ende des Abends selbst bestimmt, wie viel ihm die Getränke wert waren.
Während der Brillen-Aktion ist auch eine andere Initiative des Straßenkreuzers gestartet: Die Straßenkreuzer-Uni. Unter dem Motto »Bildung für alle« dozieren Wissenschaftler vor sozial schwachen Menschen über ihr Fach und versuchen die Themen allgemeinverständlich zu vermitteln. Zielgruppe sind in erster Linie Frauen und Männer in Einrichtungen der Obdachlosenhilfe. Am Ende eines Semesters erhält der Teilnehmer eine Urkunde.

Nürnberger Nachrichten, 19.5.2010, Martin Schano


Leben in verdichteter Form

Der Nürnberger Waldemar Graser dichtet und lehrt Haiku

»Vom Akademiker zum Streetworker«, so umreißt der Nürnberger Waldemar Graser seinen Werdegang. Der ehemalige Lehrer lebt heute von Hartz IV und vom Verkauf der Obdachlosenzeitung »Straßenkreuzer«. Doch Graser sagt heute lächelnd: »Ich bin wieder wer, denn als Haijin - Haikuschreiber kann man heiter seines Weges gehen.«
Waldemar Graser ist Anfang 60, sein Geburtsjahr gibt er exakt nicht preis, bezeichnet sich als »Spätvierziger«. Aufgewachsen ist er in Kulmbach und Nürnberg. Hier hat er das Gymnasium besucht, Pädagogik und Theologie studiert, heute verkauft er den Straßenkreuzer und verfasst in der Schreibwerkstatt des Sozialmagazins tiefsinnige und humorige Geschichten und Verse. In letzter Zeit hat er sich der Haiku-Dichtung verschrieben, man sieht ihn auf Lesungen und als Workshopmacher. Es gab lange Leer-Zeiten in seinem Leben, doch nun scheint es von neuem Kontur zu bekommen. »Ich bin wieder wer« , sagt Graser und lächelt, denn: »Als Haijin - Haikuschreiber kann man heiter seines Weges gehen.«
Lange empfand er anders, viele Jahre fand er seinen Platz nicht, fühlte, wie keiner ihn haben wollte. Doch als er vor zwei Jahren auf dem Trempelmarkt ein Büchlein über Haiku entdeckte, markierte das einen Wendepunkt in seinem Leben. Haiku ist eine japanische Gedichtform, die kürzeste der Welt: drei Zeilen - erst fünf Silben, dann sieben und wieder fünf - fertig. Seit 500 Jahren werden in Japan Haiku gedichtet, seit 15 Jahren gibt es sie auch in Deutschland. Traditionell behandeln sie Natur- und Landschaftsthemen, doch Autor Graser drückt mittlerweile alles in Haiku aus - Lustiges, Ernstes, Liebevolles, Meditatives - wie es ihm in den Sinn kommt. Starke Poesie ist das, kurz, knapp, ausdrucksstark, verdichtet auf das Wesentliche, was sich offensichtlich in Haijin Waldemars Leben niederschlägt: Es ist bunter und dichter geworden.
»Vom Akademiker zum Streetworker«, so umreißt er seinen Werdegang. Der ehemalige Grundschullehrer lebt heute von Hartz IV, nachmittags zwischen 14 und 18 Uhr bietet er am Weißen Turm den Straßenkreuzer an. Seine Wohnung hat er verloren, seither lebt er in einem von der Stadt angemieteten Zimmer für Obdachlose. Die akademische Ausbildung ahnt man, merkt die Liebe zur Sprache an seiner Art zu formulieren, Aussagen auf den Punkt zu bringen. Im Gymnasium entdeckte er die Literatur, las Goethe und Nietzsche; begann mit 14 zu dichten, schrieb für die Schülerzeitung und später für die Tagespresse. Dennoch: 28 Jahre seines Lebens brachte er keine Zeile zu Papier, fühlte sich elend und krank, war mut- und orientierungslos.
An seine Kindheit und Jugend will er nicht erinnert werden. Ungewollt erblickte er das Licht der Welt, Ablehnung bekam er ständig zu spüren. Seelische Grausamkeiten und körperliche Quälereien machten aus ihm einen verschüchterten Jungen. Einsamkeit prägte diese Zeit, Hass gegenüber der Mutter. Trotzdem schaffte er das Abi, studierte Pädagogik, arbeitete ein paar Jahre im Schuldienst. Wissen vermitteln machte ihm damals schon Freude, Probleme mit den Schülern gab es nicht - aber umso mehr mit Kollegen und Vorgesetzten, die er heute gerne um Verzeihung für sein Verhalten bitten möchte.
Beruflicher Schiffbruch und gravierende Gesundheitsprobleme warfen ihn aus der Bahn. Jahrelang laborierte er herum, hielt sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, fühlte sich meist elend. Ärzte vermochten ihn nicht zu kurieren; schließlich half ihm eine Selbsttherapie. Heute bezeichnet er sich als nicht mehr krank. Dennoch ist Gesundheit für ihn nach wie vor ein wichtiges Thema.
Nahezu aus heiterem Himmel verspürte er in fortgeschrittenem Alter den Wunsch, Theologie zu studieren. Liebe, die er so wenig erfahren durfte, erschien ihm auf einmal als Lebensgrundhaltung im christlichen Sinn als wahre Möglichkeit für ein gelingendes Miteinander. Als er nach sechs Semestern abbrach, blieb die Begeisterung für das Liebesgebot Jesu: Wenn mehr Menschen auf der Welt sich danach richten würden, dann sähe es hier anders aus, davon ist er überzeugt.
200 Haiku hat Waldemar Graser schon geschrieben - Stift und Kärtchen hat er immer dabei, um spontane Eindrücke gleich umsetzen zu können. Achtsam ist er geworden, seine Umgebung spricht förmlich zu ihm. Gerne gibt er diese Faszination, die der Haiku ausgelöst hat, in Workshops weiter, dort kann er wieder Lehrer sein. Er hofft, einen Verlag zu finden, der seine Haiku veröffentlicht. Und er träumt von einer eigenen Wohnung - mit Balkon, wo er ungestört beobachten und Haiku dichten kann.
Ulrike Pilz-Dertwinkel, Evangelisches Sonntagsblatt für Bayern, 11.4.10


Ein kleines wahres Märchen

Folgende Fernsehreportage über den Straßenkreuzer-Verkäufer und Haiku-Dichter Waldemar Graser lief am 23.3.10 in der Sendung »Abendschau« (Bayern3)

Video Reportage (bitte anklicken)

Anschließendes Interview: Video Interview (bitte anklicken)


Mit Herzblut am Steuer des «Straßenkreuzer«

Norbert Kays, EhrenWert-Preisträger des Monats, hilft Menschen in Not

Der erste EhrenWert-Preisträger im Jahr 2010 heißt Norbert Kays. Der 55-Jährige engagiert sich seit 1994 für das Nürnberger Sozialmagazin «Straßenkreuzer» und dessen Trägerverein. Er erhält den mit 1000 Euro dotierten Preis im Januar.
Die Familie ist schuld. Vor allem der Vater. Denn er hat Norbert Kays vorgelebt, wie wichtig es ist, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Und wie hilfreich für beide Seiten. «Mein Vater hat sich in das oberfränkische Dorf, in das er damals geflüchtet ist, durch ehrenamtliche Tätigkeit integriert», erzählt Norbert Kays.
Dieses Vorbild hat den Sohn bis heute geprägt. «Ich jammere nicht. Sondern ich versuche, Einfluss zu nehmen», sagt der 55-Jährige, der mittlerweile in Burgthann lebt. «Ich halte es für sehr wichtig, dass sich die Menschen ehrenamtlich engagieren, egal ob in der Feuerwehr oder woanders. Es kommt auch nicht darauf an, wie viele Stunden in der Woche man investiert, sondern es kommt auf die Qualität an. Auf das Herzblut.»
Er selbst gibt viel seines Herzbluts dem Straßenkreuzer. Und viele Stunden seiner Zeit noch dazu. Schon 1994 bei der Gründung des Vereins - der Menschen in sozialer Not hilft, sich selbst zu helfen - war Norbert Kays dabei.
Seit zwei Jahren ist er Vorsitzender des Vereinsvorstands - und damit der Mensch, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. In dieser Funktion ist er auch ein wichtiger Ansprechpartner für die bezahlten Mitarbeiter. Denn der Verein hat es mittlerweile auf 13 Beschäftigte gebracht; mit unterschiedlichen Aufgaben und unterschiedlichen Arbeitszeiten - vom Verkäufer der Zeitschrift Straßenkreuzer bis zur Chefredakteurin, vom Vertriebsmitarbeiter bis zum Stadtführer.
Im Mittelpunkt der Vereinsarbeit steht die Zeitschrift, die der Verein selbst als Sozialmagazin bezeichnet. Seit diesem Jahr erscheint sie monatlich. Sie wird von Armen und Obdachlosen verkauft. 80 Cent zahlen die Verkäufer selbst für ein Heft, für 1,70 Euro dürfen sie es an ihre Kunden weitergeben. Die 90 Cent Unterschied bleiben ihnen als Verdienst.
Doch nicht nur das Geld ist es, das den etwa 50 Verkäufern guttut. Es ist auch das Selbstwertgefühl, das sie durch ihre Notsituation verloren haben und das ihnen die Tätigkeit zurückgibt. Um das zu erklären, zitiert Norbert Kays einen der ersten Verkäufer. Der Mann hatte vorher gebettelt. «Ich bin jetzt auf gleicher Augenhöhe mit den Käufern», beschrieb er seine Lebensveränderung durch den Straßenkreuzer.
Wer das Heft in Händen hält, kommt schon allein dadurch wieder mit anderen ins Gespräch. «Man lernt sogar voneinander», sagt Kays. «Die Verkäufer merken, dass sie keine Angst vor den potenziellen Käufern haben müssen. Und die merken, dass sie keine Angst vor Menschen mit offensichtlichen Problemen haben müssen.»
Wichtig ist Kays, dass die Straßenkreuzer-Hefte bunt und fröhlich wirken. Lebensbejahend. «Elend und Not muss nicht grau sein», findet er. «Die Botschaft soll sein: Das ist schlecht. Was kann man verändern? Packen wir es an!»
Rund um das Magazin wurden im Lauf der Zeit zahlreiche weitere Aktionen und Projekte entwickelt: In der Schreibwerkstatt entstehen eindrucksvolle Texte, die zum Teil im Straßenkreuzer abgedruckt werden. Gespendete Lieder von Musikern aus der Region füllen mittlerweile acht CDs.
Das erste Straßenkreuzer-Kochbuch war so begehrt, dass es nachgedruckt werden musste. Und unter der Überschrift «Schicht-Wechsel» bietet der Verein mit Hilfe besonderer Stadtführungen Einblicke in das Leben sozialer Randgruppen.
All das geht nur mit dem Geld vieler großer und kleiner Förderer. Und mit der Hilfe vieler Ehrenamtlicher wie Norbert Kays. Seinen Lebensunterhalt verdient der Sozialpädagoge als Mitarbeiter der Stabsstelle Armutsprävention der Stadt Nürnberg.
Das Thema Armut und Obdachlosigkeit ist aber bei weitem nicht das einzige, das ihn bewegt. Er könnte sich durchaus vorstellen, bei anderen Projekten mitzumachen. Seit er selbst Familie hat, mag er es allerdings, seine Kräfte zu bündeln. Sich nicht zu verzetteln. «Man kann sich nicht überall aktiv einbringen», findet er.
«Aber sich zu engagieren, bedeutet auch, sich zu interessieren. Dinge wahrzunehmen.» Noch eine Botschaft, die ihm sein Vater mitgegeben hat.

Nürnberger Nachrichten, 28.1.2010


Ab Januar: Straßenkreuzer erscheint jeden Monat

Das Sozialmagazin «Straßenkreuzer» erscheint von Januar an monatlich. Der neue Rhythmus gebe den Verkäufern die Möglichkeit, ein aktuelleres und damit attraktiveres Heft zu verkaufen, heißt es im Editorial der gerade erschienenen Dezemberausgabe von Chefredakteurin Ilse Weiß.

Bisher erschien der «Straßenkreuzer» alle zwei Monate. «In einer Zeit, in der zigtausende Menschen unserer Region ihren Job verloren haben oder Angst haben, ihn zu verlieren, ist das ein wichtiges Zeichen, dass es auch für Frauen und Männer ganz am Rand des Arbeitsmarktes wieder aufwärtsgehen kann», erklärte Weiß. Zugleich warb sie um Verständnis, dass der Preis des Magazins um zehn Cent auf 1,70 Euro steigen werde. Der in einer Auflage von bis zu 27 000 Exemplaren erscheinende «Straßenkreuzer» wird von Armen und Arbeitslosen verkauft. Vom Verkaufspreis erhalten die Verkäufer 90 Cent. In der Dezember-Nummer geht es um Menschen die wegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und Schmerz ein schweres «Päckchen» zu tragen haben: Der Bundeswehr-Psychologe Robert Müller kümmert sich um Soldaten nach ihrem Afghanistan-Einsatz. Die 42-jährige Cornelia erzählt, wie es ist, wenn man zehn Stunden am Tag arbeitet und 780 Euro im Monat verdient.

Nürnberger Zeitung vom 30.11.09


«Straßenkreuzer«-Verkäufer geschlagen und bedroht

Gewalt kommt von Rechts

NÜRNBERG - Prügel und Beschimpfungen für «Straßenkreuzer«-Verkäufer Peter Nensel: Rechtsradikale schlugen auf ihn ein und drohten: «Das nächste Mal landest du unterm Bus.«


Zwei kräftige Männer, zwischen 25 und 30 Jahre alt, beleidigten den Gehbehinderten als «Pennerpack«, schlugen ihn ins Gesicht und rieten ihm, sich vor dem Röthenbacher Einkaufszentrum nicht noch einmal blicken zu lassen. Dass die Täter aus der rechten Ecke kamen, ist für Peter Nensel sonnenklar. Mit Glatze und Springerstiefeln hätten sich die beiden entsprechend ausgewiesen.
Eine Strafanzeige bei der Polizei brachte nichts, das Verfahren wurde eingestellt. Konsequenz: Der gelernte Industriekaufmann, der seit 2002 arbeitslos ist und sich sein karges Arge-Salär mit dem Straßenverkauf aufbessert, hat sich nach Eibach verzogen. «Bevor mir Schlimmeres passiert...«
Kurz darauf ein zweiter Schlag gegen den Straßenkreuzer: Das Einkaufszentrum Röthenbach untersagte Nensels Kollegen, das Blatt weiter auf seinem Grund zu verkaufen. «Nach interner Prüfung und Rücksprache mit der Eigentümerin«, schrieb der Stuttgarter Centermanager Thomas Siemer der Chefredaktion des Nürnberger Sozialmagazins, «müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass dies nicht mehr gewünscht wird.«
Gründe für diese Entscheidung wurden auf Nachfrage der NN nicht genannt. Es habe Gespräche mit der Redaktion des Blattes gegeben, die jedoch zu keiner Einigung geführt hätten. Daraufhin habe man «schweren Herzens« den Platzverweis aussprechen müssen. Mit dem Überfall auf Peter Nensel habe das nichts zu tun; davon habe man gar nichts gewusst.
«Richtig dreist« findet Straßenkreuzer-Chefredakteurin Ilse Weiß diese Aussagen aus dem Einkaufszentrum an der Dombühler Straße. Es habe kein einziges Gespräch gegeben, lediglich die zitierte E-Mail sei eingegangen. Die weltweit tätigen Verwalter des Zentrums, so Weiß, wüssten nichts über die in Nürnberg hoch anerkannte Arbeit des Straßenkreuzers, die 2006 mit dem Medienpreis der Sparda-Stiftung ausgezeichnet wurde.
Auch vor dem Warenhaus Mercado in der Äußeren Bayreuther Straße waren die Verkäufer des ehrenamtlich produzierten Magazins laut Weiß in der Vergangenheit nicht wohlgelitten. Ihre Leute seien dort regelrecht vertrieben worden, sagt Ilse Weiß, «den Platz haben wir längst abgehakt«. Doch auf Anfrage der NN reagiert Mercado-Leiter Ronald Thaute anders als erwartet. Man sei da großzügig, sagt er, solange sich die Verkäufer normal benähmen und anmeldeten, dürften sie gerne vor der Haustüre verkaufen.
Seit jeher geht das Management von Karstadt entspannt mit dem Thema um. Die Straßenkreuzer-Händler vor den Arkaden in der Königstraße gehören seit vielen Jahren fest zum Straßenbild. Man dulde das, heißt es in der Karstadt-Chefetage, und habe sich mit den Verkäufern auf einen Platz verständigt, wo sie wenig störten.
Zurück zu Peter Nensel: Mit seinem Klapphocker sitzt er jetzt an der Eibacher Hauptstraße/Ecke Castellstraße und verdient sich 90 Cent pro verkauftem Heft. Der 40-Jährige hat die Hoffnung nicht aufgegeben, wieder Arbeit zu finden. Vielleicht winkt am Ende sogar ein fester Job beim Straßenkreuzer, hofft er. Sechs seiner Kolleg(inn)en konnten mit Hilfe großzügiger Sponsoren bereits eingestellt werden.

Claudine Stauber in den Nürnberger Nachrichten vom 4.9.2009


Nürnberger Sozialmagazin feiert Geburtstag

Folgender Radiobeitrag lief am 27.7.09 in der Sendung »Mittags in Franken« (Bayern1)

Audio-Datei (bitte anklicken)


15 Jahre Straßenkreuzer: Ein Besuch in der Schreibwerkstatt

In jedem schlummert ein Talent

Herzlichen Glückwunsch, Straßenkreuzer! Das Sozialmagazin wird 15 Jahre alt. Wir haben uns dort umgesehen, wo pro Ausgabe eine Doppelseite entsteht – in der Schreibwerkstatt.
In jedem schlummert ein Talent, man muss es nur wecken. Ilse Weiß, die rührige Chefredakteurin des Straßenkreuzers, hat das seit langem erkannt und motiviert die Teilnehmer der Schreibwerkstatt immer wieder zu geistigen Höhenflügen. Auch an diesem Donnerstagvormittag sitzen zehn Autoren gespannt um den großen Tisch in der Glockenhofstraße, ausgerüstet mit weißem Papier und Schreibstiften. Profi ist hier niemand, muss auch nicht. «Bei uns sind ganz unterschiedliche Leute dabei», sagt Weiß, «und das macht den Reiz unserer Werkstatt aus» (siehe Interview).
Tatsächlich treffen hier Jüngere und Ältere, Arme und Gutsituierte, sogenannte Normalos und Außenseiter aufeinander. «Geld und Beruf spielen keine Rolle, was zählt, ist die Lust am Formulieren», erzählt die Chefredakteurin. Und wenn es doch mal hakt, steht die erfahrene Journalistin mit Rat und Tat schnell zur Seite.
Viel müssen die Freizeit-Schreiber aber nicht mehr lernen. Das zeigt die Fingerübung zum Aufwärmen. Jeder wirft ein Wort in die Runde, aus den zehn Worten basteln alle ihre eigene kleine Geschichte: Texte, die sich sehen und hören lassen können. Jeder trägt seinen Beitrag vor, für die witzigen und einfallsreichen Anekdoten gibt es Applaus. Und an diesen sind die Autoren inzwischen gewöhnt.
Denn schon lange erscheinen die Ergebnisse der Sitzungen nicht mehr nur im Straßenkreuzer. Die Männer und Frauen präsentieren ihre Werke öffentlich, in Kirchen, im K 4 oder im Bildungszentrum. Ihre Auftritte werden mit Lob überschüttet; auch das Buch, das der Verein 2008 unter dem treffenden Titel «Eigengewächse» herausgegeben hat, kommt gut an.
Nicht alle haben mit dieser Resonanz gerechnet. «Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich Texte schreibe und sie auch noch einem großen Publikum vorlese», erzählt Straßenkreuzer-Verkäufer Carlo. Jetzt, nach vier Jahren, gehört er längst zum festen Stamm. Außerdem zeigt er seit Anfang 2009 als festangestellter Stadtführer Plätze, die in konventionellen Reiseführern nicht auftauchen: Einrichtungen wie die ökumenische Wärmestube, die Straßenambulanz oder die Notschlafstelle. Seinen Vortrag hält der ehemalige Werkzeugmacher frei, keine Frage: Das Reden fällt ihm leicht – dank Schreibwerkstatt, der vielen öffentlichen Auftritte und seiner sonoren Stimme.
Auch Siglinde hat in der Schreibwerkstatt viel dazu gelernt. «Als ich meine ersten Zeilen im Straßenkreuzer gedruckt sah, war ich richtig stolz», berichtet sie. Die 59-Jährige ist mit Menschen in Kontakt gekommen, die sie sonst wohl nie kennengelernt hätte. «Am Anfang hatte ich schon Berührungsängste», gibt sie zu. Auf staatliche Gelder oder Spenden war die Sekretärin, die nun auf 400 Euro-Basis Demenzkranke betreut, nie angewiesen. Jetzt aber weiß sie, dass es Menschen gibt, die oft nicht einmal wissen, wo sie die Nacht verbringen.
Jürgen ist so ein Fall. Dem 61-Jährigen ist es egal, ob er ein Bett hat oder nicht. Seit 2008 verkauft er in der Karstadt-Passage den Straßenkreuzer, in der Schreibwerkstatt macht er seit Februar mit. Der gebürtige Rheinländer – der sich selbst mit dem provokanten Satz «ich bin der Jürgen, ich bin Penner» vorstellt – hat (fast) alles gemacht und erreicht: er war Beamter, Gewerkschaftssekretär, Aushilfskellner und Lagerleiter in der freien Wirtschaft, mal bürgerlich, dann wieder auf der Straße.
Nach all den Höhen und Tiefen ist Jürgen gelassen, die Teilnahme in der Schreibwerkstatt ist für ihn eine willkommene Abwechslung. «Klar habe ich auch Lust am Schreiben», sagt er. Bei Schulbesuchen erzählt er Jugendlichen von sich und dem Straßenkreuzer und bei Veranstaltungen sitzt er schon mal neben OB Ulrich Maly oder der ehemaligen Familienministerin Renate Schmidt: «Es ist für mich das Größte in meiner Position, die ja eigentlich keine ist, diese Anerkennung zu bekommen».
Jürgen fühlt sich akzeptiert, ein paar Idioten, sagt er amüsiert, gibt es immer. In seinem Umfeld dürften es jedoch ganz wenige sein. Wieder einmal stellt ihm jemand eine Schlafstelle zur Verfügung, ein Taxifahrer, der bei Jürgen den Straßenkreuzer kauft. Bis Ende diesen Monats könne er bleiben. «Der Taxifahrer findet, ich müsse bei Kräften bleiben», erzählt er. Denn beim Straßenkreuzer-Jubiläum gibt Jürgen gleich mehrere Einlagen: als Schauspieler und Sänger. In jedem schlummert ein Talent – und bei Jürgen sind es sogar zwei.

Sharon Chaffin in der Nürnberger Zeitung am 16.7.2009


Chefredakteurin Ilse Weiß:

Der Straßenkreuzer ist auf dem richtigen Kurs

Der Straßenkreuzer hilft Menschen in sozialer Not, sich selbst zu helfen. Rund 50 Männer und Frauen verkaufen das mehrfach ausgezeichnete Magazin, das im Schnitt in einer Auflage von rund 17 000 erscheint. Wir sprachen mit Chefredakteurin Ilse Weiß über das erfolgreiche Projekt.

NZ: Frau Weiß, wie hat der Straßenkreuzer begonnen?

Ilse Weiß: Vor 15 Jahren hat eine Gruppe von engagierten Journalisten, Sozialarbeitern und Politikern die ersten Straßenzeitungen in München und Hamburg gesehen und gesagt: ,Das können wir auch’. Es hat sich dann ein ganz eigenes Nürnberger Konzept entwickelt, basierend auf sehr viel Ehrenamt. Inzwischen arbeiten ganz viele freiwillige Journalisten und Fotografen mit. Erst seit rund zehn Jahren gibt es so etwas wie eine halbe bezahlte Stelle.

NZ: Was ist an dem Projekt das Besondere?

Weiß: Der Straßenkreuzer wird von Profis gemacht, aber auch von der Schreibwerkstatt, bei der die unterschiedlichsten Menschen mitarbeiten. Verkauft wird das Heft von Menschen, die langzeitarbeitslos sind oder/und obdachlos. Wir wollen ein sehr wertiges, schönes Magazin machen, bei dem sich niemand schämen braucht, der es verkauft. Die vielen Rückmeldungen und Freundschaften, die sich zwischen Käufern und Verkäufern entwickelt haben, bestätigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

NZ: Wie sieht der typische Straßenkreuzer-Käufer aus?

Weiß: Der typische Straßenkreuzer-Käufer ist die typische Straßenkreuzer-Käuferin. Es sind viele Frauen, viele Familien, viele sehr gut ausgebildete Menschen, die auch den Kopf und die Freiheit des Denkens haben, sich für soziale und gesellschaftliche Belange zu interessieren. Am Anfang wollten manche Firmen nicht bei uns inserieren, weil sie gedacht haben: Diese Zeitschrift wird von Obdachlosen gemacht und von Obdachlosen gekauft. Das ist natürlich überhaupt nicht so.

NZ: Hat die Redaktion deshalb auch die Bezeichnung Obdachlosenzeitung in Sozialmagazin geändert?

Weiß: Ja, der Name ist einfach ehrlicher. Die Bezeichnung «Obdachlosenzeitung» hat genau die Missverständnisse hervorgerufen, die früher eben manche Inserenten abhielten. Der Begriff «Sozialmagazin» sorgt jetzt für sehr viel mehr Klarheit. Wir sind ein Magazin, das nicht jammern und klagen, sondern sich mit sozialen und soziokulturellen Geschehnissen auseinandersetzen will. Auch das bezeichnet das Wort «Sozialmagazin» viel besser.

NZ: Wie kommt das Magazin bei den Verkäufern an?

Weiß: Meistens sehr gut. Bei jeder Heftvorstellung höre ich aber auch Kritik, wenn irgendetwas nicht gepasst hat. Es gibt Hefte, bei denen ich persönlich gedacht habe: «Das sind sagenhaft schöne Titel und sagenhaft tolle Themen, das werden sie uns aus der Hand reißen». Tatsächlich sind wir dann auf ein paar Tausend sitzengeblieben. Aber im Großen und Ganzen kommen die Hefte bei den Verkäufern sehr gut an. Viele lesen auch rein – das freut mich ganz besonders. Auch die «Momentaufnahme», eine Rubrik, in der wir Verkäufer interviewen, wird immer beliebter. Anfangs war es nicht so einfach, jemanden zu finden, der sich vorstellen lässt. Inzwischen gibt es eine kleine Liste von Leuten, die sagen: «Ich möchte da auch mal etwas sagen, ich habe auch etwas zu sagen.»

NZ: Wie hat sich das Konzept im Laufe der Jahre verändert?

Weiß: Es gab sehr große Veränderungen, allein rein äußerlich: Wir sind inzwischen komplett farbig und erscheinen sechsmal im Jahr, und nicht mehr nur viermal. Wir versuchen stärker auf Schwerpunkt-Themen einzugehen und wollen diese sehr facettenreich zeigen. Wir haben keine Scheu jedwede Schublade auf den Kopf zu stellen, auch unsere eigenen. Wenn wir mit Unternehmern reden, sind die nicht per se kapitalistisch im konservativem Sinne, sondern manchmal ungemein beeindruckende tolle Leute.

NZ: Wie findet die Redaktion immer wieder neue Themen?

Weiß: Viel läuft virtuell. Da ich die einzige feste Stelle habe und alle anderen ihre eigenen Jobs machen, läuft viel über Telefon- und E-Mailkontakt. Mindestens einmal im Jahr haben wir eine Redaktionskonferenz mit der Kernredaktion. Manchmal setzen wir uns auch im ganz kleinen Kreis oder zu zweit zusammen und sagen: «Lass uns mal da dran bleiben.» Die Themenfindung ist also ein sehr dynamischer Prozess und keiner, bei dem einer allein denkt, dass er die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat.

NZ: Wie erklären Sie den Erfolg?

Weiß: Der allererste Erfolg sind die Verkäufer. Wenn das Heft von den Verkäufern akzeptiert und für gut befunden wird und so eine gute Beziehung zwischen Redaktion und Verkäufern besteht, ist auch die Motivation da, das Heft zu verkaufen. Ich glaube, dass wir noch viel mehr Exemplare verkaufen könnten, wenn wir ein stärkeres Netz an Verkäufern hätten, die auch beständig an ihren Plätzen stehen. Das andere feste Standbein stellen all die Fotografen und Journalisten dar, die ihre professionellen Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache stellen.

NZ: Was erwartet den Leser in der nächsten Ausgabe?

Weiß: Viel feine Gesellschaft. Wir beschäftigen uns zum Beispiel mit einem Nürnberger Künstler, der jetzt am Bodensee lebt und sehr provozierende Arbeiten liefert. Wir beschäftigen uns mit jungen Frauen, die ein ganz normales bürgerliches Leben führen, aber sehr stark von Neonazismus geblendet sind. Wir beschäftigen uns mit dem Menschenrechtsbüro, mit all dem, was vielleicht fein wirkt und nicht so ist – oder nicht so wirkt und vielleicht doch so ist.

NZ: Was wünschen Sie sich für die nächsten 15 Jahre?

Weiß: Eine Auflage von 50 000 im Monat.

Fragen: Sharon Chaffin, Nürnberger Zeitung, 16.7.2009


Die Augen für Armut öffnen

„Straßenkreuzer“ stellt erstmals einen Stadtführer fest ein

Von der Wärmestube über die Straßenambulanz bis hin zur Notschlafstelle: Die ungewöhnliche Stadtführung „Schicht-Wechsel“ des Straßenkreuzer e.V. hat ihren ersten Festangestellten. Seit Januar öffnet Carlo Schnabel den Teilnehmern mit einem fixen Gehalt die Augen für Armut und Ausgrenzung in der Stadt.

Es ist das i-Tüpfelchen für Schnabels gesellschaftliche Wiedereingliederung. Ereilte den bald 60-Jährigen doch im Jahr 2001 ein heftiger beruflicher Schlag. Der gebürtige Oberfranke war bis zu dieser Zeit in einem Unternehmen als Werkzeugmacher angestellt. Doch eine von oben verordnete Umstrukturierung hatte zur Folge, dass ihn die Firma vor die Türe setzte. Mit der Abfindung in der Tasche glaubte er zunächst, wieder einen Job zu finden. Doch Fehlanzeige. Hatte er anfangs noch 1250 Euro Arbeitslosengeld erhalten, musste er ab 2005 mit 345 Euro (Hartz IV) auskommen. „Ich verlor den Glauben daran, dass ich jemals wieder ins Berufsleben einsteigen kann“, sagt Schnabel.
Das Sozialmagazin Straßenkreuzer hat ihm dann aber eine Perspektive bieten können: Erst als Verkäufer der Zeitschrift, dann als Leiter der „Schicht-Wechsel“-Stadtrundgänge durch die Südstadt. Touren, die auf die Armut hinter den Kulissen aufmerksam machen und Einblicke in soziale Einrichtungen für obdachlose Menschen gewähren. Wissenschaftlich begleitet wurde „Schicht-Wechsel“ von Studenten des Projektseminars „Geographie der gesellschaftlichen Ausgrenzung“ der Universität Erlangen-Nürnberg.
Im Juni 2008 ging „Schicht-Wechsel“ an den Start und Carlo Schnabel wartete für seine Route vor der Bahnhofsmission auf Teilnehmer. „Ich rechnete mit 20 Leuten, die zur Führung kommen. Es standen aber dann 120 vor mir“, sagt er und führt den Erfolg auf Medienpräsenz und Flugblätter zurück. Mittlerweile ist bei Führungen die Anzahl auf 20 Teilnehmer begrenzt. Bis heute hat Schnabel mehr als 1000 Menschen informativ durch die Südstadt geschleust.
Honoriert wurde sein Einsatz bisher mit einer geringen Aufwandsentschädigung. Nun hat ihn der Verein für 20 Stunden pro Woche fest angestellt. Zudem unterstützt die Sparda-Bank dieses Projekt mit einem Zuschuss von 2500 Euro. Neben der Leitung der Südstadtführungen (es gibt auch eine durch die Nordstadt) deckt Schnabel die Koordination und Organisation des Projekts mit ab.
„Durch die Führung verlieren viele Menschen die Scheu vor Armut“, sagt Ilse Weiß, Chefredakteurin des Straßenkreuzer. Es gehe nicht um „falsches Mitleid“, sondern um das Verstehen der Vielschichtigkeit im Stadtleben.

Alexander Brock in den Nürnberger Nachrichten am 6.3.09


Sozialmagazin präsentiert ein Kochbuch mit leichten, günstigen Rezepten

«Der Küchenkreuzer» hat für jeden was

Wollten Sie schon immer mal mit Zwei-Sterne Koch Andree Köthe am Herd stehen? Oder sich von OB Ulrich Malys Leidenschaft für mediterrane Küche anstecken lassen? Kein Problem – »Der Küchenkreuzer» macht’s möglich.
«Aus Nix was machen»: Die Kapitelüberschrift ist Programm für ein Kochbuch, das ungewöhnlicher nicht sein könnte. Weil küchenverliebte Menschen aus vielen Bereichen sich für dieses Projekt des Obdachlosen-Magazins »Straßenkreuzer» zusammen getan haben: Diana Burkel vom »Würzhaus» oder Möbeldesigner (und Sternekoch) Tom Fischer, Moschee-Vorbeter und Imam Hikmet Yildiz, Konditor Karl Neef oder Heilsarmee-Küchenchef Frank Schneeberger. Aber auch, weil trotz der prominenten Rezeptautoren kein Gericht teurer als zwei Euro pro Nase ist.
Und vieles geht ganz einfach. Die Okroschka etwa, eine kalte Suppe aus Kirgisien, demonstrieren Kinder vom Aktivspielplatz Gostenhof. Oder der Pfundstopf von Heim- und Hobbyköchin Manuela Brix: ein Pfund von jeder Zutat, aufgeschichtet in einem Bräter und ohne Umrühren im Ofen gegart. Das kann jeder.
Dieser Grundgedanke stand auch am Anfang des »Straßenkreuzer»- Kochprojekts vor sechs Jahren. Die (obdachlosen) Verkäufer des professionell gemachten Magazins wollten gerne Rezepte im Heft haben. Der erfahrene Gastronom Jochen Banzhaf ließ sich vom »Straßenkreuzer»-Team nicht lange bitten – und kreierte die Rubrik »Kochen mit Jochen»: Grundsolide, einfache Rezepte, die unter dem Motto »Aus weniger mach’ mehr» ihre Fangemeinde fanden.
Dennoch ist »Der Küchenkreuzer» weit mehr als eine Rezepte-Sammlung. In kleinen Portraits werden die 29 Köchinnen und Köche des Büchleins vorgestellt. Da erfährt man, weshalb OB Maly sich zu den Doofen unter den Politiker zählt – und auch noch froh darüber ist. Da gibt es Einblicke in die Küchenkünste von JVA-Häftlingen. Und am Ende liest man erstaunt, dass Zwei-Sterne-Koch Köthe durchaus eine Lanze für Schäuferle und Schokolade bricht und selbst Hamburger nicht grundsätzlich verdammt.
Nicht nur die Gerichte, auch das Kochbuch selbst soll sich jeder leisten können. Das 160-seitige »Küchenkreuzer» kostet deshalb gerade einmal 9,80 Euro. Möglich wurde das, weil zahlreiche Menschen, von den Textautoren über die Fotografen bis zum Grafiker-Büro, ehrenamtlich für das Projekt gearbeitet haben.
Verdienen dürfen (und sollen) dagegen die »Straßenkreuzer»-Verkäufer, die das Kochbuch ab sofort auf Straßen und Plätzen in der Innenstadt anbieten. Sie erhalten 3,30 Euro für jedes verkaufte Exemplar.

tig am 17.12.2008 in der Nürnberger Zeitung


»Küchenkreuzer«: Lust auf Kochen machen
Günstige Gerichte: Buch mit Rezeptideen von Ulrich Maly, Gerti Gundel u.a.

NÜRNBERG - Jetzt gibt es nicht nur den »Straßenkreuzer«, sondern auch den »Küchenkreuzer«: Ein Buch voller Rezeptideen.

Ein größeres Kompliment hätte der zwölfjährige, in Kirgisien geborene Dima seiner Mutter nicht machen können. Die Okroschka, sagt er und deutet auf die Kaltschale mit Kartoffel, Ei und Gurke, schmeckt wie daheim. Dabei hat er diese Suppe eben mit Zwei-Sterne-Koch Andree Köthe zubereitet und den Gästen aufgetischt, die zur Vorstellung eines »feinen« Buches ins Restaurant »Würzhaus« gekommen sind: dem »Küchenkreuzer«. Darin präsentieren 29 Köchinnen und Köche auf 160 Seiten über 100 Rezepte aus aller Welt, keines teurer als zwei Euro je Person.
Dima, zum Beispiel, hat das Rezept für die Kaltschale beigesteuert, die die Menschen angenehm kühlt, wenn es in Kirgisien furchtbar heißt ist. Oberbürgermeister Ulrich Maly wiederum verrät, wie er Chicoree-Röllchen zubereitet («Chicoree... eine Geheimwaffe«). Andree Köthe empfiehlt gebackene Auberginen mit Kreuzkümmel. Und Karl Neef, »zuckersüßer Konditor«, bereitet für einen Quarkauflauf zu.
Es kochen Profis und Hobbyköche, Kantinen- und Schulköche, Geistliche und Häftlinge - eine bunte Mischung, die kulinarische Vielfalt bietet. Mehr noch: Neben den Rezepttipps werden die Männer und Frauen, die am Herd stehen, obendrein portraitiert. So erfährt man etwa, dass Nürnbergs Stadtoberhaupt spätabends gern Thailändisches kocht. Oder dass »Pfannenspezialistin« Gerti Gundel überzeugt ist: Beim Kochen kommt es auf Liebe an.
50 Autoren und Fotografen, darunter auch NN-Redakteure, haben es mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit möglich gemacht, dass der »Küchenkreuzer« nun erscheinen konnte. Das liebevoll gestaltete Buch ist für 9,80 Euro erhältlich - bei den Verkäufern des »Straßenkreuzers«. Sie waren es auch, die 2002 anregten, im Sozialmagazin Rezepte aufzunehmen. Fortan präsentierte Jochen Banzhaf in jeder Ausgabe ein leckeres wie auch günstiges Rezept. Das kam an. »Wir wurden oft gefragt, warum wir kein Buch daraus machen«, erzählt Straßenkreuzer-Chefredakteurin Ilse Weiß.
Vor zwei Jahren gingen es die Ehrenamtlichen an. Vergleichsweise leicht sei es gewesen, Köche und Köchinnen zu finden. Schwieriger war es, das Ganze »nebenher zu organisieren«.
Ungewöhnliche Ideen wie jene, am Nürnberger Hafen einer Binnenschifferin in der Kombüse über die Schultern zu blicken, forderten Zeit und Energie. »Es war ein Kraftakt«, man habe sich gewissermaßen »zusammenköcheln« müssen, damit das Buch erscheinen konnte. Aber es habe sich gelohnt.

Andreas Dalberg in den Nürnberger Nachrichten am 17.12.2008


«Ich will nicht vom Staat abhängig sein«
Reinhard Semtner, Verkäufer beim Straßenkreuzer, über Reichtum

NÜRNBERG - Was denkt eine Schnapshändlerin über Enthaltsamkeit? Oder: Was hält ein Sportwagenhändler vom Tempolimit? Jeden Samstag steht an dieser Stelle ein Nürnberger Rede und Antwort zu einem Thema, das man auf Anhieb nicht immer mit ihm verbindet. Heute im Gespräch: Reinhard Semtner, Verkäufer des Sozialmagazins Straßenkreuzer, über Reichtum.

Herr Semtner, was ist für Sie Luxus?

Semtner: Da muss ich nicht lange überlegen. Ein schickes Auto, zum Beispiel ein Maserati, und eine große Wohnung – das wär‘s. Träumen darf man ja.

Doch in der Realität stehen Sie hier in der zugigen Königstorpassage und arbeiten noch mit 69 Jahren an sechs Tagen pro Woche.

Semtner: Das habe ich mir selbst ausgesucht. Ich würde ja die Grundsicherung bekommen, weil ich keinen Anspruch auf eine Rente habe, aber ich will nicht von solchen Zuwendungen abhängig sein. Gegenüber den Behörden muss man immer alles begründen und wenn etwas kaputt geht, zehn verschiedene Anträge stellen, da verzichte ich lieber drauf. Ich komme auch so zurecht.

Wirft denn der Verkauf genug ab zum Leben?

Semtner: Das, was ich mache, nennt sich ja sogar Angestellter des Straßenkreuzers, aber ein Gehalt in dem Sinne beziehe ich natürlich nicht. Meine Einnahmen sind abhängig von der Zahl der verkauften Exemplare. Für mich ist das wie eine Arbeit, täglich außer sonntags stehe ich hier von früh bis spät. Mit meinem Lebensstil bin ich zufrieden, es reicht für eine kleine Wohnung, die ich mir mit meiner Partnerin teile, und genug zu essen ist auch da.

Sie würden sich also nicht als «arm« bezeichnen?

Semtner: Ich habe doch alles, was ich brauche! Natürlich kann ich mir keinen Luxus leisten, aber ich komme zurecht. Alle Sachen, die ich trage, habe ich geschenkt bekommen. Meine Kunden denken an mich, bringen mir auch Kuchen oder Brot vorbei.

Aber Sie haben nicht immer so gelebt?

Semtner: Es gab Zeiten, da konnte ich das Geld mit vollen Händen ausgeben und dann wieder Phasen, da musste ich verzichten. Ich bin gelernter Dreher, habe auch im Bergbau gearbeitet, doch dann war ich leider wegen Eigentumsdelikten im Knast. Und danach bin ich nicht wieder zurück gekommen ins geregelte Leben, sondern habe mich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen. Auf der Straße habe ich aber nie gelebt. Ich hatte immer ein festes Dach überm Kopf, und wenn‘s nur eine Hütte war. Und ich habe immer auf mich geachtet.

Trotzdem träumen Sie manchmal noch von Luxusartikeln?

Semtner: Diese Wünsche sind einfach da, obwohl ich weiß, dass ich sie nicht verwirklichen kann. Ich glaube auch nicht, dass man wirklich glücklicher ist, wenn man sich alles kaufen kann. Aber es wäre schon schön, wenn man nicht immer rechnen müsste und nicht immer nur zu den Lebensmitteln im Discounter greifen könnte. Doch es geht auch so, dass sage ich immer wieder.

Fällt Ihnen in der Vorweihnachtszeit, wenn alle mit prall gefüllten Einkaufstüten an Ihnen vorbei hasten, der Verzicht besonders schwer?

Semtner: Die Vorweihnachtszeit hilft uns natürlich. Der Dezember ist unser wichtigster Monat, da ist die Auflage fast doppelt so hoch wie sonst. Die Leute sind einfach großzügiger. Ich neige aber schon dazu, dann länger auf die Tüten zu gucken, vor allem, wenn es viele sind. Ich ärgere mich dann vor allem über Leute, die mit einer gewissen Verachtung an mir vorbei gehen, obwohl für die zwei, drei Euro eigentlich gar nichts wären. Doch die, die einem immer wieder was zustecken, haben oft selbst nicht so viel.

Sind Sie manchmal neidisch auf die Besserverdienenden?

Semtner: Nein, das mit Sicherheit nicht. Irgendwie haben es sich die Leute ja erarbeitet. Eher finde ich es erstrebenswert, das Gleiche zu erreichen – auch wenn es mir persönlich nicht mehr gelingen wird.

Gerade erst hat die Bundesregierung 500 Milliarden Euro zur Rettung der Banken locker gemacht. Hätten Sie das Geld dafür auch investiert?

Semtner: Ich hätte die Banken pleite gehen lassen. Als es ihnen gut ging, hat keiner der Verantwortlichen daran gedacht, der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Ich würde auch Opel nicht unterstützen. Wenn die ihre Mitarbeiter nicht mehr brauchen, setzten sie sie auch einfach vor die Tür. Wenn wir eine freie Marktwirtschaft wollen, dann sollten wir die auch anwenden.

Sie haben schon gesagt, dass Reichtum trotz allem nicht entscheidend ist. Was ist denn für Sie Glück?

Semtner: Eigentlich wünsche ich mir nur, so lange wie möglich gesund zu bleiben und dass meine Partnerin zu mir hält. Ziele setze ich mir nicht mehr, dafür ist es zu spät. Doch die Vorstellung krank zu werden und auf Fremde angewiesen zu sein, macht mir Angst, gerade in meiner sozialen Lage.

Silke Roennefahrt in den Nürnberger Nachrichten, Dezember 2008


Ganz unten in Nürnberg
Führung zu den Schattenseiten des Nordens

Ungewöhnliche Orte, die ungewöhnliche Geschichten erzählen: Bei «Schicht-Wechsel» lernt man die Nordstadt aus der Perspektive von Armen und Obdachlosen kennen.
Bertram Sachs weiß, wovon er spricht. Der 50-jährige Nürnberger war selbst ein Jahr «auf Platte», also obdachlos. Die Orte, zu denen er die rund 20 Zuhörer führt, kennt er aus eigener Erfahrung. Etwa die Fachstelle für Wohnungsfragen und Obdachlosigkeit des Sozialamtes am Kirchenweg 56. Hier startet die rund zweistündige Führung. Als Sachs vor fünf Jahren wieder ein Dach über dem Kopf haben wollte, verhalf ihm jenes Amt zu einem Platz in einer privaten Pension. Eine Zwischenstation.
«Ich wollte nicht in einem Dreibettzimmer mit lauter Alkoholikern und Leuten, die sich nicht waschen, wohnen», erzählt er. Ein Mord im Nachbarzimmer war ein «Schlüsselerlebnis», das er für den Absprung brauchte. Sechs Wochen später vermittelte ihm die Stadtmission eine Wohnung. Sachs: «Ich bin den Mitarbeitern dort zu Dank verpflichtet, dass sie so schnell geholfen haben.» Aber dazu später.
Zweite Station Friedrich- Ebert-Platz: «Ein ganz wichtiger Ort», zumindest früher - vor den Zeiten des U-Bahn-Baus. Damals standen nicht nur mehr Bäume hier, der Platz war auch ein beliebter Treffpunkt von Leuten mit wenig Geld, die hier ihr Bier getrunken haben. «Denn nicht jeder kann sich einen Besuch im Biergarten leisten», erzählt Sachs. Schon damals kontrollierte die Polizei stichprobenweise, aber jetzt käme es immer wieder vor, das man teilweise bis zu sechs Mal am Tag seine Papiere zücken müsse. «Eine Verdrängungspolitik, weil die U-Bahn kommt», kritisiert Sachs, der die Gruppe zum nächsten Ziel führt: Domus, das Haus der Barmherzigkeit, an der Pirckheimerstraße. Es befindet sich seit 1930 - mit Unterbrechung während des Zweiten Weltkrieges - in der Trägerschaft des Caritas-Verbandes.
«Achtung, bitte achten Sie auf ihre Wertgegenstände» steht in großen Lettern an der Tür der Notschlafstelle für Männer im Rückgebäude. In zwei Zimmern drängen sich je neun Betten, auf denen Rucksäcke und Plastiktüten auf die Rückkehr ihrer Besitzer warten. Anders als in der städtischen Notschlafstelle für Männer in der Großweidenmühlstraße, die wegen ihrer Lage keinen Platz in der Tour gefunden hat, befinden sich die Zimmer nicht im Container oder Keller, sondern im Erdgeschoss. «Die Räume sind zu 98 Prozent übers Jahr belegt», informiert die Sozialarbeiterin Kornelia Wagner.
Ferner betreuen die Mitarbeiter 35 wohnungslose Männer mit sozialen Schwierigkeiten, die hier leben. Das dritte Standbein ist die traditionelle Armenspeisung. Auch hier habe «vor ein paar Jahren Hartz IV eingeschlagen», sagt die Sozialarbeiterin. In dieser Zeit sei die Zahl von anfangs 60 auf inzwischen 120 Personen gestiegen, am Monatsende strömen gar 150 hungrige Menschen hierher.
Der nächste Halt ist wenige Hausnummern entfernt vor der Stadtmission, die hier betreutes Wohnen mit 54 Plätzen und eine offene Beratung für Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen oder bedroht sind, anbietet. «Es führen viele Wege in die Wohnungslosigkeit», weiß Einrichtungsleiterin Heidi Ott,«es gibt nicht die typische Biografie.»
Im Fall von Bertram Sachs, einer von durchschnittlich 350 Ratsuchenden pro Jahr, sieht seine Geschichte so aus: Nach einer viermonatigen Haftstrafe hatte der gelernte Lagerist seine Wohnung und seinen Job verloren. Dank Vermittlung der Stadtmission konnte der Hartz-IV-Empfänger, nachdem er ein Jahr auf Platte war, wieder eine Wohnung beziehen. Auch das erzählt er auf der Führung, zu der übrigens die SPD-Landtagskandidaten Angelika Weikert und Jonas Lanig eingeladen hatten, um Einblicke in das Leben sozialer Randgruppen zu gewähren und, so Weikert, «diese in die politische Arbeit mitzunehmen». Weiter geht es zur Burg, wo der 50-Jährige an einen ehemaligen Treffpunkt für Sandler in den 70- und 80er Jahren erinnert, «an dem fast nie kontrolliert wurde», zur letzten Station: das Haus eckstein an der Burgstraße. Hier wird sonntags ein Obdachlosenfrühstück aufgetischt, das rund 300 Menschen nutzen. «So richtig mit Bedienung, damit die Leute das Gefühl haben, sie sind was wert», erzählt Sachs.
Zum Schluss gibt er den Zuhörern noch Nachdenkliches auf dem Weg und berichtet von Menschen, die bereits in der dritten Generation von staatlicher Hilfe leben und nicht mehr in der Lage seien, für sich selbst zu sorgen und zu kochen. Und von einem Obdachlosenfrühstück im eckstein, bei dem eine Neunjährige mutterseelenallein am Tisch saß. Auf die Frage, wo denn ihre Eltern seien, erwiderte das Mädchen: «Die schlafen noch». Und wie sie hierher käme? «Ich habe Hunger.»

Claudia Beyer, Nürnberger Nachrichten vom 17.9.2008


Texte voll Witz und Selbstironie

Seit 1994 gibt es das Sozialmagazin «Straßenkreuzer». Fast genauso lange liefern die Mitglieder der Schreibwerkstatt für jede Ausgabe die Texte für eine Doppelseite. Einen Querschnitt der Arbeiten legt der «Straßenkreuzer» jetzt in Buchform vor.
«Eigengewächse» heißt der Titel des liebevoll gestalteten, schmalen Büchleins in elegantem, leuchtend grünem Leineneinband mit orangefarbenem Lesebändchen. Auf 130 Seiten finden sich rund 60 Gedichte und Geschichten von besonderem Reiz. Die Texte – Lyrik und Prosa – sind durch die Bank authentisch und schnörkellos, stecken voll Witz und Selbstironie.
Zusammengestellt hat sie Martina Tischlinger, die dafür sämtliche Ausgaben des «Straßenkreuzer» durchforstete, die seit Bestehen der Schreibwerkstatt erschienen sind. «Wir wollten allen Autoren gerecht werden, die sich für die beiden Seiten des ,Straßenkreuzer‘ engagiert haben», sagte die Chefredakteurin des Magazins, Ilse Weiß, bei der Vorstellung des Buches im Zeitungscafé Hermann Kesten der Stadtbibliothek. Als Pflichtsammelbibliothek wird die Stadtbibliothek, das Buch (Auflage: 4000 Exemplare) in ihren Bestand aufnehmen. Damit sind die «Eigengewächse» weltweit in allen Bibliothekskatalogen nachgewiesen. Der Band ist aber nicht im Buchhandel erhältlich, sondern wird ausschließlich von den Verkäufern des «Straßenkreuzer» in Nürnberg, Fürth und Erlangen zum Preis von 7,30 Euro verkauft.
Einige von ihnen haben selbst Texte zu dem Buch beigesteuert. Bertram, der gemeinsam mit Carlos vor Kultureinrichtungen in Nürnberg und Fürth den «Straßenkreuzer» verkauft, liefert in gerade mal 16 Zeilen ein amüsantes Beispiel fränkischer Schlitzohrigkeit. Auch Carlo ist in dem Buch vertreten, mit kleinen Geschichten aus seinem Leben. «Dabei hat er anfangs geglaubt, er könne überhaupt nicht schreiben», erzählt Ilse Weiß.
Die Mitglieder der Schreibwerkstatt tragen ihre Texte mittlerweile auch in Lesungen vor. «Die Schreibwerkstatt ist ein offener Kreis unterschiedlicher Menschen, die sich sonst vielleicht nicht getroffen hätten», sagt Ilse Weiß. Ob jemand viel Geld habe oder wenig, spiele hier keine Rolle. Das bunt gemischte Team begeistert auch die 82jährige Emma Mayer. Für sie ist die Schreibwerkstatt ein Glücksfall und die beste Altersmedizin.

Uschi Aßfalg, Nürnberger Zeitung vom 12.9.08


Schreibwerkstatt des «Straßenkreuzers« veröffentlicht Buch

«Hat der Nürnberger Humor?« Antworten auf diese und andere Fragen gibt ein außergewöhnliches Büchlein mit amüsanten Gedichten und humorvollen Geschichten, das ab Freitag in Nürnberg zu erwerben ist: Alle Texte stammen von Autoren der Schreibwerkstatt des «Straßenkreuzers« – und die «Eigengewächse« werden auch ausschließlich von den Verkäufern des Sozialmagazins angeboten.
«Da treffe ich meine Donnerstagsfamilie«, sagt Bertram Sachs, der gerne knapp und treffend Begebenheiten wie den Besuch einer Ausstellung oder Erlebnisse auf der Straße schildert – und sich so seine Gedanken über die Welt und sich selbst macht. Dass er selbst einmal zur Feder greifen würde, hätte er sich früher nie träumen lassen. Bis ihn ein Freund zur Schreibwerkstatt mitnahm: «Du redest oft wie ein Buch«, hatte der ihm gesagt, «da macht es Dir vielleicht auch Spaß, etwas zu Papier zu bringen«.Zu den wöchentlichen Treffen, die als Kreativforum für den «Straßenkreuzer« gedacht sind, kommen Jüngere und Ältere, Arme und Bessergestellte, «Normalos« und Außenseiter in wechselnder Besetzung. Viele von ihnen verdienen sich durch den Verkauf des Magazins wenigstens ein paar Euro nebenbei, manche sind inzwischen auch als Stadtführer aktiv. Die Mischung und Vielfalt machen den Reiz der Runde aus, betont «Straßenkreuzer«-Chefredakteurin Ilse Weiß. «Und wir haben immer etwas zu lachen.«
Zum Einstieg lockern Spiele wie etwa das Ausdenken eines Kurzromans zu einem Stichwort Zungen und Gehirnzellen – dann wird munter drauflos getextet, aber auch kritisiert. Weinerliche Wortkaskaden, in denen sich ein Verfasser nur den persönlichen Jammer von der Seele schreibt, sind eher verpönt. Statt dessen sollen – wie es auch die heiteren und oft nachdenklich stimmenden Beiträge von 18 Verfassern in dem Bändchen belegen – «authentische, schnörkellose« Texte die Leser fesseln, «mal hart am Kitsch, mal nah am Genialen«.

Schon häufiger haben die Autoren ihre Texte bei Lesungen vorgetragen. «Da war ich am Anfang auch furchtbar nervös, und wir haben alles fünfmal geprobt«, erinnert sich Bertram Sachs. Längst hat er aber Routine und fühlt sich «trittsicher«. Die Beiträge für das erstmals produzierte Bändchen hat Martina Tischlinger ausgewählt und zusammengestellt – und dabei darauf geachtet, dass möglichst viele Werkstatt-Mitglieder darin vorkommen. Um den besonderen Wert zu unterstreichen, entschied sich das «Straßenkreuzer«-Team für eine sorgfältige Gestaltung mit einem leuchtend grünen Leineneinband und sogar einem Lesebändchen. Die Startauflage wurden 4000 Exemplare gedruckt; jedes kostet 7,30 Euro.
Zum Vergleich: Der «Straßenkreuzer« erscheint im Zweimonatsrhythmus in einer Auflage von durchschnittlich 20.000 Exemplaren. Von den insgesamt 50 Verkäuferinnen und Verkäufern haben inzwischen bereits fünf eine feste Anstellung.

Wolfgang Heilig-Achneck, Nürnberger Nachrichten vom 12.9.08


Happy End für Hao
Vietnamese darf bleiben - Erfolg für «Straßenkreuzer»

Eine «frohe Botschaft» zur rechten Zeit: Der 19 Jahre alte Vietnamese Nhat Hao Pham, der bisher in Deutschland nur geduldet war und jederzeit mit der Abschiebung rechnen musste, darf bleiben. Er bekam eine Aufenthaltserlaubnis und eine Lehrstelle im Theresien-Krankenhaus.
Neben Hao selbst haben viele dazu beigetragen, dass in der Stadt der Menschenrechte das Ausländerrecht nicht gnadenlos vollzogen wurde und ein junger Mann eine Chance bekommt, dem alle große Bereitschaft und Fähigkeit zur Integration bescheinigen. Oder fast alle: Die Ausländerbehörde blieb kraft Amtes bis ganz zuletzt äußerst kritisch.
Am Anfang stand eine Serie im Nürnberger Sozialmagazin «Straßenkreuzer», das unter dem Titel «wie geht‘s weiter» Menschen-Schicksale ein Jahr lang begleitet. Zuerst war es der AEG-Betriebsratsvorsitzende Harald Dix, nun der vietnamesische Flüchtling, der am 16. Oktober 2004 nach Nürnberg kam, also als so- genannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling.
Also solcher hatte er Anspruch auf Schul- und Berufsschulausbildung und auf besondere Zuwendung. Aber nicht auf einen gefestigten Aufenthaltsstatus. Sein Vormund und späterer Betreuer wurde Helmut Klier von der SOS-Kinder- und Jugendhilfe, einer Organisation des SOS-Kinderdorfs, in dessen Nürnberger Jugend-Wohngruppe Hao lebte, bis er 18 wurde.
Dann sind Geduldete als Erwachsene verpflichtet, in einer Gemeinschaftsunterkunft zu leben. Dort bekommen sie nur Sachleistungen, also etwa regelmäßig Essenspakete, und ein bisschen Taschengeld. Arbeiten dürfen sie nicht.
Hao hatte das Glück, von der Berufsfachschule Nürnberger Land in Lauf angenommen zu werden. Fachrichtung Koch, denn das war und ist sein Berufsziel. Das dauerte ein Jahr, dann war es mit der Sicherheit endgültig vorbei. Geduldete dürfen nicht arbeiten, also auch keine richtige Lehre machen, sie sind – so steht es in ihren Papieren – ausreisepflichtig und müssen alles tun, um ihre Ausreise zu beschleunigen. Alle drei Monate wird das überprüft – und nur jeweils maximal so lange reicht ihre Lebensperspektive.
Schüler Hao bekam von seinen Lehrern und Kameraden(innen) nur beste Beurteilungen, und alle, die ihn kannten, wollten nicht verstehen, weshalb ihm die Fortsetzung der Ausbildung verweigert wurde. Aber da sind eben die Gesetze unerbittlich: Geduldete erhalten nur in seltensten Ausnahmefällen eine Arbeitserlaubnis.
Das alles war im «Straßenkreuzer» in bis dahin vier Ausgaben dokumentiert. Die Serie wäre aber vermutlich nicht zu einer Erfolgsstory geworden, hätte nicht die Fotografin Petra Simon – die Hao gemeinsam mit dem Autor der Serie (und dieses Artikels) begleitete – die Initiative ergriffen. Sie informierte OB Ulrich Maly und Stadtrechtsdirektor Hartmut Frommer – und beide sicherten zu, sich für den Vietnamesen einzusetzen. Frommer spielte dabei eine zentrale Rolle, denn er ist stellvertretender Leiter der bayerischen Härtefallkommission.
Dieses Gremium wurde im Rahmen des neuen Zuwanderungsrechts im Freistaat wie in allen anderen Bundesländern eingerichtet. Seine Aufgabe ist es, laut Gesetz, darüber zu beraten, «ob die Anwendung des geltenden Ausländerrechts in bestimmten Einzelfällen zu einer dringenden persönlichen oder humanitären Härte führt, die eine weiter Anwesenheit des Ausländers im Bundesgebiet erfordert». Frommer sah diese gegeben und brachte den «Härtefall Hao» in die Kommission ein.
Ob die zustimmt, hängt hauptsächlich vom Verhalten des Flüchtlings ab. Dieser muss, wie Frommer es ausdrückt, «Goldklümpchen sammeln». Hao brachte etliche zusammen: Seinen Fleiß und seine Integrationsbereitschaft, wie Frommer hervorhebt, außerdem die guten Beurteilungen durch Lehrer und Betreuer und vor allem durch die «Straßenkreuzer-Serie». Goldklümpchen hin oder her – ein Härtefall wird nur dann anerkannt, wenn auch der bayerische Innenminister seinen Segen gibt.
Die letzten ausländerrechtlichen Hürden erwiesen sich dann zwar doch größer als ursprünglich gedacht, doch das Happy End konnte sie nicht mehr gefährden. Innenminister Joachim Herrmann gab seine Zustimmung, Petra Simon hatte zuvor schon für Hao einen Praktikumsplatz in der Küche des Theresien-Krankenhauses gefunden, der automatisch mit dem «Ja» aus München in einen Ausbildungsplatz umgewandelt wurde. Die Bundesagentur für Arbeit gab die notwendige Zustimmung, Hao ist überglücklich, und Küchenchef Rainer Sonnauer freut sich über einen Azubi, der ihn durch seinen Fleiß und sein Engagement «angenehm überrascht» hat.

Herbert Fuehr, Nürnberger Nachrichten vom 20.11.2007


Zeitungsartikel 'Billig kochen mit Rentner Jochen', Bild-Zeitung, 9.8.2007

Bild-Zeitung, 9.8.2007


Sparda-Stiftung zeichnet Preisträger aus
10 000 Euro für die Bildung

Die Gewinner des mit insgesamt 10 000 Euro dotierten SpardaZukunftspreises, der zum ersten Mal verliehen wird, sind: ein Projekt zur Sprachförderung, „Elterntraining“ von Kindergartenkindern und eine Metallwerkstatt. Der SpardaMedienpreis geht an das Nürnberger Sozialmagazin „Straßenkreuzer“. ... Eine Jury aus Journalisten hat den Gewinner des mit 3000 Euro dotierten SpardaMedienpreises für bürgerschaftliches Engagement ausgesucht: das Sozialmagazin „Straßenkreuzer“. Die Inhalte kommen von Journalisten und Fotografen, die ohne Honorar tätig werden. Verkauft wird es von armen und obdachlosen Menschen. Der Erwerb des „Straßenkreuzers“ ist aber keine bloße gute Tat, sondern auch lohnend — ausgezeichnet wurde auch seine hohe, lesenswerte Qualität. „Ehrenamtlichkeit ist nicht das Gegenteil von Professionalität“, sagte NZ-Chefredakteur Raimund Kirch in seiner Laudatio. Das Magazin sei außerdem viel mehr als nur unterhaltsam: „Ämter brauchen Begleitung und Arbeit durch — verzeihen Sie den Ausdruck — ehrenamtliche Nervensägen, wie der Straßenkreuzer eine ist und bleiben sollte.“

ng, Nürnberger Zeitung, 21.12.2006


Festanstellung für zwei „Straßenkreuzer“-Verkäufer
„Ein kleiner, mutiger Schritt“

Für Ilse Weiß, die Chefredakteurin des „Straßenkreuzer“, ist es „ein kleiner, aber auch mutiger Schritt“. Zum 1. Dezember hat der seit zwölf Jahren bestehende Verein Straßenkreuzer e.V. zwei seiner Verkäufer fest angestellt, ein Vorgang, der „sowohl Würde wie Selbstbewusstsein stärkt und zusätzlich eine Perspektive schaffen soll“.
Die Auswahl aus über 50 ehrenamtlichen Verkäufern gestaltete sich nicht einfach, so groß war das Interesse. Um an diesen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz zu kommen, mussten die Interessierten 400 Exemplare des Sozialmagazins im Monat an den Mann bringen. Denn 400 Exemplare müssen auch weiterhin jeden Monat mindestens verkauft werden, um eine Prämie von 140 Euro zu erhalten. Das Gehalt von 500 Euro ergibt sich demnach zu 360 Euro aus dem Heftverkauf — die Verkäufer behalten 90 Cent von jedem verkauften Heft als Gewinn - und 140 Euro Prämie.
Dabei soll, so Weiß, „kein riesiger Leistungsdruck aufbaut werden, vielmehr soll diese Marke alle anderen Verkäufer anstacheln“. Allein der finanzielle Anreiz genüge nicht, denn „Arbeitslosengeld II würde ungefähr genau soviel einbringen“.
Zur Auswahl standen sechs Personen, von denen jedoch nur zwei die Marke erreichten. Deshalb sind beim „Straßenkreuzer“ noch zwei weitere feste Stellen vakant, die in den nächsten Wochen vergeben werden sollen.
Reinhard Semtner (siehe Interview) verkauft seit Mitte 2000 den Straßenkreuzer in der Königstorpassage und hat eine eigene Verkaufsstrategie entwickelt: „Ich stehe einfach nur da, ganz ohne Animation.“ Was Semtner an seiner Tätigkeit besonders gefällt, ist der Kontakt mit den Menschen. „Es gibt sogar welche, die nachfragen, ob ich krank bin, wenn ich einmal nicht vor Ort sein sollte“, so der 66-Jährige zufrieden.
Obwohl der Frauenanteil bei den „Straßenkreuzer“-Verkäufern nur bei ungefähr 20 Prozent liegt, konnte Ingrid Gutmann den zweiten Arbeitsvertrag ergattern. Die 63-Jährige hat ihren Stammplatz vor dem U-Bahneingang beim Karstadt.
„Jeden Tag vor Ort zu sein, erfordert eine hohe Motivation. Doch ich habe mir eine Stammkundschaft aufgebaut, die will ich auch nicht wieder verlieren“, so die erfolgreiche „Straßenkreuzer“-Verkäuferin. Auffällig viele Frauen sind unter ihren Kunden, während „viele offensichtlich Reiche einfach vorbeigehen“.
In der Vorweihnachtszeit sind die Passanten insgesamt freigiebiger, dies weiß Gutmann aus eigener Erfahrung: „Als Weihnachtsausgabe könnte man auch ein leeres Blatt anbieten, die Menschen würden es kaufen.“ Deshalb soll im Dezember 2006 auch endlich die Schallmauer von 30 000 verkauften Heften einer Auflage durchbrochen werden.
Der Straßenkreuzer erscheint sechs Mal im Jahr mit einer Standardauflage von 20 000 Exemplaren. Der Verkauf erfolgt auf der Straße ausschließlich durch Menschen in sozialen Schwierigkeiten, die 90 Cent vom Verkaufspreis (1,60 Euro) als Gewinn behalten dürfen. Der Inhalt wird von einem Team aus ehrenamtlichen Journalisten erstellt und ist stets an ein Titelthema angelehnt. Seit gestern ist die auflagenstarke Weihnachtsausgabe mit dem Thema „Privatsphäre“ erhältlich.
Für Weiß wäre es wünschenswert, für die fest Angestellten so genannte Paten zu finden: „Beim Münchner Magazin ,Biss‘ klappt dies prima. Wenn auch hier Privatpersonen oder Firmen eine Patenschaft übernehmen würden, könnte diese für weitere Integration und einen zusätzlichen Schub sorgen. Gerade Jüngere würden dann wieder eine Perspektive sehen und vielleicht den Absprung in eine normale Tätigkeit schaffen.“

Thomas Susemihl in der Nürnberger Zeitung, 2.12.06


Reinhard Semtner ist fest angestellt
„Sehr viele Kunden haben mir gratuliert“

Reinhard Semtner hat es geschafft. Seit Dezember ist der Verkäufer des Straßenkreuzer „fest angestellt“. Warum er nach seiner Festanstellung weniger Geld zur Verfügung hat als vorher und deswegen nach wie vor auf regen Kundenzuspruch angewiesen ist, erklärt er im NZ-Gerspräch.

NZ: Herr Semtner, man kann ihnen ab sofort zu einem festen Arbeitsverhältnis gratulieren. Haben Sie jetzt ausgesorgt?
Semtner: Also ausgesorgt ist übertrieben formuliert. Zunächst muss ich ja jeden Monat 400 Hefte verkaufen. Dafür bekomme ich vom Verein monatlich 360 Euro und eine Prämie von 140 Euro, zusammen also 500 Euro. So lautet mein Arbeitsvertrag.
NZ: Hat sich denn am Arbeitsalltag etwas geändert?
Semtner: Nein, ich verkaufe genau so wie sonst, von morgens um neun bis um etwa halb fünf, jeden Tag. Ich werde ab sofort vielleicht sogar ein bisschen länger machen müssen. Meine Grundsicherung von 306 Euro wird mir im Dezember zum letzten Mal bezahlt. Die Prämie für 400 verkaufte Hefte beträgt 140 Euro, bei gleichbleibendem Erlös aus dem Heftverkauf. Die 360 Euro aus dem Verkauf habe ich ja zuvor auch schon erzielt. Also habe ich letztendlich durch die feste Stelle sogar 160 Euro weniger auf der Hand als vorher.
NZ: Sie werden aber doch sicher mehr als 400 Hefte verkaufen können?
Semtner: Natürlich, genau darin besteht ja die Möglichkeit, den Verlust wieder ein wenig abzupuffern: durch Eigeninitiative.
NZ: Geben sie doch mal eine optimistische Schätzung ab, wie viele Hefte sie im Dezember verkaufen werden.
Semtner: Den Dezember darf man natürlich nicht als Maßstab für alle Monate nehmen. Rund um Weihnachten geht das Geschäft immer besonders gut. Da wird ja auch die Auflage von 20 000 Stück auf 27 000 Stück aufgestockt. Deutlich schwieriger wird es dann ab Februar. Aber jetzt im Dezember hoffe ich schon, so an die 700 Hefte zu verkaufen.
NZ: Sie stehen ja immer in regem Kontakt zu ihrer Kundschaft. Sind Sie denn schon angesprochen worden?
Semtner: Sehr viele Kunden haben mir gratuliert. Auch viele Leute, die ich gar nicht näher kannte, die haben dann im vorübergehen den Daumen gehoben und mich angelächelt. Aus welchen Gründen auch immer sehen die alle das sehr positiv. Allerdings waren auch schon Leute bei mir, die jetzt ein wenig verunsichert sind. Die haben mich dann gefragt, ob es jetzt überhaupt noch Sinn macht, bei mir zu kaufen, weil ich jetzt ja einen „festen Job“ habe. Denen musste ich dann erklären, dass ich selbstverständlich weiterhin auf gute Umsätze angewiesen bin. Das gibt mir jetzt natürlich ein bisschen zu denken.
NZ: Abgesehen von der Prämie von 140 Euro hat sich ja eigentlich nicht viel geändert, oder?
Semtner: Naja, und ich verliere eben die Grundsicherung. Die Arge hatte sich schon bei mir gerührt, da war mein endgültiger Arbeitsvertrag noch nicht mal unterzeichnet. Das geht ziemlich schnell bei denen. Aber das ist mir jetzt egal, ich habe mich für diesen Schritt entschieden, auch wenn ich dafür finanzielle Nachteile in Kauf nehme.

Fragen: Sebastian Linstädt; Nürnberger Zeitung, 2.12.06


Mit über 60 einen Arbeitsvertrag
Premiere beim Straßenkreuzer: Zwei Verkäufer fest angestellt

Für zwei Verkäufer des Sozialmagazins „Straßenkreuzer“ bietet sich künftig eine sichere Lebensperspektive. Der Herausgeber-Verein stellt die beiden ab Dezember — unter großem finanziellen Risiko —fest an und versorgt sie mit einen regelmäßigen Einkommen. Zwei weitere Stellen können noch besetzt werden.
Für Reinhard Semtner beginnt noch einmal ein neues Kapitel im Leben. Seit sechs Jahren verkauft der 66-Jährige den Straßenkreuzer. Das Sozialmagazin erscheint sechs Mal im Jahr und wird von Journalisten ehrenamtlich geschrieben und vom Verein Straßenkreuzer herausgegeben. Semtner hat seinen Stammplatz am Eingang zur Königstorpassage in Nürnberg — und er hat seine Stammkunden, die ihm das Heft abkaufen und so sein Leben mitfinanzieren. Auch für Ingrid Gutmann bietet jede Ausgabe eine neue Chance, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Sie steht vor dem Karstadt-Kaufhaus in der Königstraße, und auch die 63-Jährige kennen mittlerweile viele Passanten.
Beide Verkäufer bekommen nun vom Verein eine feste Anstellung, kündigt Vorstand Peter Meusch an. Für Reinhard Semtner und Ingrid Gutmann bedeutet dies vor allem: jeden Monat 500 Euro netto. Dafür müssen sie aber auch jeden Monat mindestens 400 Exemplare verkaufen, was 360 Euro einbringt. Der Verein schießt 140 Euro zu und zahlt die Sozialabgaben. „Pro Verkäufer kommen da im Jahr 5000 Euro zusammen“, erklärt Chefredakteurin Ilse Weiß. „Wir gehen damit ein großes finanzielles Risiko ein“, betont sie. „Doch wir bieten den Verkäufern eine neue Perspektive.“
Zwölf Jahre nach der Gründung des Magazins wagt sich der Verein also wieder einen Schritt weiter nach vorne. Auf Dauer gehe das ohne Paten nicht, heben Weiß und Meusch hervor. Daher richten sie auch den Appell an potenzielle Unterstützer, sich an dem Projekt zu beteiligen.
50 Verkäuferinnen (in der Minderheit) und Verkäufer bringen die Ausgaben unters Volk. 20 000 Hefte pro Auflage, die Weihnachtsausgabe hat eine Auflage von 27 000 Exemplaren. Die Verkäufer erwerben das Magazin für 70 Cent pro Heft und verkaufen es für 1,60 Euro. 90 Cent davon bleiben ihnen als Verdienst, plus Trinkgeld.
„Die wenigsten Helfer schaffen bisher die Vorgaben für eine Festanstellung“, räumt Meusch ein. Man wolle aber auch keinen Leistungsdruck aufbauen, wohl aber Anreize schaffen. Bei der ersten Bewerberrunde haben zwei die Testrunde bestanden. „Wir können aber noch zwei weitere Stellen besetzen“, sagt Weiß.
Für Reinhard Semtner und Ingrid Gutmann ist der Arbeitsvertrag eine Bestätigung ihrer jahrelangen Anstrengungen. „Die 400 Exemplare im Monat sind für mich kein Problem“, betont Semtner. Er steht regelmäßig an seinem Platz. Und wenn der Verkäufer einmal fehlt, fragen Stammkunden gleich in einem der Läden nach, ob er krank sei. „Ein Großteil meiner Kundschaft ist weiblich“, stellt der Verkäufer fest. Langweilig wird ihm selten, denn es gibt immer etwas zu quatschen.

Andreas Franke. Nürnberger Nachrichten, 16.11.06




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